Knesset-Wahl, Benjamin Netanjahu

Knesset-Wahl: 7,3 Millionen Israelis vor engem Rennen

Veröffentlicht am: 27.10.2026 um 16:52 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
In Israel zeichnet sich eine ungewöhnlich hohe Beteiligung ab. Weil voraussichtlich kein Lager allein die Mehrheit erreicht, könnten nach der Auszählung schwierige Koalitionsverhandlungen folgen.

Wahlablauf und Regierungsbildung

  • Rund 7,3 Millionen Wahlberechtigte bestimmen die 120 Mitglieder der Knesset.
  • Die Stimmen von Soldaten und Reservisten werden ab Mittwoch ausgezählt.
  • Mit vorläufigen Endergebnissen wird am Donnerstag gerechnet.
  • Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ruft seine Anhänger auf, zur Wahl zu gehen. Foto aktuell - Bild: Yonatan Sindel/Pool Flash90 via AP/dpa
  • Gadi Eisenkot, wichtigster Herausforderer von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, kündigt im Fall einer Regierungsübernahme einen neuen Politikstil an. Foto aktuell - Bild: Ariel Schalit/AP/dpa
  • Bei der Parlamentswahl in Israel zeichnete sich eine hohe Beteiligung ab. Vielerorts bildeten sich vor den Wahllokalen Schlangen. Foto aktuell - Bild: Gil Cohen-Magen/dpa
  • Auch in der arabisch geprägten Stadt Taibe bildeten sich in Wahllokalen lange Schlangen. Foto aktuell - Bild: Gil Cohen-Magen/dpa
Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ruft seine Anhänger auf, zur Wahl zu gehen. Foto aktuell - Bild: Yonatan Sindel/Pool Flash90 via AP/dpa Gadi Eisenkot, wichtigster Herausforderer von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, kündigt im Fall einer Regierungsübernahme einen neuen Politikstil an. Foto aktuell - Bild: Ariel Schalit/AP/dpa Bei der Parlamentswahl in Israel zeichnete sich eine hohe Beteiligung ab. Vielerorts bildeten sich vor den Wahllokalen Schlangen. Foto aktuell - Bild: Gil Cohen-Magen/dpa Auch in der arabisch geprägten Stadt Taibe bildeten sich in Wahllokalen lange Schlangen. Foto aktuell - Bild: Gil Cohen-Magen/dpa

Israel stimmt über 120 Knesset-Sitze ab

Bei der Parlamentswahl in Israel zeichnet sich eine hohe Wahlbeteiligung sowie ein enges Rennen zwischen dem Lager von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und seinen politischen Gegnern ab. Die Abstimmung gilt als Schicksalswahl für die innenpolitische Ausrichtung des Landes, ein Kurswechsel in der Palästinenserpolitik scheint nach Aussagen führender Politiker jedoch unwahrscheinlich.

Mehr als sieben Millionen Wahlberechtigte

Rund 7,3 Millionen Wahlberechtigte sind aufgerufen, die 120 Abgeordneten der Knesset zu bestimmen. Die Wahllokale sollen um 21.00 Uhr MEZ schließen, anschließend werden erste Prognosen auf Grundlage von Nachwahlbefragungen erwartet.

Beteiligung liegt deutlich über 2022

Nach Angaben der zentralen Wahlkommission zeichnet sich die höchste Wahlbeteiligung seit Beginn der Erfassung 1973 ab. Um 15.00 Uhr MEZ lag sie bei 55,7 Prozent und damit rund acht Prozentpunkte höher als bei der Wahl 2022.

Vor Wahllokalen in Tel Aviv und in arabisch geprägten Städten bildeten sich lange Schlangen. Medienberichten zufolge reisten mehr als 70.000 Israelis aus dem Ausland an, um ihre Stimme abzugeben.

Netanjahu mobilisiert rechte Wähler

Netanjahu rief seine Anhänger auf der Plattform X zur Stimmabgabe auf. Er begründete den Aufruf wie bei früheren Wahlen mit einer aus seiner Sicht überdurchschnittlich hohen Beteiligung arabischer Staatsbürger und sprach von einem „Notruf“, weil die Beteiligung im rechten Lager geringer ausfalle.

Soldatenstimmen werden später ausgezählt

Die Stimmen von Hunderttausenden israelischen Soldaten und Reservisten werden turnusmäßig erst einen Tag später, ab Mittwoch, ausgezählt. Dieser Wählergruppe wird eine starke Unterstützung rechter Parteien zugeschrieben.

Mit vorläufigen Endergebnissen wird am Donnerstag gerechnet. Die offiziellen Ergebnisse sollen acht Tage nach der Wahl veröffentlicht werden.

Herzog vergibt Auftrag zur Regierungsbildung

Nach der Veröffentlichung beauftragt Präsident Izchak Herzog den Kandidaten mit der Regierungsbildung, dem die besten Chancen eingeräumt werden. Dieser hat zunächst vier Wochen Zeit, eine Koalition zu schmieden.

Kein Block vor sicherer Mehrheit

Den letzten Umfragen vom Freitag zufolge zeichnet sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Netanjahu und seinem wichtigsten Herausforderer Gadi Eisenkot ab. Der frühere Militärchef führt die Mitte-Partei Jaschar.

Voraussichtlich wird kein Block die für eine Regierung erforderlichen 61 Stimmen erreichen. Eine lange Koalitionssuche oder eine Pattsituation sind deshalb möglich; Netanjahu könnte dann zunächst an der Spitze einer Übergangsregierung im Amt bleiben.

Sicherheit und Demokratie prägen Wahlkampf

Es ist die erste Wahl seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 und dem darauffolgenden Gaza-Krieg. Nach der Wahl von 2022 bildete Netanjahu mit religiösen und rechtsextremen Kräften die bislang am weitesten rechts stehende Regierung in der Geschichte Israels.

Ein von der Regierung vorangetriebener Umbau der Justiz und der Streit über die Wehrpflicht für Ultraorthodoxe spalteten die Gesellschaft. Im Wahlkampf standen zudem Sicherheit, Demokratie und Netanjahus persönliche Verantwortung für den Terrorangriff im Mittelpunkt.

Eisenkot wirbt für anderen Politikstil

Eisenkot kündigte für den Fall eines Regierungswechsels einen neuen Politikstil an. Israel solle nicht durch Spaltung und Panikmache, sondern durch Einheit geführt werden.

Wie Netanjahus Likud lehnen die meisten Oppositionsparteien die Gründung eines palästinensischen Staates ab. Bei einem Regierungswechsel könnte die Gewalt im Westjordanland nach Einschätzung von Beobachtern dennoch eingedämmt werden.

Folgen für Gaza und Libanon offen

Beim festgefahrenen Gaza-Plan könnten sich nach Einschätzung von Experten mit einer neuen Regierung Fortschritte ergeben. Der Plan sieht ein vollständiges Ende des Krieges und den Wiederaufbau des großflächig zerstörten Gazastreifens vor.

Im Libanon-Konflikt fordert auch Eisenkot, dass die Hisbollah zunächst entwaffnet wird, bevor Israel seine Truppen aus dem Süden des Nachbarlandes abzieht. Ein weiterer Konflikt mit dem Iran wird unabhängig vom Wahlausgang erwartet.

Die Wahl ist der erste landesweite Urnengang in Israel seit dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 und dem anschließenden Gaza-Krieg. Damit verbindet sich die Abstimmung nicht nur mit der Frage, wer künftig regiert, sondern auch mit der politischen Verantwortung für Sicherheitsversäumnisse und den Umgang mit dem Krieg.

Innenpolitisch stehen sich zwei sehr unterschiedliche Lager gegenüber. Benjamin Netanjahu setzt auf seine sicherheitspolitische Erfahrung und die Unterstützung rechter und religiöser Parteien. Gadi Eisenkot verspricht dagegen einen anderen politischen Stil sowie eine Untersuchung der Vorgänge rund um den 7. Oktober. Ein Regierungswechsel würde jedoch nicht automatisch einen grundlegenden Kurswechsel in der Außen- und Sicherheitspolitik bedeuten.

Koalitionen entscheiden über den Ausgang

Entscheidend ist, dass nach den Umfragen kein Block die erforderliche Mehrheit von 61 der 120 Knesset-Sitze erreichen dürfte. Selbst ein Wahlsieg eines Lagers könnte deshalb zunächst nur den Auftrag zur Regierungsbildung bringen. Präsident Izchak Herzog wird den Kandidaten beauftragen, dem die besten Chancen zugerechnet werden; danach beginnen die Koalitionsverhandlungen.

Die hohe Beteiligung kann die Kräfteverhältnisse verändern, ohne den Ausgang vorherzubestimmen. Besonders wichtig sind die Stimmen arabischer Bürger, der Soldaten und Reservisten sowie der Israelis, die zur Wahl aus dem Ausland anreisten. Für die Bevölkerung bedeutet das: Mit einem vorläufigen Ergebnis ist zu rechnen, eine belastbare Regierungsentscheidung dürfte aber erst nach weiteren Auszählungen und Verhandlungen feststehen.

Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen

Frankfurter Rundschau: „Wahlen in Israel 2026: Erste Zahlen deuten historischen Rekordwert an“ (27.10.2026)

Der Artikel ordne die Wahl als enges Rennen ein und stelle Netanjahus lange Amtszeit sowie den politischen Druck nach dem Hamas-Angriff heraus. Einen zusätzlichen Schwerpunkt bilde die Forderung nach einem Regierungswechsel ohne rechtsextreme Minister.

Euronews: „Welt blickt auf Israel: Erste Parlamentswahl seit 7. Oktober 2023“ (27.10.2026)

Euronews hebe ebenfalls das Kopf-an-Kopf-Rennen und die erwarteten langen Koalitionsverhandlungen hervor. Der Beitrag betone zusätzlich die internationale Bedeutung der Wahl und die mögliche Rolle arabischer Parteien bei einem knappen Ergebnis.

Beide Beiträge bestätigten die offene Ausgangslage und die schwierige Mehrheitsbildung. Unterschiede lägen vor allem beim Schwerpunkt: Während die Frankfurter Rundschau stärker Netanjahus innenpolitischen Druck und deutsche Reaktionen beleuchte, richte Euronews den Blick stärker auf internationale Folgen und mögliche Koalitionsarithmetik.

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