Brasilien-Wahl: Lula kämpft gegen Flávio Bolsonaro um Amt
Veröffentlicht am: 25.10.2026 um 05:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWSBrasiliens Wahlkampf erreicht den Entscheidungstag
- Flávio Bolsonaro lag in der ersten Runde mit mehr als zwei Millionen Stimmen vor Lula.
- Die Stichwahl findet an diesem Sonntag in Brasilien statt.
- Jair Bolsonaro darf nach seiner Verurteilung und dem Hausarrest nicht wählen.
Lula kämpft in Brasilien um vierte Amtszeit
Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva steht vor der Stichwahl gegen den rechten Herausforderer Flávio Bolsonaro. Der 80-Jährige muss auch Wähler überzeugen, die ihn ablehnen, während Bolsonaro mit einem Vorsprung von mehr als zwei Millionen Stimmen aus der ersten Runde in die Entscheidung geht.
Große Kundgebungen für den Amtsinhaber
In Rio de Janeiro versammelten sich an der Copacabana Tausende zur Unterstützung Lulas. Bekannte Musiker wie Caetano Veloso traten dort auf; auch in São Paulo, Brasília und weiteren Städten mobilisierten Unterstützer für den Präsidenten.
Lula verweist auf sinkende Arbeitslosigkeit, einen Rückgang der Armut und einen gestiegenen realen Mindestlohn. Zudem wurde kurz vor der Stichwahl das Ende der verbreiteten Sechs-Tage-Woche beschlossen: Beschäftigte sollen künftig grundsätzlich fünf Tage arbeiten.
Bolsonaro verspricht harten Sicherheitskurs
Flávio Bolsonaro warb unter anderem im Nordosten um Stimmen, wo er zuvor schwächer abgeschnitten hatte. In Fortaleza kündigte er ein hartes Vorgehen gegen kriminelle Banden an und stellte für Vergewaltiger eine chemische Kastration in Aussicht.
Mehrere politische Beobachter sehen den 45-Jährigen im Vorteil, weil er auf Unterstützung aus Teilen der politischen Mitte und des rechten Lagers zählen kann. Bei der ersten Wahlrunde gewann die Rechte außerdem deutlich an Stärke im Kongress.
Persönliche Angriffe im TV-Duell
Im ersten direkten Fernsehduell griffen sich beide Kandidaten persönlich an. Flávio Bolsonaro schrieb sich das Wort „corrupto“ auf die Hand und warf Lula Korruption vor; der Präsident beschuldigte seinen Herausforderer, Verbindungen zur organisierten Kriminalität zu haben.
Flávio Bolsonaro will im Fall eines Wahlsiegs eine Amnestie für seinen Vater Jair Bolsonaro erreichen. Der frühere Präsident wurde wegen eines versuchten Staatsstreichs zu mehr als 27 Jahren Haft verurteilt und steht derzeit unter Hausarrest.
Wahl zwischen Kontinuität und Wechsel
Für Lulas Anhänger steht die Wahl für sozialen Aufstieg und die Verteidigung demokratischer Institutionen. Gegner sehen in seiner Arbeiterpartei PT die Verantwortung für frühere Korruptionsvorwürfe; Bolsonaro-Anhänger bewerten die Verurteilung seines Vaters als politische Verfolgung.
Am Sonntag entscheiden die Brasilianer, ob Lula im Amt bleibt oder Flávio Bolsonaro einen politischen Wechsel einleitet. Viele Wähler stehen dabei vor der Entscheidung, trotz erheblicher Vorbehalte einem der beiden Kandidaten ihre Stimme zu geben.
Die Stichwahl stellt Brasilien vor eine Entscheidung mit weitreichenden innenpolitischen Folgen. Lula bewirbt sich um eine vierte Amtszeit, während Flávio Bolsonaro den politischen Kurs seines Vaters fortsetzen und zugleich dessen Begnadigung ermöglichen will. Damit verbindet sich die Wahl mit der Frage, wie Brasilien mit der Verurteilung Jair Bolsonaros und dem konfliktreichen Verhältnis zwischen Regierung, Justiz und rechtem Lager umgeht.
Der Vorsprung Flávio Bolsonaros aus der ersten Runde verschafft ihm eine günstige Ausgangslage. Für eine Mehrheit muss er jedoch zusätzliche Wähler aus der politischen Mitte und aus dem Lager der ausgeschiedenen Kandidaten gewinnen. Lula wiederum muss seine soziale und wirtschaftliche Bilanz in konkrete Alltagserfahrungen übersetzen: Sinkende Arbeitslosigkeit und steigende Reallöhne konkurrieren mit Sorgen über Preise, Kriminalität und Korruption.
Polarisierung prägt die Entscheidung
Die Kampagnen zeigen, dass die Wahl nicht nur über Regierungsleistungen entschieden wird. Beide Kandidaten mobilisieren stark über persönliche Gegnerschaft, während ein Teil der Bevölkerung politisch ermüdet oder sich von beiden Lagern distanziert. Der Einfluss digitaler Unterstützer, großer Kundgebungen und politischer Netzwerke verstärkt die Polarisierung.
Für die Bevölkerung stehen damit zwei unterschiedliche Schwerpunkte gegenüber: Lula verspricht Kontinuität und soziale Absicherung, Flávio Bolsonaro einen härteren Sicherheitskurs und einen politischen Wechsel. Unabhängig vom Ergebnis dürfte die neue Regierung vor der Aufgabe stehen, ein tief gespaltenes Land zu regieren und zugleich Vertrauen in die demokratischen Institutionen zu stabilisieren.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
Deutschlandfunk: „Brasilien - Stichwahl über das Präsidentenamt zwischen Lula und Bolsonaro“ (25.10.2026)
Der Beitrag ordne die Stichwahl als Entscheidung zwischen Amtsinhaber Lula da Silva und Flávio Bolsonaro ein. Als Schwerpunkt nenne er den überraschenden Vorsprung Bolsonaros aus der ersten Runde.
tagesschau: „Brasilien vor der Stichwahl: Die Macht der Influencer“ (24.10.2026)
Der Artikel hebe die Bedeutung digitaler Unterstützer im Wahlkampf hervor. Damit setze er einen anderen Akzent als der Deutschlandfunk-Beitrag, der stärker auf das Wahlergebnis und die Kandidaten konzentriere.
Beide Beiträge stellten die Stichwahl als Richtungsentscheidung zwischen Lula und Flávio Bolsonaro dar. Unterschiede gebe es vor allem beim Schwerpunkt: Während der Deutschlandfunk den Vorsprung aus der ersten Runde betone, richte die tagesschau den Blick auf die Mobilisierung im digitalen Raum.
