Traditionelle Medizin: Vietnam erhöht Erstattung auf 30 Prozent
08.06.2026 - 12:12:55 | boerse-global.de
Die vietnamesische Regierung will die traditionelle Medizin stärker ins Gesundheitssystem integrieren und die heimische Heilpflanzenindustrie als eigenständigen Wirtschaftssektor etablieren. Die Strategie zielt darauf ab, den Fokus auf Prävention zu legen und die gesamte Wertschöpfungskette zu professionalisieren – vom Anbau bis zur industriellen Verarbeitung.
Prävention als neues Leitbild
Generalsekretär und Präsident To Lam unterstrich im Mai 2026 die Bedeutung eines Wandels hin zur präventiven Medizin. Die traditionelle Medizin soll dabei eine tragende Rolle übernehmen. Konkrete Zielvorgaben des Gesundheitsministeriums sehen vor, den Erstattungssatz für traditionelle Medizin in der Krankenversicherung deutlich zu erhöhen. Laut Beschluss 1893/QD-TTg soll er bis 2025 auf 20 Prozent und bis 2030 auf 30 Prozent steigen.
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Die Zahlen belegen die Bedeutung des Sektors: Rund 97,65 Millionen Menschen waren 2025 krankenversichert – eine Abdeckungsquote von 95,16 Prozent. Bei insgesamt 195,1 Millionen Behandlungen beliefen sich die Gesamtausgaben auf 166,4 Billionen VND. Der Anteil der traditionellen Medizin lag bei rund 3,3 Prozent, was etwa 7 Millionen Besuchen entspricht. Aktuell umfasst die Liste erstattungsfähiger Leistungen 229 Gruppen traditioneller Arzneimittel und 349 spezifische Inhaltsstoffe.
Heilpflanzen mit Potenzial – und Grenzen
Wissenschaftliche Untersuchungen beleuchten die Potenziale verschiedener vietnamesischer Pflanzenarten. Experten unterscheiden jedoch klar zwischen traditioneller Anwendung und ausstehender klinischer Evidenz.
Centella asiatica (Wassernabelkraut): Fachberichte weisen auf Saponine, Flavonoide und Polyphenole hin. Präklinische Studien zeigen antioxidative und entzündungshemmende Wirkungen sowie Einflüsse auf die Blutzuckerkontrolle. Experten empfehlen maßvollen Konsum und warnen vor Risiken für Schwangere oder Menschen mit niedrigem Blutdruck.
Guavenblätter: Der traditionelle Mediziner Tran Dang Tai verwies auf die unterstützende Wirkung von Guavenblättertee bei der Blutzuckersenkung und der Regulierung von Blutfettwerten. Seine Warnung: Die Anwendung sollte vier Wochen am Stück nicht überschreiten.
Geißblatt (Lonicera japonica): Laut dem Institut für Traditionelle Medizin enthalten die Blütenknospen Chlorogensäure und Luteolin. Diesen Wirkstoffen werden antibakterielle und antivirale Eigenschaften zugeschrieben, die besonders bei Hautausschlägen zum Einsatz kommen.
Cordyceps militaris: Kultivierte Formen dieses Pilzes zeigen in Laborstudien Potenziale zur Stabilisierung des Herzrhythmus und zum Schutz von Leber- und Nierenzellen. Klinische Belege am Menschen stehen jedoch weitgehend aus.
Strukturprobleme und neue Wege
Vietnam verfügt über mehr als 5.000 identifizierte Heilpflanzenarten. Doch die Branche kämpft mit strukturellen Problemen. Branchenexperte Hoang Trong Thuy bemängelt eine stark fragmentierte Produktion und eine unterentwickelte Verarbeitungsindustrie. Hohe Transportkosten belasten zudem die Wettbewerbsfähigkeit.
Die Lösung: standardisierte Anbauzonen. Ein Beispiel ist das Lotus-Projekt in der Region Da Nang. Im Rahmen eines Programms für ökologischen Landbau (2026 bis 2030) wird die Lotusproduktion professionalisiert. Neben dem Verkauf frischer Samen für 45.000 bis 70.000 VND pro Kilogramm gewinnt die Verarbeitung zu Tee, Müsli und getrockneten Produkten an Bedeutung.
Ein weiterer Trend verbindet kulturelles Erbe mit moderner Pharmazie. Unternehmen wie Van Xuan Pharma arbeiten daran, Produkte auf Basis traditioneller Symbole wie Betel und Areca wissenschaftlich zu fundieren. Ziel: die Abhängigkeit von Rohstoffimporten verringern.
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Risiken und Verbraucherschutz
Trotz aller Förderung pflanzlicher Mittel mahnen Fachleute zur Vorsicht. Professor Tran Dai Sy warnte auf einem Ärztekongress vor den Gefahren von Trà ?inh (Ilex cornuta). Übermäßiger Konsum dieses stark kühlenden Tees wurde mit schweren Gesundheitsschäden wie Leberversagen und Hirnschäden in Verbindung gebracht. Einzelfälle in Europa und den USA sind dokumentiert.
Auch Produktrückrufe unterstreichen die Notwendigkeit strenger Kontrollen. In Australien wurden kürzlich Chargen von Glucosaminsulfat und Magnesiumglycinat wegen der Gefahr von Glassplittern zurückgerufen. Vietnam setzt daher verstärkt auf digitale Rückverfolgbarkeit und professionelle Ausbildung der Produzenten – um Sicherheit und Qualität der Heilpflanzenprodukte langfristig zu garantieren.
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