Israel-Wahl am 27. Oktober entscheidet über Kriegskurs
Veröffentlicht am: 26.10.2026 um 04:07 Uhr | dpa, AD HOC NEWSKonflikte prägen Israels Wahlentscheidung
- Israel wählt am 27. Oktober ein neues Parlament.
- Im Westjordanland leben mehr als 700.000 israelische Siedler unter rund drei Millionen Palästinensern.
- Die Hamas kontrolliert weiterhin knapp die Hälfte des Gazastreifens.
Israels Wahl stellt den Kurs in mehreren Konflikten infrage
In Israel sollen die Menschen am 27. Oktober ein neues Parlament wählen, dessen Ergebnis Auswirkungen auf die Konflikte in der Region haben dürfte. Nach Umfragen könnten weder das Lager des amtierenden Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu noch seine Gegner leicht eine Mehrheit sichern.
Zweistaatenlösung bleibt umstritten
Selbst ein Sieg des liberaleren Anti-Netanjahu-Lagers würde nach Einschätzung von Experten keinen schnellen Friedensschluss garantieren. Auch mehrere Oppositionspolitiker lehnen die Gründung eines palästinensischen Staates ab, darunter Gadi Eisenkot, der als stärkster Rivale Netanjahus gilt.
Mehr als 30 Jahre nach den gescheiterten Friedensvereinbarungen zwischen Israel und den Palästinensern ist das gegenseitige Misstrauen tief. Eine neue Regierung könnte jedoch versuchen, die Gewalt im Westjordanland einzudämmen und entschlossener gegen gewalttätige Siedler vorzugehen.
Netanjahu könnte Siedlungspolitik verschärfen
Bei einer Wiederwahl Netanjahus befürchten Beobachter eine weitere Verschärfung der Lage. Dazu könnten zusätzlicher Siedlungsbau in den besetzten Gebieten und gesetzgeberische Schritte zur Annexion von Teilen des Westjordanlands gehören.
Rechtsextreme Regierungsmitglieder streben eine Annexion an. Im Westjordanland und in Ost-Jerusalem leben mehr als 700.000 israelische Siedler inmitten von drei Millionen Palästinensern; Israel eroberte die Gebiete im Sechstagekrieg 1967.
Neue Regierung könnte Gaza-Plan stützen
Beim festgefahrenen Gaza-Plan rechnen Experten mit größeren Fortschritten unter einer neuen Regierung. Das Anti-Netanjahu-Lager könnte eher bereit sein, politische Lösungen für den Gazastreifen zu akzeptieren und den von den USA vorangetriebenen Plan zu unterstützen.
Dieser sieht letztlich ein vollständiges Ende des Kriegs und den Wiederaufbau des großflächig zerstörten Gazastreifens vor. Auslöser des Kriegs war das Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 in Israel.
Eisenkot versprach, die Herrschaft der islamistischen Hamas binnen 18 Monaten zu beenden, sollte er Ministerpräsident werden. Die Terrororganisation kontrolliert weiter knapp die Hälfte des Gebiets; nach Einschätzung des Experten könnte Eisenkot dieses Ziel mit diplomatischen Mitteln verfolgen.
US-Druck könnte Kurs entscheidend prägen
Die US-Regierung dürfte nach der Wahl konkretere Entscheidungen von der israelischen Führung verlangen. Der daraus entstehende Druck könnte für die Politik in Gaza letztlich wichtiger sein als die Frage, wer die Wahl gewinnt.
Frieden in der Region sei nach Einschätzung der Politikwissenschaftlerin Ilana Shpaizman nur mit internationalem Druck auf alle Konfliktparteien möglich. Möglich ist auch eine gemeinsame Regierung aus Parteien der gegnerischen Lager; scheitert die Regierungsbildung, könnte zunächst eine Übergangsregierung unter Netanjahu amtieren.
Libanon wartet auf Entwaffnung der Hisbollah
Bei den Verhandlungen zwischen Israel und dem Libanon hängt der Fortschritt vor allem von Beirut ab. Entscheidend ist, ob die libanesische Regierung die von Iran unterstützte Hisbollah wie zugesagt entwaffnet.
Die Hisbollah lehnt eine Entwaffnung ab. Israel will seine Soldaten erst aus dem Süden des Nachbarlands abziehen, wenn die Entwaffnung umgesetzt ist.
Iran-Konflikt bleibt ungelöst
Eine diplomatische Lösung im Iran-Krieg ist derzeit nicht absehbar. Israel ist nicht direkt an den festgefahrenen Verhandlungen zwischen Teheran und Washington beteiligt, hält sich aber an eine ausgehandelte Waffenruhe.
Israel will nach eigenen Angaben verhindern, dass der Iran eine Atomwaffe erhält. Netanjahu hatte zudem den Sturz der iranischen Führung in Aussicht gestellt, was trotz der Tötung fast der gesamten iranischen Führungsriege nicht gelang.
Eine neue israelische Regierung könnte realistischere Kriegsziele formulieren. Die Politikwissenschaftlerin Shpaizman hält einen weiteren Krieg mit dem Iran für unvermeidlich.
Die Wahl am 27. Oktober findet vor dem Hintergrund mehrerer gleichzeitig ungelöster Konflikte statt. Ein Regierungswechsel könnte den politischen Ton verändern, würde aber nach Einschätzung der in der Meldung zitierten Experten nicht automatisch zu einem Friedensabkommen führen. Auch zentrale Oppositionspolitiker lehnen einen palästinensischen Staat ab.
Größere Unterschiede wären vor allem beim Umgang mit dem Westjordanland und dem Gaza-Krieg möglich. Eine neue Regierung könnte gewalttätige Siedler weniger stark unterstützen und eher politische Lösungen für Gaza akzeptieren. Unter Netanjahu befürchten Beobachter dagegen weiteren Siedlungsbau und mögliche Schritte zur Annexion von Teilen des Westjordanlands.
Außenpolitischer Druck bleibt entscheidend
Für den Gaza-Konflikt dürfte neben dem Wahlergebnis insbesondere der Druck der US-Regierung Bedeutung gewinnen. Die Meldung verweist darauf, dass Washington von der israelischen Führung konkretere Entscheidungen verlangen könnte. Damit würde die israelische Politik nicht allein durch die Zusammensetzung der Regierung, sondern auch durch das Verhältnis zum wichtigsten Verbündeten geprägt.
Im Libanon hängt der Fortgang der Gespräche vor allem von der Frage ab, ob Beirut die Hisbollah entwaffnen kann. Beim Iran-Konflikt zeichnet sich dagegen keine diplomatische Lösung ab. Selbst eine neue Regierung müsste deshalb gleichzeitig Sicherheitsinteressen, internationale Erwartungen und innenpolitische Mehrheiten ausbalancieren.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
Deutschlandfunk: „Israel vor Schicksalswahl – Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Ex-General Eisenkot und Premier Netanjahu“ (25.10.2026)
Der Beitrag bestätigt das enge Duell zwischen Benjamin Netanjahu und Gadi Eisenkot und rückt zusätzlich die Aufarbeitung des Hamas-Angriffs vom 7. Oktober 2023, den Zustand des Rechtsstaats und die Lebenshaltungskosten in den Mittelpunkt. Anders als die dpa-Meldung zur Bedeutung der Wahl für Krieg und Frieden betont der Beitrag, dass sich Netanjahu und Eisenkot bei der Ablehnung einer Zweistaatenlösung grundsätzlich nahe sind.
tagesschau: „Israel will Westjordanland am Wahltag abriegeln“ (25.10.2026)
Der Artikel bestätigt die angespannte Lage im Westjordanland und setzt einen anderen Schwerpunkt: Er berichtet über geplante Schließungen von Übergängen sowie Einschränkungen für palästinensische Arbeiter am Wahltag. Damit konkretisiert er die sicherheitspolitische Ausgangslage, während die dpa-Meldung stärker die möglichen langfristigen Folgen des Wahlausgangs betrachtet.
Beide Beiträge beschreiben ein knappes Rennen ohne sichere Mehrheit. Offen bleibt, ob eine neue Regierung tatsächlich eine andere Politik in Gaza und im Westjordanland durchsetzen könnte.
