Prowestliche PrÀsidentin siegt in Moldau - EU erleichtert
04.11.2024 - 12:26:37Nach ihrem Sieg bei der PrĂ€sidentenwahl in der Republik Moldau will die prowestliche Staatschefin Maia Sandu das unter russischem Einfluss stehende Land weiter mit Reformen in die EU fĂŒhren. «Wir brauchen Zusammenhalt», sagte die 52-JĂ€hrige in der Hauptstadt Chisinau auch auf Russisch nach ihrem Sieg in der Stichwahl. Mit Blick auf das starke Abschneiden ihres Herausforderers Alexandr Stoianoglo erklĂ€rte sie, eine PrĂ€sidentin fĂŒr alle sein zu wollen.Â
Sandu hatte dank der Hunderttausenden Moldauer im Ausland â vor allem in der EU â gewonnen. Im Land selbst vereinte der frĂŒhere Generalstaatsanwalt Stoianoglo, der sich fĂŒr wirtschaftliche Beziehungen zu Moskau einsetzt, die Mehrheit der Stimmen auf sich.
Sandu von der proeuropĂ€ischen Partei Aktion und SolidaritĂ€t (PAS) kam auf 55,35 Prozent der Stimmen, wie die Wahlleitung in Chisinau nach AuszĂ€hlung aller Wahlzettel mitteilte. Der 57 Jahre alte Stoianoglo, der seine AnhĂ€nger zur Ruhe aufrief, unterlag laut vorlĂ€ufigem amtlichem Endergebnis demnach mit 44,65 Prozent der Stimmen.Â
Das zwischen dem Westen und Russland hin- und hergerissene Nachbarland von EU-Mitglied RumĂ€nien mĂŒsse Hass und Spaltung ĂŒberwinden, mahnte er. «Moldau braucht StabilitĂ€t und keinen kĂŒnstlichen Konflikt.» Stoianoglo kam im Land selbst auf die Mehrheit mit 51,19 Prozent der Stimmen. In seiner Heimatregion Gagausien, einem autonomen Gebiet, kam er sogar auf 97,04 Prozent. Gegner werfen Stoianoglo vor, er sei eine Marionette korrupter Oligarchen und ein Kandidat Moskaus.
Das verarmte Agrarland Moldau hat rund 2,5 Millionen Einwohner und ist wie die benachbarte Ukraine EU-Beitrittskandidat. Die Wahlbeteiligung lag mit ĂŒber 54 Prozent höher als in der ersten Runde am 20. Oktober.
Gratulationen aus aller Welt
Sandu erhielt Gratulationen nicht nur aus den NachbarlĂ€ndern Ukraine und RumĂ€nien. Auch die Bundesregierung, die EU, China und viele weitere Staaten beglĂŒckwĂŒnschten sie. Aus Russland kam keine Gratulation, nachdem der Kreml VorwĂŒrfe der Wahleinmischung scharf zurĂŒckgewiesen und Beweise gefordert hatte.
Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) teilte auf der Plattform X mit, Sandu habe die Republik Moldau sicher durch schwere Zeiten gesteuert und den europĂ€ischen Kurs ihres Landes gesetzt. AuĂenministerin Annalena Baerbock (GrĂŒne) schrieb auf der Plattform: «Die Menschen in Moldau haben entschieden: Die Mehrheit von ihnen will den Weg in die EU entschlossen weitergehen.»
Sandu sei erfolgreich gewesen trotz «beispielloser Einmischung durch Russland, einschlieĂlich Stimmenkauf und Desinformationskampagnen», teilten die EU-Kommission und der AuĂenbeauftragte Josep Borrell mit. Die EU werde das Land weiter auf seinem Weg begleiten. EU-KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen lobte Sandus DurchsetzungsfĂ€higkeit. «Es erfordert eine seltene Art von StĂ€rke, die Herausforderungen zu meistern», schrieb von der Leyen auf X.
Sandu vor nÀchster Herausforderung: Parlamentswahl
Dabei gilt die im Sommer bevorstehende Parlamentswahl als nĂ€chste groĂe politische Herausforderung. Denn Sandu kann die VerĂ€nderungen nur angehen, wenn sie die bisherige Mehrheit in der Volksversammlung verteidigt.Â
Der prominente moldauische Journalist und Politologe Vladimir Solovyov sagte Medien in Chisinau zufolge, dass es Sandu schwer haben werde, weil sie im Land selbst keine Mehrheit habe. «Die Ergebnisse der zweiten Runde sind kein Sieg», sagte er mit Blick auf die groĂe Unzufriedenheit der Menschen mit der wirtschaftlichen und sozialen Lage. «Im Land verlieren und im Allgemeinen nur dank der Diaspora gewinnen, das ist keine Alarmglocke, sondern eine heulende Sirene.»
Die Parlamentswahl werde noch wesentlich hĂ€rter, weil Sandu auch die Menschen auf dem Land erreichen mĂŒsse, sagte die Expertin Brigitta Triebel von der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung in Chisinau der Deutschen Presse-Agentur. Wichtig sei die Justizreform, um das Land widerstandsfĂ€higer gegen externe Wahlbeeinflussung zu machen. Die Ăberwindung der Spaltung zwischen prowestlichen KrĂ€ften in der Hauptstadt und im Ausland und den unter russischem Einfluss stehenden Regionen Gagausien und Transnistrien sei eine Generationenaufgabe.
Die Partei der Sozialisten des prorussischen Ex-PrĂ€sidenten Igor Dodon, fĂŒr die Stoianoglo angetreten war, erkannte das Ergebnis â wie das frĂŒherer Wahlen - nicht an. Stoianoglo sei mit den meisten Stimmen im Land der PrĂ€sident des Volkes, teilten die Sozialisten in der Hauptstadt Chisinau mit. Die Partei stört sich traditionell daran, dass Wahlen immer wieder von Moldauern im Ausland entschieden werden. Die Entscheidung wird aus Sicht von politischen Beobachtern zunĂ€chst ohne Folgen bleiben. Stoianoglo selbst hatte das Ergebnis anerkannt und zur Ruhe aufgerufen.Â
Die Beobachter der Organisation fĂŒr Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE) bewerteten die Wahl als ĂŒberwiegend positiv. Allerdings habe sie gezeigt, wie gespalten das Land sei.
Chisinau wirft Moskau massive Wahleinmischung vor
Begleitet wurde die Stichwahl wie schon die erste Runde von ManipulationsvorwĂŒrfen. Sandus nationaler Sicherheitsberater Stanislav Secrieru warf Russland massive Wahleinmischung vor. Die Behörden seien alarmiert. In der von Moldau abtrĂŒnnigen Region Transnistrien, wo russische Truppen stationiert sind, gebe es organisierte WĂ€hlertransporte zu den Abstimmungen; das sei illegal, sagte er.
Der Vertraute von Sandu veröffentlichte auch Berichte ĂŒber organisierte Transporte von Russland aus mit Bussen und CharterflĂŒgen, die WĂ€hler in die aserbaidschanische Hauptstadt Baku, in die tĂŒrkische Metropole Istanbul und in die belarussische Hauptstadt Minsk flögen.
Sicherheitsbehörden in Chisinau deckten schon im Vorfeld Desinformation und WĂ€hlerkauf durch prorussische KrĂ€fte auf. In dem Land waren mehrere russischsprachige FernsehkanĂ€le und Internetplattformen blockiert worden. Auch am Wahltag selbst berichteten Menschen in Chisinau im GesprĂ€ch mit dpa-Reportern, sie hĂ€tten in der vergangenen Woche Anrufe erhalten mit der Bitte, fĂŒr Stoianoglo zu stimmen. Einige sagten auch, dass ihnen dafĂŒr Geld angeboten worden sei.
Sandu hatte nach der ersten Abstimmungsrunde ebenfalls von WĂ€hlerkauf gesprochen. Sie hatte vor zwei Wochen zudem parallel ein Referendum angesetzt ĂŒber die Verankerung des EU-Kurses in der Verfassung des Landes. Die BefĂŒrworter setzten sich mit hauchdĂŒnnem Vorsprung durch, das Verfassungsgericht bestĂ€tigte die GĂŒltigkeit des Ergebnisses. Russland hingegen will das Land, das wegen seiner landwirtschaftlichen Produkte wie Ăpfel, Pflaumen, Weintrauben und NĂŒssen gefragt ist, in seinem Einflussbereich halten.
Das russische AuĂenministerium bezeichnete die Abstimmung indes als die undemokratischste seit der UnabhĂ€ngigkeit des Landes vor mehr als 30 Jahren. In Moskau seien nur zwei Wahllokale von den moldauischen Behörden zugelassen worden - fĂŒr geschĂ€tzt 500.000 BĂŒrger des Landes, wĂ€hrend fĂŒr die gleiche Zahl in Westeuropa und in den USA 200 Wahllokale eingerichtet worden seien, hieĂ es.





