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Regierungen, Deutschland

Wenig Hoffnung auf vollen Präsenzunterricht im neuen Jahr

23.12.2020 - 05:58:26

Wenig Hoffnung auf vollen Präsenzunterricht im neuen Jahr. BERLIN - Lehrervertreter machen wenig Hoffnung auf eine Rückkehr zu einem normalen Schulbetrieb nach den Weihnachtsferien. "Auch wir rechnen nicht damit, dass vollständiger Präsenzunterricht ab dem 11. Januar wieder möglich ist", sagte der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes Heinz-Peter Meidinger der Deutschen Presse-Agentur. Abhängig vom Corona-Infektionsgeschehen werde es weiterhin eine Phase des Wechselunterrichts mit halbierten Klassen, Hybridunterricht oder auch Phasen des reinen Distanzunterrichts geben müssen.

Die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Marlis Tepe, geht von weiter steigenden Infektionszahlen aus. "Also ist auch zu befürchten, dass es mit dem Wechselunterricht länger dauern wird", sagte sie der dpa. Ihrer Ansicht nach muss es nach den Ferien an den Schulen zunächst in einem solchen Wechselbetrieb weitergehen - also mit Klassenteilung und abwechselndem Unterricht in der Schule und zu Hause. Viele Lehrkräfte hätten damit inzwischen sehr gute Erfahrungen gemacht, sagte Tepe.

Wie die Schulen nach dem 10. Januar ins neue Jahr starten, ist bisher weitgehend offen. Die Kultusminister der Länder wollen darüber am 4. Januar beraten. Einen Tag später werden Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten der Länder bei ihrer nächsten Gesprächsrunde zum weiteren Vorgehen in der Corona-Krise voraussichtlich Beschlüsse dazu fassen. Die konkrete Umsetzung liegt dann aber wie immer in den einzelnen Bundesländern, die für ihre Schulen selbst zuständig sind.

Vereinzelt gab es bereits Aussagen dazu, wie es im neuen Jahr weitergehen könnte. So plant etwa Niedersachsen ab 11. Januar bis zum Halbjahresende am 31. Januar für die Klassen 5 bis 12 mit Wechselunterricht, für die Abiturklassen und Grundschulen mit Präsenzunterricht, allerdings für alle Schüler mit Maske im Unterricht. Nordrhein-Westfalens Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) bereitete die Schulen in einem Brief kurz vor Weihnachten auf drei verschiedene Szenarien im neuen Jahr vor. In dem Stufenmodell würde es im günstigsten Fall landesweiten Präsenzunterricht geben. Gebauer verwies aber zunächst auf die Beratungen der Länder mit Merkel am 5. Januar.

Alles hängt an der Entwicklung der Infektionszahlen. Gehen die nicht runter, werden viele berufstätige Eltern im neuen Jahr wieder vor den inzwischen altbekannten Problemen stehen: Wer soll auf die Kinder aufpassen, wenn diese zu Hause bleiben müssen? Wie soll es mit dem Homeoffice klappen, wenn man sich tagsüber auch um den Nachwuchs kümmern muss? Für Schüler und Lehrer stellt sich außerdem die Frage, ob und wie es inzwischen mit dem Fernunterricht funktioniert. Und immer wieder wird auch die Befürchtung geäußert, dass benachteiligte Kinder durch fehlende Bildungs- und Betreuungsangebote weiter abgehängt werden.

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek rief dazu auf, in den kommenden Monaten besonders auf die schwächeren Schüler zu achten. "Was mir die größten Sorgen macht, ist die Frage, ob die Schülerinnen und Schüler, die schon ohnehin Probleme in der Schule hatten, in ihrer Entwicklung in den vergangenen Monaten noch weiter zurückgefallen sind", sagte die CDU-Politikerin der dpa.

Bei den Schulschließungen im Frühjahr galt vielerorts noch das Prinzip Aufgabenzettel. Inzwischen wurden bedürftige Schüler zwar mit Leihlaptops ausgestattet, aber vor Weihnachten hatte sich gezeigt, dass es trotzdem noch große Probleme mit dem sogenannten Homeschooling gibt: In mehreren Bundesländern waren zum Start des Lockdowns die digitalen Lernplattformen überlastet und ausgefallen.

Kanzleramtschef Helge Braun (CDU) und auch Familienministerin Franziska Giffey (SPD) hatten zuletzt versichert, Schulen und Kitas würden die ersten Orte sein, die wieder aufmachen. Aber eine klare Prognose kann derzeit keiner geben. Die noch bis Jahresende amtierende Präsidentin der Kultusministerkonferenz und rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) sagte den Zeitungen der VRM-Gruppe in Mainz (Mittwoch-Ausgabe): "Mein Ziel ist: So schnell wie möglich so viel Präsenzunterricht wie möglich." Schüler lernten am besten in der Schule, nicht zu Hause. Ähnlich äußerte sich auch Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) am Dienstag in Stuttgart.

Die stellvertretende Vorsitzende der FDP-Bundestagsfraktion, Katja Suding, forderte die Kultusminister der Länder dazu auf, "bis zum 10. Januar jeden einzelnen Tag zu nutzen, um langfristige Strategien für den Unterricht unter Corona-Bedingungen zu entwickeln". Die Minister müssten alles dafür tun, möglichst flächendeckend mit geeigneten Schutz- und Hygienemaßnahmen den Präsenzunterricht sicherzustellen.

Das Thema gehört aber zu den umstrittensten in dieser Pandemie. Politisch war im Sommer die Devise ausgegeben worden, möglichst nicht wieder Schulen und Kitas zu schließen oder in einen Schichtbetrieb zu wechseln wie in der ersten Corona-Welle, mit Verweis auf drohende Bildungsverluste und soziale Nachteile für Kinder und Schüler. Bis Mitte Dezember war das weitgehend durchgehalten worden. Je mehr die Infektionszahlen stiegen, desto lauter wurde aber auch die Kritik von Bildungsgewerkschaften, dass der Gesundheitsschutz von Lehrkräften, Erzieherinnen und Erziehern nicht genug berücksichtigt werde.

Die Stimmung sei geteilt, sagte GEW-Chefin Marlis Tepe. "Es gibt Kolleginnen und Kollegen, die sind extrem besorgt, haben Wut und fühlen sich im Grunde genommen auch verraten, weil sie das Gefühl haben, der Staat nimmt seine Fürsorgepflicht nicht wahr." Sie verwies auch auf den Fall eines Lehrers in Berlin, der kürzlich nach einer Corona-Infektion gestorben war. Daneben gebe es aber auch Kollegen, die vor allem die Wichtigkeit von Präsenzunterricht betonten, fügte Tepe hinzu. Und es gebe diejenigen, die die Dinge hinnähmen, wie sie seien. "Alle versuchen die Quadratur des Kreises zu schaffen, zwischen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, dem Rechtsanspruch auf Bildung und dem Gesundheitsschutz."

@ dpa.de

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