Kanada und EU: Von der Leyen schlägt „assoziierte Mitgliedschaft“ vor – Trump droht mit Zöllen
Veröffentlicht am: 17.09.2026 um 07:11 Uhr | dpa, AD HOC NEWSEU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat vorgeschlagen, Kanada zum ersten „assoziierten Mitglied“ der Europäischen Union zu machen und die Beziehungen damit auf „das höchstmögliche Niveau“ zu heben.
Von der Leyens Vorstoß für engere Zusammenarbeit
Von der Leyen nannte als Schwerpunkte einer möglichen engeren Zusammenarbeit Technologiefragen, die Rüstungsgüterproduktion, Künstliche Intelligenz und die Arktispolitik. Der Begriff der „assoziierten Mitgliedschaft“ ist im EU-Vertragswerk bislang nicht vorgesehen; es existieren lediglich Vollmitgliedschaften, Beitrittskandidaten und verschiedene Partnerschaftsformen mit Drittstaaten. Möglich wäre jedoch ein neues Assoziierungsabkommen, das Rechte, Pflichten und Verfahren zwischen EU und Kanada genauer regelt.
Debatte um neuen Status und Merz-Vorstoß
In der europäischen Debatte war die Formulierung zuletzt durch Bundeskanzler Friedrich Merz aufgegriffen worden, der für die Ukraine eine „assoziierte Mitgliedschaft“ als Zwischenschritt in die EU ins Spiel gebracht hatte. Nach seinen Vorstellungen könnte ein solcher Status die Teilnahme an Gipfeln und Ministertreffen sowie vertiefte politische Einbindung schon vor einem formalen Beitritt umfassen. Von der Leyens Kanada-Vorschlag geht jedoch über bisherige Modelle hinaus und bleibt im Detail noch unklar.
Kanadas Ziele und Verhältnis zur EU
Der kanadische Premierminister Mark Carney betont, sein Land strebe keine EU-Mitgliedschaft an. Er spricht von größerer „strategischer Autonomie“ und dem Aufbau eines Netzes verlässlicher Partnerschaften. Ziel sei eine „einzigartige Sicherheits- und Wirtschaftsallianz“ mit der EU, vor dem Hintergrund der angespannten Beziehungen zu den USA unter Präsident Donald Trump. Schon heute sind die Beziehungen eng: Seit 2017 gilt das Freihandelsabkommen Ceta vorläufig, Kanada ist an Teilen des Forschungsprogramms Horizon Europe beteiligt und seit 2025 besteht eine umfassende Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft.
Keine Abkehr von den USA – aber klare Akzente
Von der Leyen stellt klar, dass die angestrebte Partnerschaft nicht gegen andere gerichtet sei, sondern die gemeinsame Stärke Europas und Kanadas erhöhen solle. Auch Carney präsentiert seine Linie als Diversifizierung und nicht als Bruch mit den USA. Gleichwohl erklärt die schwierige Lage mit Washington, warum Ottawa die Verbindungen nach Europa besonders rasch vertieft. Seit Juni ist Kanada als erstes nichteuropäisches Land am EU-Verteidigungsinstrument Safe beteiligt, was kanadischen Unternehmen bei gemeinsamen Beschaffungen Vorteile bringen kann.
Scharfe Reaktion von US-Präsident Trump
US-Präsident Donald Trump bezeichnete den Vorschlag einer „assoziierten Mitgliedschaft“ für Kanada als „lächerlich“. Er warnte, sollte er dies als „feindseligen Akt“ empfinden, könnte er „sehr hohe Zölle“ verhängen oder den Handel mit Europa in vielen Bereichen einstellen. Zugleich erklärte Trump, das Vorgehen sei in Ordnung, falls die Absicht dahinter gut sei, ohne zu präzisieren, welche Kriterien für ihn entscheidend wären.
Nächste Schritte und offene Fragen
Nun müssen EU-Kommission und Kanada klären, wie sich der politische Vorstoß in ein konkretes Modell übersetzen lässt: Welche Politikfelder sollen einbezogen werden, welche Mitspracherechte erhält Ottawa und welche Verpflichtungen übernimmt es? Auch die Frage nach der genauen Rechtsgrundlage steht noch aus. Eine wichtige Wegmarke dürfte der nächste EU-Kanada-Gipfel am 29. und 30. Oktober sein, den die Kommission bereits vor der Rede von der Leyens als zentralen Schritt in den Beziehungen angekündigt hatte.
Strategische Neujustierung zwischen EU, Kanada und USA
Die Initiative einer "assoziierten Mitgliedschaft" Kanadas in der EU markiert einen weiteren Schritt in der strategischen Neujustierung westlicher Bündnisse. Während klassische Beitrittsmodelle auf europäische Staaten zugeschnitten sind, sucht Brüssel mit Ottawa nach Formen enger politischer und wirtschaftlicher Zusammenarbeit, die über bestehende Abkommen hinausgehen. Damit soll die bereits ausgeprägte Partnerschaft institutionell vertieft werden, ohne die formalen Grenzen der EU-Verträge zu überschreiten.
Signalwirkung für transatlantische Beziehungen
Die Rede von Mark Carney im Europäischen Parlament kommt in einer Phase erheblicher Spannungen zwischen Kanada und den USA unter Präsident Donald Trump. Die von ihm ins Spiel gebrachten Zölle und Drohungen mit Handelsbeschränkungen unterstreichen, wie stark wirtschaftliche und sicherheitspolitische Fragen derzeit politisiert werden. Für die EU bietet eine engere Bindung an Kanada die Möglichkeit, ihre transatlantischen Beziehungen breiter aufzustellen und weniger abhängig von Washington zu agieren, ohne sich offen gegen die USA zu positionieren.
Bedeutung für Wirtschaft, Sicherheit und Leser
Für Unternehmen in Europa könnte ein ausgebautes Sicherheits- und Wirtschaftsgefüge mit Kanada zusätzliche Chancen im Handel, in Forschung und Technologie sowie bei gemeinsamen Rüstungsprojekten eröffnen. Bereits heute sind Ceta, Horizon Europe und sicherheitspolitische Abkommen wichtige Pfeiler dieser Kooperation. Eine neue Kategorie der Zusammenarbeit könnte Verfahren vereinfachen und politische Abstimmung beschleunigen. Für Leser in Deutschland ist die Debatte auch deshalb relevant, weil sie zeigt, wie flexibel die EU ihr Instrumentarium weiterentwickelt, um mit verlässlichen Partnern globale Herausforderungen – von Handel über KI bis zur Arktispolitik – zu bewältigen, ohne klassische Erweiterungsprozesse zu bemühen.
