Israel-Wahl: Netanjahu liegt vorn, verfehlt aber Mehrheit
Veröffentlicht am: 28.10.2026 um 10:58 Uhr | dpa, AD HOC NEWSHerzog entscheidet über den Regierungsauftrag
- Nach acht Tagen sollen die offiziellen Wahlergebnisse vorliegen.
- Präsident Izchak Herzog beauftragt den Kandidaten mit den besten Aussichten.
- Bei einem Scheitern der Gespräche könnte eine Übergangsregierung bis zu Neuwahlen amtieren.
Israels Wahl lässt Regierungsmehrheit offen
Nach der Parlamentswahl in Israel liegt die Likud-Partei von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu vorn, doch sein rechtsreligiöses Lager erreicht ebenso wenig eine Mehrheit wie der Block des früheren Militärchefs Gadi Eisenkot. Für eine Regierungsbildung sind 61 der 120 Sitze in der Knesset erforderlich.
Beide Lager liegen nach der Auszählung eines Großteils der Stimmen unter dieser Schwelle. Damit stehen schwierige Koalitionsverhandlungen bevor.
Herzog vergibt den Regierungsauftrag
Nach der Veröffentlichung der offiziellen Ergebnisse in acht Tagen soll Präsident Izchak Herzog den Kandidaten mit den besten Aussichten mit der Regierungsbildung beauftragen. Sowohl Netanjahu als auch Eisenkot beanspruchen den Auftrag für sich.
Wer den nächsten Regierungschef stellen wird, ist deshalb noch offen. Herzog muss die Kräfteverhältnisse und die Empfehlungen der Parteien berücksichtigen.
Arabische Parteien könnten entscheidend werden
Rechnerisch könnte Eisenkots Lager mit arabischen Parteien eine Mehrheit erreichen. Mansur Abbas, Vorsitzender der arabischen Raam-Partei, äußerte die Hoffnung auf eine gemeinsame Mehrheit mit der Opposition.
Mehrere Parteien aus dem Oppositionslager lehnen eine solche Zusammenarbeit jedoch ab. Der linksliberale Demokraten-Chef Jair Golan rief dagegen zu einer Koalition mit arabischen Parteien auf.
Netanjahu lehnt arabische Unterstützung ab
Netanjahu erklärte unmittelbar nach der Wahl, es dürfe keine Regierung geben, die sich auf arabische Parteien stütze. Zwischen rechten jüdischen Parteien und arabischen Parteien besteht in Israel seit Langem eine politische Trennlinie.
Auch eine gemeinsame Regierung aus Parteien der gegnerischen Lager ist nicht vollständig ausgeschlossen. Eisenkot hat eine Koalition mit Netanjahu bislang abgelehnt; zugleich wurde ein solches Modell im Wahlkampf öffentlich diskutiert.
Neuwahlen bleiben möglich
Scheitern die Koalitionsgespräche, könnte Netanjahu zunächst an der Spitze einer Übergangsregierung im Amt bleiben. Danach wären neue Parlamentswahlen möglich.
Israel erlebte zwischen 2019 und 2022 bereits fünf Wahlen. Eine erneute politische Blockade käme für das Land in einer Phase ungelöster Konflikte in Gaza, im Libanon und im Westjordanland.
Sicherheitsfragen prägen die nächste Regierung
Im Wahlkampf ging es neben der Sicherheitslage um die Zukunft der liberalen Demokratie, die Wehrpflicht für Ultraorthodoxe, den geplanten Justizumbau und Netanjahus politische Verantwortung für den Terrorangriff vom 7. Oktober 2023. Gegen den Ministerpräsidenten läuft zudem ein Korruptionsprozess.
Ein grundlegender Kurswechsel in der Palästinenserpolitik gilt auch bei einem Regierungswechsel als unwahrscheinlich. Im Westjordanland könnte eine neue Regierung jedoch gegen gewalttätige Siedler vorgehen und beim festgefahrenen Gaza-Plan neue Fortschritte ermöglichen.
Konflikte mit Iran und Hisbollah
Beobachter rechnen unabhängig vom Wahlausgang mit einem weiteren Krieg mit dem Iran. Im Libanon-Konflikt fordert auch Eisenkot, dass die Hisbollah vor einem israelischen Abzug aus dem Süden des Landes entwaffnet wird.
Die Wahl entscheidet damit nicht nur über die Zusammensetzung der nächsten Regierung. Sie beeinflusst auch den Handlungsspielraum Israels in mehreren regionalen Konflikten.
Die Wahl zeigt ein bekanntes strukturelles Problem des israelischen Parteiensystems: Entscheidend ist nicht allein, welche Partei stärkste Kraft wird, sondern welcher Block mindestens 61 Abgeordnete hinter sich versammeln kann. Likud liegt zwar vorn, doch Netanjahus rechtsreligiöses Lager verfehlt diese Schwelle ebenso wie das Bündnis um Gadi Eisenkot.
Damit gewinnen kleinere Parteien und insbesondere arabische Abgeordnete an Gewicht. Eine Zusammenarbeit mit ihnen könnte Eisenkots Lager rechnerisch zur Mehrheit verhelfen, ist politisch aber umstritten. Netanjahu lehnt eine Regierung ab, die auf arabische Parteien angewiesen wäre; zugleich gibt es in Eisenkots Bündnis Widerstand gegen ein solches Modell.
Koalitionspoker unter Zeitdruck
Nach der offiziellen Ergebnisfeststellung soll Präsident Izchak Herzog den Kandidaten mit den besten Aussichten mit der Regierungsbildung beauftragen. Die Gespräche könnten sich dennoch über Wochen hinziehen. Scheitern sie, bliebe eine Übergangsregierung im Amt und Israel könnte erneut wählen – ein Szenario, das angesichts der wiederholten Wahlen zwischen 2019 und 2022 politisch nicht beispiellos ist.
Für die regionale Politik wäre eine längere Blockade besonders folgenreich. Die Regierung müsste Entscheidungen zum Gaza-Krieg, zum Verhältnis zur Hisbollah im Libanon, zur Sicherheitslage im Westjordanland und zum Streit über die Wehrpflicht treffen. Ein Regierungswechsel könnte den Umgang mit gewalttätigen Siedlern verändern und beim Gaza-Wiederaufbau neue Spielräume eröffnen, würde aber voraussichtlich keinen grundlegenden Kurswechsel in der Palästinenserpolitik bedeuten.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
ZDFheute: „Wahl in Israel: Netanjahu fordert starke rechte Regierung“ (28.10.2026)
Der Liveblog bestätigt das Patt und berichtet, dass Netanjahus Lager nach einem Zwischenstand bei 56 Sitzen und Eisenkots Bündnis bei 49 Sitzen liegt. Einen eigenen Schwerpunkt setzt der Beitrag auf Netanjahus Forderung nach einer Regierung ohne arabische Parteien sowie auf den Vorstoß des Demokraten-Chefs Jair Golan für eine Kooperation mit ihnen.
Der Beitrag hebt die hohe Wahlbeteiligung und die mögliche Schlüsselrolle arabischer Parteien hervor. Anders als die dpa-Meldung konzentriert er sich stärker auf den politischen Machtpoker und die innenpolitische Bedeutung der Wahl als Abstimmung über Netanjahus Amtsführung.
Beide Beiträge stimmen darin überein, dass kein Lager die erforderliche Mehrheit erreicht hat. Offen bleibt, ob eine Koalition mit arabischen Parteien, eine Einheitsregierung oder letztlich eine Neuwahl den Ausweg bildet.
