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Umweltschutz, Klimaforscher

Die Flut in Teilen Deutschlands ist für Klimaforscher Mojib Latif Beleg dafür, dass die Grenzen der Anpassungsfähigkeit an Extremwetterereignisse bald erreicht sind.

16.07.2021 - 21:36:02

Klimaforscher: Stoßen an Grenzen der Anpassungsfähigkeit

MAINZ/KÖLN - Die Gefahr ist nach der Hochwasserkatastrophe im Westen der Bundesrepublik noch nicht vorbei. Zwar geht an einigen Orten der verheerenden Flut geht das Wasser zurück - aber die Zahl der Toten steigt und steigt. Bis zum Freitagabend wurden insgesamt 106 Todesopfer gezählt - in Rheinland-Pfalz kamen nach offiziellen Angaben mindestens 63 Menschen ums Leben, in Nordrhein-Westfalen 43. In beiden Bundesländern wurden zudem noch viele Menschen vermisst, ihre genaue Zahl war weiterhin unklar.

In der Nacht und am Samstag sollten die Such- und Rettungsarbeiten weitergehen. Bei mancherorts sinkenden Pegelständen und weniger Regen deutete sich immerhin etwas Entspannung an. Dennoch: Einige Orte bleiben weiterhin evakuiert.

Eine besonders dramatische Lage ergab sich am Freitag in Erftstadt-Blessem südwestlich von Köln: Dort kam es zu gewaltigen Erdrutschen, es bildeten sich Krater im Erdreich. Nach Stand Freitagabend stürzten drei Wohnhäuser und ein Teil der historischen Burg ein. Es war unklar, wie viele Opfer es gab. Der zuständige Landrat, Frank Rock, sagte im Fernsehsender ntv, 50 Menschen seien mit Booten gerettet worden.

23 Städte und Landkreise sind in NRW nach Angaben des Bundesamtes für Bevölkerung und Katastrophenschutz (BBK) in Bonn von Überschwemmungen betroffen. In Rheinland-Pfalz ist der Kreis Ahrweiler Schwerpunkt der Katastrophe. Mindestens 362 Menschen wurden hier verletzt, wie die Polizei in Koblenz am Freitag mitteilte. Allein im Örtchen Schuld an der Ahr mit 700 Einwohnern wurden mehrere Häuser von den Wassermassen mitgerissen und zahlreiche weitere Gebäude teils schwer beschädigt. Erhebliche Schäden gab es auch in anderen Regionen der Eifel und im Landkreis Trier-Saarburg.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) plant, in die betroffene Region in Rheinland-Pfalz zu reisen. Sie sei mit der Mainzer Landesregierung über einen baldigen Besuch im Katastrophengebiet im Gespräch, teilte der Sprecher der Bundesregierung, Steffen Seibert, am Freitag mit.

Am Freitagabend nahm Merkel nach Angaben der Bundesregierung gemeinsam mit dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet und Innenminister Herbert Reul (beide CDU) an einer Videoschalte der Koordinierungsgruppe des NRW-Innenministeriums teil. Sie informierte sich über die aktuelle Lage im Katastrophengebiet und sicherte kurz- und langfristige Unterstützung durch den Bund zu.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier plant derweil am Samstagmittag zusammen mit Laschet einen Besuch in Erftstadt. Ein Besuch des Staatsoberhaupts in Rheinland-Pfalz ist nach Angaben einer Sprecherin der Mainzer Staatskanzlei vom Freitagabend derzeit nicht geplant. Steinmeier hatte am Freitag von einer Tragödie gesprochen. "Das macht mich fassungslos", sagte er in Berlin. In Gedanken sei er bei den Hinterbliebenen der Opfer. "Ihr Schicksal trifft mich ins Herz."

Laschet beklagte eine "Flut-Katastrophe von historischem Ausmaß". Es sei zu befürchten, dass die Opferzahlen weiter steigen. Seine Amtskollegin aus Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer (SPD), nannte die Lage "weiterhin extrem angespannt in unserem Bundesland". Sie fügte in Trier hinzu: "Das Leid nimmt auch gar kein Ende."

Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock reiste nach dem Abbruch ihres Urlaubs in die Krisengebiete. Wie eine Sprecherin am Freitagabend mitteilte, will sich die Parteichefin vor Ort über die Lage der Menschen informieren. Dabei verzichte sie bewusst auf Pressebegleitung oder öffentliche Auftritte. Zunächst hatte der "Spiegel" über die Reise der Grünen-Chefin berichtet. Den Angaben zufolge traf Baerbock am Freitag in Mainz ein, für Samstag sind weitere Termine in Nordrhein-Westfalen angesetzt.

Auch am Freitagnachmittag waren noch rund 102 000 Menschen ohne Strom. Das Unwetter und die daraus entstandenen Überflutungen sorgten weiterhin für Ausfälle in der Stromversorgung in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, teilte der zum Eon-Konzern gehörende Energieversorger Westenergie in Essen mit.

Neben der Unterstützung von Einsatzkräften aus anderen Bundesländern helfen derzeit auch rund 900 Soldatinnen und Soldaten bei der Bewältigung der Katastrophe. Die Rettung von Menschenleben stehe dabei im Vordergrund, die Bundeswehr unterstütze aber auch mit Material, teilte die Streitkräftebasis in Bonn mit. Das Verteidigungsministerium hatte wegen der Notlage einen militärischen Katastrophenalarm ausgelöst. Damit könnten Entscheidungen von den Verantwortlichen am Ort schneller getroffen werden, so ein Sprecher.

Rheinland-Pfalz stellte als kurzfristige Unterstützung 50 Millionen Euro bereit, um etwa Schäden an Straßen, Brücken und anderen Bauwerken zu beheben. Ministerpräsidentin Dreyer sagte im ZDF, für den Aufbau der betroffenen Landstriche sei auch die Hilfe des Bundes nötig. Die Bundesregierung will nach Auskunft des Finanzministeriums nächste Woche über Aufbauhilfen für Bürger und Kommunen entscheiden.

Laschet kündigte ein mehrstufiges Hilfsprogramm für die Opfer der Unwetterkatastrophe in NRW an. "Wir werden große finanzielle Kraftanstrengungen brauchen", sagte der Unions-Kanzlerkandidat und NRW-Regierungschef nach der Sondersitzung seines Kabinetts. Die bisher für Soforthilfen bei Starkregen-Ereignissen zur Verfügung stehenden Mittel würden "bei weitem nicht ausreichen". Gespräche über eine Beteiligung des Bundes liefen bereits.

Neben Hilfen für Härtefälle bei Privatleuten und Unternehmen seien Strukturhilfen für beschädigte Straßen und Anlagen nötig. Die Finanzverwaltung des Landes setzte zur Entlastung der vom Unwetter betroffenen Bürger einen Katastrophenerlass in Kraft. Damit können Wirtschaft und Privatpersonen Sonderabschreibungsmöglichkeiten für den Wiederaufbau nutzen.

Zum Gedenken an die Opfer der Unwetterkatastrophe sollen die Fahnen an zahlreichen Gebäuden in NRW bis Montag auf Halbmast wehen. NRW-Innenminister Reul ordnete am Freitag für alle Dienstgebäude des Landes, der Gemeinden und Gemeindeverbände Trauerbeflaggung an. In Rheinland-Pfalz sollten am Freitag die Fahnen an allen Behörden auf halbmast gesetzt werden.

Angesichts der enormen Schäden richtete die Landesregierung in Rheinland-Pfalz ein Spendenkonto für Betroffene ein. Der Chemiekonzern BASF spendet eine Million Euro zur Hilfe in den betroffenen Hochwasser-Regionen, die katholischen Erzbistümer Paderborn und Köln kündigten an, jeweils 100 000 Euro zu spenden. Nach einem Aufruf der Stadt Bonn, Unterkünfte anzubieten, gingen Hilfsangebote für mehr als 1000 Betroffene ein. Auch die Stadt Köln stellte kurzfristig Unterkünfte für 80 Menschen aus Erftstadt bereit.

In Baden-Württemberg machten Unwetter und Hochwasser den Menschen zu schaffen. In einigen Regionen wurden erneut Straßen gesperrt, im Allgäu stand ein Wohngebiet unter Wasser. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) warnte vor Starkregen und Gewittern etwa in Oberschwaben. Vor allem in kleineren Gewässern könne der Wasserstand schnell ansteigen.

Laut Frühwarnprognose des Landesamts für Umwelt Rheinland-Pfalz sank die Hochwassergefahr zuletzt. Nur für das Einzugsgebiet der Ahr und der Zuflüsse der Unteren Sauer bestanden noch Warnungen. In NRW wird mit fallenden Wasserständen gerechnet, aber teils nur langsam. Die Pegelstände bewegten sich oft noch oberhalb der Warnschwellen, so das Landesumweltamt. Die Lage an der Steinbachtalsperre entspannte sich nach Auskunft des Kreises Euskirchen. Am Nachmittag hatte der Kreis gemeldet, dass eine Drohne keine kritischen Risse an dem Bauwerk entdeckt hatte.

Am Oberrhein wird das anhaltend starke Hochwasser die Schiffe nach Einschätzung des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamts (WSA) in Freiburg noch mehrere Tage lang ausbremsen, teilte die Behörde am Freitag mit. Sie betreut die Wasserstraße zwischen Weil am Rhein an der Grenze zur Schweiz und dem Bereich zwischen Mainz und Ginsheim (Hessen). Der Zugverkehr in NRW und Rheinland-Pfalz ist noch immer stark beeinträchtigt. Zahlreiche Strecken sind nach Angaben der Deutschen Bahn komplett gesperrt oder nur eingeschränkt befahrbar.

Mit Hochwasser haben auch Nachbarländer Deutschlands zu kämpfen. In Belgien kamen durch das Unwetter mindestens 14 Menschen ums Leben, wie die Nachrichtenagentur Belga berichtete. In der Schweiz stiegen Flusspegel nach starken Regenfällen massiv an. Zum Schutz vor einer Hochwasserwelle haben im Süden der Niederlande am Freitag Tausende Menschen ihre Häuser und Wohnungen in Orten entlang der Maas verlassen müssen, in Venlo wurde ein Krankenhaus mit 200 Patienten vorsorglich evakuiert, teilten die Behörden mit.

@ dts-nachrichtenagentur.de