Israel-Wahl, Benjamin Netanjahu

Israel-Wahl: Netanjahus Lager verfehlt Mehrheit deutlich

Veröffentlicht am: 27.10.2026 um 23:19 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Die Opposition beansprucht nach der Parlamentswahl den Regierungsauftrag, ist für eine Mehrheit aber voraussichtlich auf arabische Parteien angewiesen. Die hohe Beteiligung verweist auf die große Bedeutung der Abstimmung für Israels gespaltene Gesellschaft.

Mehrheitssuche nach der Knesset-Wahl

  • Likud wurde laut Prognosen stärkste Einzelpartei im israelischen Parlament.
  • Das rechtsreligiöse Lager um Netanjahu erreichte 50 von 120 Sitzen.
  • Die Wahlbeteiligung lag bei 77,7 Prozent und damit so hoch wie seit 1999 nicht mehr.
  • Anhänger der Likud-Partei von Regierungschef Benjamin Netanjahu feiern, weil erste Prognosen die Partei vorne sehen. - Bild: Olivier Fitoussi/dpa
  • Anhänger der arabisch dominierten "Vereinten Liste" feiern nach ersten Prognosen bei der Wahl in Israel. - Bild: Jamal Awad/dpa
  • Anhänger von Ex-Militärchef Gadi Eisenkot feiern, weil Prognosen das Lager um seine Jachad-Partei vorne sehen. - Bild: Ariel Schalit/AP/dpa
Anhänger der Likud-Partei von Regierungschef Benjamin Netanjahu feiern, weil erste Prognosen die Partei vorne sehen.  - Bild: Olivier Fitoussi/dpa Anhänger der arabisch dominierten "Vereinten Liste" feiern nach ersten Prognosen bei der Wahl in Israel.  - Bild: Jamal Awad/dpa Anhänger von Ex-Militärchef Gadi Eisenkot feiern, weil Prognosen das Lager um seine Jachad-Partei vorne sehen.  - Bild: Ariel Schalit/AP/dpa

Israelische Parlamentswahl endet ohne klare Mehrheit

Bei der Parlamentswahl in Israel gibt es laut Prognosen keinen klaren Sieger. Likud von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wurde zwar stärkste Kraft, doch sein rechtsreligiöses Lager kam den Prognosen zufolge nur auf 50 der 120 Sitze.

Opposition beansprucht Regierungsauftrag

Auf Platz zwei folgte die Mitte-Partei Jaschar von Ex-Militärchef Gadi Eisenkot. Sein Lager lag den Prognosen zufolge mit zwei Sitzen vor dem Netanjahu-Lager, verfehlte aber ebenfalls die absolute Mehrheit von 61 Sitzen.

Damit sind sowohl die Regierungsbildung als auch die Frage, wer künftig Ministerpräsident wird, offen. Eisenkot kündigte an, unverzüglich daran zu arbeiten, die Netanjahu-Regierung abzulösen.

Arabische Parteien könnten entscheidend werden

Für eine Regierung wäre Eisenkot voraussichtlich auf die Unterstützung arabischer Parteien angewiesen. Raam und die Vereinte Liste aus Chadasch, Taal und Balad kamen den Prognosen zufolge zusammen auf 18 Sitze.

Eine Zusammenarbeit könnte als Koalition oder durch die Duldung einer Minderheitsregierung erfolgen. Die Parteien des Oppositionslagers sind dazu jedoch nicht geschlossen bereit.

Raam bringt Regierungserfahrung mit

Raam war 2021 als erste eigenständige arabische Partei einer israelischen Regierungskoalition beigetreten. Die Regierung unter Naftali Bennett zerbrach später an politischen Differenzen.

Im August dieses Jahres schloss sich erstmals ein jüdischer Politiker der Partei an. Der frühere Vize-Polizeiminister Joav Segalovitz erhielt den zweiten Platz auf der Wahlliste und sollte als Brückenbauer zwischen jüdischem und arabischem Lager dienen.

Neue Blockade könnte weitere Wahl auslösen

Scheitert die Regierungsbildung, könnte Netanjahu zunächst an der Spitze einer Übergangsregierung im Amt bleiben. Israel drohte dann erneut eine politische Dauerkrise mit weiteren Parlamentswahlen.

Zwischen 2019 und 2022 waren die Israelis fünfmal zur Wahl aufgerufen worden, weil sich keine dauerhaften Mehrheiten fanden. Eine neue Blockade könnte das Land monatelang lähmen, während der Gaza-Krieg und sicherheitspolitische Konflikte mit Iran ungelöst bleiben.

Wahlbeteiligung erreicht höchsten Stand seit 1999

Nach Angaben der Zentralen Wahlkommission lag die Wahlbeteiligung bei 77,7 Prozent. Damit wurde der höchste Stand seit 1999 erreicht; bei der vorherigen Wahl vor vier Jahren waren es 70,6 Prozent gewesen.

Die Beteiligung stieg damit um 7,1 Prozentpunkte. Im Wahlkampf ging es neben der Sicherheitslage um die Zukunft der Demokratie, den Justizumbau, die Wehrpflicht für Ultraorthodoxe und Netanjahus politische Verantwortung für den Hamas-Angriff vom 7. Oktober.

Das Wahlergebnis zeigt ein politisches Patt mit erheblicher strategischer Bedeutung. Zwar wurde Likud stärkste Einzelpartei, doch das rechtsreligiöse Lager um Benjamin Netanjahu verfehlte mit 50 von 120 Sitzen deutlich die notwendige Mehrheit von 61 Mandaten. Auch das Oppositionslager um Gadi Eisenkot blieb darunter.

Damit rücken die arabischen Parteien ins Zentrum der Regierungsbildung. Raam und die Parteien der Vereinten Liste verfügen laut Prognosen zusammen über 18 Sitze. Eine von Eisenkot geführte Regierung wäre daher auf eine Koalition mit diesen Parteien oder zumindest deren parlamentarische Duldung angewiesen.

Koalitionssuche entscheidet über Israels Kurs

Die Verhandlungen betreffen nicht nur die Person des künftigen Ministerpräsidenten. Im Mittelpunkt stehen ebenso der Umgang mit dem Gaza-Krieg, die Sicherheitsstrategie gegenüber Iran, der umstrittene Justizumbau und die Wehrpflicht für Ultraorthodoxe. Diese Konflikte hatten die Gesellschaft bereits vor der Wahl tief gespalten.

Die außergewöhnlich hohe Beteiligung von 77,7 Prozent unterstreicht, dass viele Wähler die Abstimmung als Richtungsentscheidung verstanden. Scheitert die Bildung einer stabilen Mehrheit, könnte eine Übergangsregierung unter Netanjahu im Amt bleiben. Eine erneute Blockade würde Entscheidungen in Sicherheits-, Haushalts- und Innenpolitik erschweren und das Risiko weiterer Wahlen erhöhen.

Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen

taz: „Wahlen in Israel: Anti-Netanjahu-Block liegt vorn“ (27.10.2026)

Der Beitrag berichtet, der Anti-Netanjahu-Block liege in Nachwahlbefragungen mit 52 Sitzen knapp vor dem Regierungsbündnis Netanjahus mit 50 Sitzen. Damit bestätigt er das Patt und setzt den Schwerpunkt auf den Vorsprung der Opposition.

Euronews: „Israel-Wahl: Kein klarer Sieger nach ersten Prognosen“ (27.10.2026)

Der Bericht führt aus, die israelischen Fernsehsender sähen das Oppositionslager bei 52 bis 53 Sitzen. Anders als der taz-Beitrag betone er die Bandbreite der Prognosen; offen bleibe in beiden Darstellungen, wer eine Mehrheit von 61 Mandaten organisieren könne.

Übereinstimmend zeichnen die Beiträge das Bild eines engen Rennens ohne regierungsfähige Mehrheit. Unterschiede ergeben sich vor allem bei der Darstellung des Vorsprungs und der Spannweite der Prognosen.

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