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Vermischtes, Drees & Sommer SE

Wir benutzen die Ressourcen der Zukunft, um f?r die Gegenwart zu bezahlen

04.05.2021 - 13:22:34

Wir benutzen die Ressourcen der Zukunft, um f?r die Gegenwart zu bezahlen. Oakland, Stuttgart - Ab morgen leben die Deutschen auf Kredit. Zumindest, was den Ressourcenverbrauch bis zum Jahresende anbelangt. Denn auf den 5. Mai f?llt f?r Deutschland der sogenannte Overshoot Day. "Wir stecken zusammen in einem ?kologischen Schneeballsystem fest", sagt dazu Dr. Mathis Wackernagel, Pr?sident ...

Oakland, Stuttgart - Ab morgen leben die Deutschen auf Kredit. Zumindest, was den Ressourcenverbrauch bis zum Jahresende anbelangt. Denn auf den 5. Mai f?llt f?r Deutschland der sogenannte Overshoot Day. "Wir stecken zusammen in einem ?kologischen Schneeballsystem fest", sagt dazu Dr. Mathis Wackernagel, Pr?sident des Global Footprint Network und Miterfinder des Ecological Footprint. "Der Betrug des Bankiers Madoff aus New York ist dazu vom Umfang und Ausma? her nichts im Vergleich". Welche Wege aus dieser ?kologischen Schuldenfalle f?hren, dar?ber sprechen er und Steffen Szeidl, Vorstand des auf den Bau- und Immobiliensektor spezialisierten Planungs- und Beratungsunternehmens Drees & Sommer SE, im Interview.

Herr Wackernagel, Ihr Institut hat berechnet, dass die Deutschen ab morgen auf Pump leben. Was bedeutet das?

Mathis Wackernagel: Deutschland liegt mit seinem Pro-Kopf-Verbrauch und seinen Emissionen im obersten Viertel aller L?nder. Hochgerechnet auf die Weltbev?lkerung braucht jeder Deutsche vom 1. Januar bis zum 5. Mai so viel von unserem Planeten, wie die Erde im ganzen Jahr regenerieren kann. W?rden die Menschen ?berall so leben wie in Deutschland, br?uchten wir drei Erden, um den Ressourcenverbrauch zu kompensieren. Auf Dauer kann das nat?rlich nicht funktionieren. Das ist ein Leben auf Kredit der k?nftigen Generationen.

Welche Ressourcen sind denn besonders ?bernutzt?

Wackernagel: Das Problem ist nicht eine einzelne Ressource, sondern die Summe unseres ganzen Verbrauchs - die Menschheit braucht mehr, als die Erde erneuern kann. Das nennt sich auf Englisch 'Overshoot'. Wir wollen zu viel Fisch, zu viele H?hner, zu viel Papier, zu viel Fossilenergie, zu viel Baumwolle etc. Das ist der Grund, warum all diese Umweltkrisen gleichzeitig auftreten. Diese Synchronizit?t ist kein Zufall. Das gro?e Problem ist, dass die Menschen kaum etwas von Overshoot geh?rt haben, dass die meisten Sprachen, wie eben auch Deutsch, nicht einmal ein Wort daf?r haben. Das ist, als h?tte der Arzt keinen Namen f?r eine Krankheit und k?nnte diese deswegen auch nicht therapieren.

Die Folgen des Klimawandels d?rften ja sp?testens seit Fridays for Future fast jedem bekannt sein. Nur scheinen die L?sungen daf?r nur sehr z?h und z?gerlich voranzukommen.

Wackernagel: Das mag sein, aber das gr??te Problem ist unser Missverst?ndnis der Situation. Viele denken: Es kostet mich nur, mein CO2 zu reduzieren, daher warte ich mal. In Wirklichkeit steuern wir in einen Sturm von Ressourcenknappheit und Klimawandel. Warum warte ich, um mein Boot f?r den vorhersehbaren Sturm bereit zu machen? Kein Land, keine Stadt, kein Unternehmen kann seine Infrastruktur nullkommapl?tzlich umfunktionieren, umr?sten oder anpassen. Diejenigen, die vorausschauend planen, haben eindeutig eine viel bessere Zukunftschance. Mitzuhelfen, den Earth Overshoot Day zu verschieben, liegt im direkten Eigeninteresse.

K?nnen Sie konkrete Beispiele nennen, wie wir reagieren k?nnten?

Wackernagel: Eine 50-prozentige Reduktion der CO2-Emissionen der fossilen Brennstoffe weltweit verschiebt den Overshoot Day um ganze 93 Tage. Als Beispiel dazu: Die Stadt Wuppertal hat eine stark befahrene st?dtische Radwegstrecke gebaut, die j?hrlich von 2-3 Millionen benutzt wird. Es ist eine ehemalige Bahntrasse, die dank einer B?rgerbewegung zur Fahrradautobahn geworden ist. Oder nehmen wir das Rathaus in Freiburg, das im Jahr 2017 als erstes ?ffentliches Netto-Plusenergiegeb?ude der Welt fertiggestellt worden ist. Zahlreiche weitere Projekte gibt es unter dem Hashtag 'MoveTheDate'. Viel ist m?glich, und auch essenziell, wenn wir weiter gut leben wollen.

Wo liegt denn dabei die Verantwortung des Einzelnen?

Wackernagel: Wer ist schuld? Wir stecken zusammen in einem ?kologischen Schneeballsystem fest. Wir benutzen die Ressourcen der Zukunft, um f?r die Gegenwart zu bezahlen. Und das sage ich nicht leichtfertig, denn es handelt sich nicht um eine Analogie. Es ist ein tats?chliches Schneeballsystem. Madoff, der ber?chtigte Bankier aus New York, ist vor Kurzem im Gef?ngnis gestorben. Aber sein Betrug ist vom Umfang und Ausma? her nichts im Vergleich zu unserem aktuellen ?kologischen Schneeballsystem. Wer ist also schuld? Wer ist der ?kologische Madoff? Diejenigen, die sich weigern, das Schneeballsystem zu erkennen? Diejenigen, die keine ehrliche Buchhaltung f?hren wollen? Diejenigen, die bei ?kologischen Schneeballsystemen ein Auge zudr?cken, w?hrend finanzielle Schneeballsysteme in den meisten L?ndern illegal sind? Vielleicht ist es besser, die Frage anders zu stellen: Was bringt es, abzuwarten und mal zu weiterzusehen? Was tun Sie, um sich selbst, Ihre Stadt, Ihr Land, Ihr Unternehmen zu sch?tzen? Daher setzen wir auf Menschen und Institutionen, die sich dem Problem annehmen.

Herr Szeidl, die Bau- und Immobilienbranche geh?rt zu den gr??ten Ressourcenverbrauchern weltweit. Was bedeutet es f?r Sie, nachhaltig zu wirtschaften?

Steffen Szeidl: Ganz klar einen Wettbewerbsvorteil. Ich bin ?berzeugt, dass mittel- bis langfristig nur diejenigen Unternehmen bestehen, die nachhaltig agieren, weil es keine Alternative dazu gibt und weil es sich - bei ehrlicher und vollst?ndiger Bilanzierung aller Risiken - auch rechnet. Dazu ein kleines und einfaches Beispiel: Statt auf Mehrwegplastikflaschen setzen wir bei uns auf Zapfanlagen f?r das Trinkwasser. Allein f?r den Standort Stuttgart hat das 35.000 Euro gekostet, was sich aber bereits nach 18 Monaten amortisiert hat. Nebenbei haben wir so sogar ein qualitativ h?herwertiges Trinkwasser. Viele Unternehmen bef?rchten enorme Kosten bei Umwelt- und Klimaschutz. Doch gerade dann m?ssen Unternehmen in die Zukunft investieren. Nachhaltige Ma?nahmen f?hren in Summe immer zu besseren Produkten und Dienstleistungen, mal abgesehen davon, dass es die angeschlagene Reputation so mancher Unternehmen verbessert und qualifizierte Mitarbeiter anzieht. Das bedingt eine neue Renditebetrachtung: statt dem schnellen lieber einen langfristigen Euro.

Von der Mikro- zur Makrosicht - wie sieht denn die CO2-Bilanz der Bau- und Immobilienbranche aus?

Szeidl: Der Anteil des Sektors am weltweiten CO2-Footprint liegt bei 38 Prozent, sie ist f?r 50 Prozent des europ?ischen M?llaufkommens verantwortlich, in Deutschland verbaut sie 90 Prozent der gef?rderten mineralischen Rohstoffe. Hier gibt es also f?r ein Umsteuern gro?es Potenzial. Zudem haben wir uns die letzten Jahre sehr stark in die Ecke Energieeffizienz verrannt, anstatt gr??er zu denken. Das Stichwort Kreislaufwirtschaft ist nicht grundlos ein wichtiger Bestandteil des Green Deals der EU. Die Transformation von der linearen hin zur kreislauff?higen Wirtschaft wurde damit als entscheidender Faktor in Sachen Klimaschutz und Ressourcenschonung definiert. Kurzum: F?r unsere Branche f?hrt in Zukunft kein Weg an der Kreislaufwirtschaft vorbei.

Weg vom Ressourcengrab hin zum Rohstoffdepot?

Szeidl: Richtig. Kreislauff?hige Geb?ude geben die verbauten Rohstoffe am Ende ihrer Nutzungszeit wieder f?r neue Bauprojekte und Produkte frei. Nichts landet auf dem M?ll, sondern wird sortenrein getrennt, recycelt und wieder in die Kreisl?ufe r?ckgef?hrt. Angewendet auf ganze St?dte lassen sich auf diese Weise enorme Potenziale heben. Und das ist keine Zukunftsmusik: Geb?ude wie das Wohnhochhaus Moringa in Hamburg oder das B?rogeb?ude The Cradle in D?sseldorf setzen bereits heute auf kreislauff?higes Bauen und dienen als Blaupause f?r weitere Projekte. Verkn?pft mit digitalen Tools und Datenbanken entsteht so ein digitaler Materialpass f?r Geb?ude. Darin sind alle Informationen zu den verbauten Produkten und Materialien enthalten. Auf diese Weise kann bei Umbau oder Abriss genau geplant werden, wie sich wertvolle Ressourcen erneut einsetzen lassen oder in den Kreislauf zur?ckgef?hrt werden.

Steigen damit nicht auch die Baupreise?

Szeidl: Augenscheinlich ja - von vielen werden daf?r gerade die aktuellen Steigerungen beispielsweise beim Holz aufgef?hrt. Dies ist jedoch nur in kleinen Teilen auf eine erh?hte Nachfrage aufgrund von Nachhaltigkeit zur?ckzuf?hren. Und es wird zumindest klar, welche Anstrengungen von allen Akteuren zu t?tigen sind. Rohstoffgewinnung, Verf?gbarkeit, Demontage, R?cknahmesysteme, Logistik und viel mehr m?ssen neu gedacht werden. Auf lange Sicht betrachtet, rentiert sich die Investition in die Kreislauff?higkeit. Wenn Geb?ude am Ende ihrer Nutzungszeit nicht auf dem M?ll landen, sondern als Materialbank dienen, profitieren Eigent?mer von k?nftigen Rohstoffpreisentwicklungen - ohne in deren Lagerung investieren zu m?ssen. Bei heutigen Materialkosten von ?ber 20 Prozent der Baukosten ergibt sich hierdurch eine Wertsteigerung von bis zu 20 Prozent. Dar?ber hinaus lassen sich die Instandsetzungs-, R?ckbau- und Entsorgungskosten auf ein Minimum reduzieren.

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