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Indikatoren, Deutschland

WIESBADEN - Die Inflationsrate in Deutschland kratzt mit 3,9 Prozent im August erstmals seit knapp 28 Jahren wieder an der Vier-Prozent-Marke.

10.09.2021 - 10:24:29

Inflation auf höchstem Stand seit Ende 1993. Volkswirte erwarten in den nächsten Monaten weiter steigende Teuerungsraten, werten den Anstieg der Verbraucherpreise in Europas größter Volkswirtschaft aber als vorübergehendes Phänomen.

Nach einem Preissprung von 2,3 Prozent im Juni auf 3,8 Prozent im Juli des laufenden Jahres zog die jährliche Teuerungsrate im August moderat weiter an. Das Statistische Bundesamt bestätigte am Freitag seine vorläufigen Berechnungen von Ende August. Einen höheren Wert für die jährliche Teuerungsrate als im August des laufenden Jahres gab es zuletzt im Dezember 1993 mit 4,3 Prozent. Von Juli auf August 2021 stagnierten die Preise nach Angaben der Wiesbadener Behörde.

Eine höhere Inflation schwächt die Kaufkraft von Verbrauchern, weil sie sich für einen Euro dann weniger kaufen können als zuvor. Auch für Sparer, die Geld beispielsweise auf mickrig verzinsten Tagesgeldkonten parken, sind steigende Inflationsraten bitter. Ihre Guthaben verlieren unter dem Strich an Wert.

Seit Monaten heizen überdurchschnittlich steigende Energiepreise die Teuerung an. Im August mussten Verbraucher in Deutschland fürs Tanken und Heizen nach Berechnungen der Statistiker 12,6 Prozent mehr zahlen als ein Jahr zuvor. Merklich teurer wurden demnach Heizöl (plus 57,3 Prozent) und Kraftstoffe (plus 26,7 Prozent). Auch die Preise für Erdgas (plus 4,9 Prozent) und Strom (plus 1,7 Prozent) zogen an. Ohne Berücksichtigung der Energieprodukte hätte die Inflationsrate im August dem Bundesamt zufolge 3,0 Prozent betragen.

Vor einem Jahr waren die Rohölpreise mit Ausbruch der Corona-Krise wegen geringer Nachfrage auf dem Weltmarkt eingebrochen. Seither haben sie sich erholt. Dazu kommt: In Deutschland sind seit Januar 25 Euro je Tonne Kohlendioxid (CO2) fällig, das beim Verbrennen von Diesel, Benzin, Heizöl und Erdgas entsteht. Beides sorgt derzeit für steigende Energiepreise.

Zudem schlägt die Rücknahme der temporären Mehrwertsteuersenkung nun voll zu. Um den Konsum in der Corona-Krise anzukurbeln, hatte der Bund die Mehrwertsteuer befristet vom 1. Juli 2020 bis zum 31. Dezember 2020 gesenkt. Seit Januar 2021 gelten wieder die regulären Mehrwertsteuersätze, Waren und Dienstleistungen werden also tendenziell teuer. Die Preise für Waren insgesamt erhöhten sich nach Berechnungen des Bundesamtes im August im Vergleich zum Vorjahresmonat um überdurchschnittliche 5,6 Prozent.

Nahrungsmittel verteuerten sich im August um 4,6 Prozent. Dabei mussten Verbraucher vor allem für Gemüse (plus 9,0 Prozent) mehr zahlen als vor Jahresfrist.

Bankökonomen und Institutionen wie die Bundesbank rechnen seit Monaten damit, dass die Verbraucherpreise in Deutschland in den nächsten Monaten weiter steigen werden. Vorübergehend gelten Teuerungsraten von an die fünf Prozent als möglich. "Dies wird vielen in Deutschland nicht gefallen, aber der aktuelle Anstieg der Inflation ist zu einem großen Teil Sondereffekten geschuldet und eine willkommene Normalisierung nach einer langen Zeit mit zu niedriger Inflation", hatte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, am Donnerstag erklärt.

Denn vom Ziel stabiler Preise, das die Europäische Zentralbank (EZB) erreichen will, ist der Euroraum seit Jahren weit entfernt. Die Notenbank strebt neuerdings für den Währungsraum der 19 Länder eine jährliche Teuerungsrate von zwei Prozent an. Dauerhaft niedrige Preise gelten als Risiko für die Konjunktur: Unternehmen und Verbraucher könnten dann Investitionen aufschieben - in der Hoffnung, dass es bald noch billiger wird.

Für den Umgang mit vergleichsweise hohen Inflationsraten hat sich die EZB mehr Flexibilität verschafft: Die Notenbank ist zumindest zeitweise bereit, eine moderates Über- oder Unterschreiten der Zwei-Prozent-Marke zu akzeptieren.

In ihre jüngsten Prognose, die die EZB am Donnerstag veröffentlicht hat, geht die Notenbank davon aus, dass die Teuerung im Euroraum im laufenden Jahr bei 2,2 Prozent liegen wird. Für 2022 rechnen die Währungshüter mit einer Preissteigerung von 1,7 Prozent. Inflation und Wirtschaftsentwicklung seien immer noch nicht stark genug für eine Ende der expansiven Geldpolitik, meint DIW-Präsident Fratzscher.

Im August des laufenden Jahres lag der harmonisierte Verbraucherpreisindex HVPI, den die EZB für ihre Geldpolitik heranzieht, in Deutschland um 3,4 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats und um 0,1 Prozent über dem Stand von Juli 2021. Auch hier bestätigte das Bundesamt seine vorläufigen Berechnungen.

@ dpa.de

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