Brasilien-Wahl: Auszählung nach knappem Rennen zwischen Lula und Bolsonaro begonnen
Veröffentlicht am: 04.10.2026 um 22:52 Uhr | dpa, AD HOC NEWSIn Brasilien haben nach der Präsidentenwahl die Wahllokale geschlossen und die Auszählung begonnen.
Knappes Rennen zwischen Lula und Bolsonaro
Rund 159 Millionen Brasilianer waren zur Stimmabgabe aufgerufen. In Umfragen lagen der linke Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva und der rechte Senator Flávio Bolsonaro eng beieinander, ohne die für einen Sieg erforderliche absolute Mehrheit zu erreichen.
Vieles deutet deshalb auf eine Stichwahl am 25. Oktober hin. Erste vorläufige Ergebnisse werden in der deutschen Nacht auf Montag erwartet.
Zwölf Kandidaten treten an
Neben den beiden Favoriten kandidierten zehn weitere Bewerber, die in den Umfragen deutlich zurücklagen. Neben dem Präsidenten und seinem Vize wurden auch Abgeordnete, Senatoren und Gouverneure gewählt.
Unterschiedliche politische Angebote
Lula von der Arbeiterpartei PT will seine Politik mit Sozialprogrammen und öffentlichen Investitionen fortsetzen. Flávio Bolsonaro von der Liberalen Partei PL, Sohn des derzeit unter Hausarrest stehenden Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro, versprach einen schlankeren Staat und ein härteres Vorgehen gegen Kriminalität.
Bei einem Wahlsieg will Flávio Bolsonaro zudem eine Amnestie für seinen Vater erreichen. Jair Bolsonaro wurde wegen seiner Beteiligung an einem versuchten Staatsstreich zu mehr als 27 Jahren Haft verurteilt. Der Wahlkampf war außerdem von Streit über Korruption, das Oberste Gericht und Brasiliens Verhältnis zu den USA geprägt.
Keine Hinweise auf ausländische Einmischung
Der Präsident des obersten Wahlgerichts TSE, Nunes Marques, erklärte, Geheimdienstberichte hätten bislang keine konkreten Hinweise auf ausländische Einflussnahme auf die Wahl ergeben. Er äußerte sich dazu vor dem Hintergrund, dass die USA am Freitag ihre Konsulardienste in Brasilien aus Sicherheitsgründen geschlossen hatten.
Todesfall in Wahllokal
Während des Wahltags kam es vereinzelt zu Zwischenfällen. In Cupira im Bundesstaat Pernambuco starb Medienberichten zufolge ein etwa 68 Jahre alter Mann, nachdem er während der Stimmabgabe in einem Wahllokal zusammengebrochen war. Die Wahl in dem betroffenen Wahllokal wurde daraufhin vorübergehend unterbrochen; die Todesursache war zunächst unbekannt.
Stichwahl als wahrscheinlicher nächster Schritt
Brasiliens Wahlsystem verlangt für den direkten Sieg die absolute Mehrheit. Erreicht kein Kandidat diese Schwelle, treten die beiden Bestplatzierten in einer Stichwahl gegeneinander an. Für den 25. Oktober ist deshalb ein zweiter Wahlgang angesetzt.
Die Ausgangslage macht den ersten Wahlgang zugleich zu einer Abstimmung über die politische Richtung des größten Landes Lateinamerikas. Lula steht für Sozialprogramme, öffentliche Investitionen und eine betont eigenständige Außenpolitik. Flávio Bolsonaro verbindet seinen Wahlkampf mit Forderungen nach einem schlankeren Staat, einem härteren Vorgehen gegen Kriminalität und der politischen Rehabilitierung seines Vaters.
Polarisierung prägt die Entscheidung
Das Duell reicht damit über die persönliche Konkurrenz hinaus. Es berührt den Umgang mit dem Obersten Gericht, die Bewertung des wegen eines versuchten Staatsstreichs verurteilten Jair Bolsonaro sowie Brasiliens Verhältnis zu den USA. Zugleich werden am selben Tag Kongressmandate und Gouverneursposten vergeben, was die Mehrheitsverhältnisse für die künftige Regierung mitbestimmt.
Für die Wählerinnen und Wähler dürfte die Stichwahl neue Bündnisse und Verhandlungen erzwingen. Die Stimmen der zehn ausgeschiedenen Präsidentschaftskandidaten und ihrer Anhänger können ebenso entscheidend werden wie die Mobilisierung derjenigen, die beide Favoriten ablehnen. Die elektronische Auszählung ermöglicht dabei traditionell eine schnelle Veröffentlichung vorläufiger Resultate.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
tagesschau.de: „Lula gegen Bolsonaro: Ein Duell bekannter Namen in Brasilien“ (04.10.2026)
Der Bericht ordne die Wahl als Wiederauflage des Duells zwischen Lula und dem Bolsonaro-Lager ein und hebe zusätzlich die Bedeutung des Ergebnisses für Brasiliens Verhältnis zu den USA hervor. Anders als die dpa-Meldung richte er den Schwerpunkt stärker auf die regionale und geopolitische Tragweite sowie auf die hohe Ablehnung beider Kandidaten.
Merkur: „Brasilien-Wahl: Lula warnt vor dem Vasallenstaat unter Bolsonaros Sohn“ (04.10.2026)
Der Artikel bestätige das erwartete knappe Rennen und beschreibe die gegensätzlichen Wahlkampfthemen von Souveränität, Trump-Nähe, Sicherheit und Sparpolitik. Er setze einen anderen Akzent, indem er mögliche wirtschaftliche und außenpolitische Folgen eines Sieges Bolsonaros sowie die starke Polarisierung des Wahlkampfs hervorhebe.
Beide Berichte gingen davon aus, dass die Entscheidung voraussichtlich erst in einer Stichwahl falle. Während der eine Beitrag die internationale Bedeutung betone, rücke der andere die innenpolitische Polarisierung und die unterschiedlichen politischen Programme in den Mittelpunkt.
