Psychische Erkrankungen: Fehlzeiten steigen um 47 Prozent in zehn Jahren
08.06.2026 - 08:36:23 | boerse-global.de
Besonders jüngere Generationen und Fachkräfte erwarten präventive Angebote und eine unterstützende Unternehmenskultur. Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen steigen rasant – und verändern den Arbeitsmarkt.
Krankenstand durch psychische Leiden steigt drastisch
Die Zahlen sind alarmierend: Ein Fehlzeiten-Report der AOK belegt einen Anstieg psychischer Erkrankungen und der damit verbundenen Fehltage um 47 Prozent zwischen 2014 und 2024. Daten des BKK Dachverbands zeigen sogar eine Zunahme um über 50 Prozent seit 2016. Zwar sank der allgemeine Krankenstand 2025 leicht auf 5,83 Prozent. Die psychische Belastung bleibt aber ein dominierender Faktor für Arbeitsunfähigkeit.
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Über neun Millionen Menschen in Deutschland leiden an Depressionen, erklärt Prof. Ulrich Hegerl von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Diese Entwicklung beeinflusst zunehmend die Erwartungen von Bewerbern. Laut einer Statista-Studie aus 2024 ist die Unterstützung der psychischen Gesundheit durch den Arbeitgeber inzwischen ein zentrales Jobkriterium – auch wenn die Bedeutung je nach Altersgruppe variiert.
Junge Fachkräfte setzen andere Prioritäten
Die nachrückende Generation denkt um. Eine Umfrage unter mehr als 2.000 Studierenden vom März 2026 zeigt: Nur 39 Prozent rechnen sicher mit einem passenden Berufseinstieg nach dem Studium – ein deutlicher Rückgang. Bei der Arbeitgeberwahl steht für 52 Prozent die Jobsicherheit an erster Stelle, noch vor Gehalt (43 Prozent) und flexiblen Arbeitszeiten (41 Prozent). Gesundheitsfürsorge wird dabei als Teil von Sicherheit und Wertschätzung wahrgenommen.
Ein spezielles Feld betrifft postpartale Depressionen. Untersuchungen der FH Ost und des Vereins Periparto zeigen: 15 bis 20 Prozent der Mütter und bis zu 10 Prozent der Väter sind betroffen. Bis zu 25 Prozent der Betroffenen kündigen deswegen selbst. Experten empfehlen Unternehmen eine frühzeitige Sensibilisierung, geschulte Führungskräfte und flexible Wiedereinstiegsmodelle.
EU fördert psychische Gesundheit mit Milliarden
Auch die Politik handelt. Die Europäische Union fördert psychische Gesundheit am Arbeitsplatz über das Programm EU4Health mit 1,23 Milliarden Euro Budget. Die Kampagne „Gesunde Arbeitsplätze 2026–2028“ steht unter dem Leitthema gemeinsamer Verantwortung. International verschärfen sich die Regeln: In Brasilien gelten seit Mai 2026 neue Richtlinien, die Unternehmen verpflichten, psychosoziale Risiken wie Überlastung explizit in Gefährdungsbeurteilungen aufzunehmen.
Deutsche Unternehmen setzen zunehmend auf Technologie. KI-gestützte Analysen werten Freitextantworten in Gefährdungsbeurteilungen aus und identifizieren spezifische Belastungen. Krankenkassen bezuschussen zertifizierte Anti-Stress-Apps gegen Schlafstörungen oder zur Stressbewältigung.
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Gerichte betonen Fürsorgepflicht der Arbeitgeber
Die Rechtsprechung unterstreicht die Komplexität des Themas. Das Arbeitsgericht Nordhausen bestätigte im Mai 2026: Der Verlust einer notwendigen Fahrerlaubnis kann eine personenbedingte Kündigung rechtfertigen, wenn keine Alternativen im Innendienst bestehen. Das Sächsische Landesarbeitsgericht entschied zudem: Bei ärztlich attestierter Fahruntauglichkeit – etwa durch Schlafapnoe – besteht kein Anspruch auf Lohnfortzahlung, wenn der Arbeitnehmer Termine zur Eignungsprüfung nicht wahrnimmt.
Diese Urteile zeigen: Proaktive Gesundheitsstrategien sind für Unternehmen nicht nur ein Wettbewerbsvorteil, sondern auch rechtlich geboten. Wer die psychische Gesundheit seiner Mitarbeiter vernachlässigt, riskiert nicht nur Fachkräfte, sondern auch juristische Konsequenzen.
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