Regierungen, Italien

PARIS - Für Frankreich ist es eine Schicksalswahl: Nach einem vom Terrorismus überschatteten Wahlkampf stimmen die Franzosen über einen Nachfolger von Präsident François Hollande ab.

23.04.2017 - 15:35:24

Richtungswahl für Europa - Stärken die Franzosen Le Pen?. Wegen der Terrorgefahr schützen mehr als 50 000 Sicherheitskräfte den ersten Wahlgang an diesem Sonntag. Erst nach 20.00 Uhr sind erste offizielle Ergebnisse zu erwarten. Insbesondere für die Europäische Union und den langjährigen Partner Deutschland könnte die Abstimmung schwerwiegende Folgen haben.

Denn unter anderem die EU-Gegnerin Marine Le Pen vom rechtsextremen Front National hat gute Chancen auf die Stichwahl am 7. Mai. Auch der linke Europakritiker Jean-Luc Mélenchon hat Aussichten - ebenso allerdings der europafreundliche Polit-Jungstar Emmanuel Macron und der Konservative François Fillon.

BETEILIGUNG HOCH WIE VOR FÜNF JAHREN

Macron, Le Pen, Fillon und der unbeliebte scheidende sozialistische Präsident Hollande stimmten schon am Morgen in ihren Wahlkreisen ab. In der Nähe des Wahllokals in der nordfranzösischen Front-National-Hochburg Hénin-Beaumont, in dem Le Pen abgestimmt hat, demonstrierten Femen-Aktivistinnen mit nacktem Oberkörper gegen die Rechtspopulistin.

Insgesamt sind etwa 47 Millionen der 67 Millionen Franzosen stimmberechtigt. Elf Kandidaten stellen sich in der ersten Runde zur Wahl. Die Beteiligung lag zunächst etwa so hoch wie bei der Abstimmung vor fünf Jahren. Bei gutem Wetter in ganz Frankreich gaben nach Angaben des Innenministeriums bis zum Sonntagmittag rund 28,5 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme ab. 2012 hatten im ersten Wahlgang bis 12.00 Uhr knapp 28,3 Prozent der Wähler abgestimmt; damals lag die Wahlbeteiligung am Ende bei rund 79,5 Prozent.

MELENCHON IN ÜBERSEEGEBIETEN VORN

Umfragen ließen für die Wahl ein spannendes Rennen erwarten. Beobachter waren davon ausgegangen, dass eine niedrige Wahlbeteiligung extremen Kandidaten zugute kommen könnte. Weil die Rechtspopulistin Le Pen ein Referendum über die EU-Mitgliedschaft Frankreichs will, gilt die Abstimmung als Richtungswahl für Europa. Die endgültige Entscheidung dürfte aber erst bei einer Stichwahl in zwei Wochen fallen.

In den Überseegebieten liegt der Linksaußen-Kandidat Jean-Luc Mélenchon nach Informationen des belgischen Rundfunks in einigen Überseegebieten vorn. Die französischen Karibikinseln sowie mehrere andere Überseegebiete hatten wegen der Zeitverschiebung bereits am Samstag abgestimmt.

MACRON IN SÜDAMERIKA MIT GEWINNEN

Auf Martinique liege Mélenchon mit gut 27 Prozent vor dem sozialliberalen Kandidaten Emmanuel Macron mit 25,5 Prozent, berichtete der Sender RTBF am Sonntag ohne Quelle. Allerdings: In den französischen Überseegebieten ist nur ein sehr kleiner Teil der französischen Wahlberechtigten registriert. Die dortigen Ergebnisse sind zudem nicht repräsentativ, weil die Überseegebiete meist stärker links wählen.

Die Auslandsfranzosen in Nord-, Mittel- und Südamerika sollen laut RTBF mit großer Mehrheit (45 Prozent) Macron gewählt haben - nur die Ergebnisse aus Montréal hätten noch nicht vorgelegen.

WAHLLOKALE SCHLIESSEN UM 20 UHR

Die letzten Wahllokale schließen am Abend um 20.00 Uhr, damit fällt auch die Nachrichtensperre in Frankreich. Weil sich ein knappes Rennen abzeichnet, war unklar, wann tatsächlich erste Ergebnisse öffentlich werden. Allerdings könnten schon vorher erste Zahlen durchsickern: Medien in der Schweiz und in Belgien hatten beim vergangenen Mal schon am späten Nachmittag erste Trends verkündet.

Le Pen will ihr Land bei einem Sieg in der Stichwahl aus dem Euro führen und ein Referendum über die EU-Mitgliedschaft ansetzen. Mélenchon möchte die europäischen Verträge neu verhandeln und über das Resultat in einer Volksbefragung abstimmen lassen, zudem will er das transatlantische Verteidigungsbündnis Nato verlassen.

SICHERHEITSPOLITIK IM BLICK

Der sozialliberale Macron und der Konservative Fillon stehen zur EU und wollen Frankreich reformieren. Umfragen ließen ein ungewöhnlich knappes Rennen erwarten. Macron lag zuletzt leicht vor oder auf Augenhöhe mit Le Pen, Fillon und Mélenchon nur wenige Prozentpunkte dahinter. Unter den sechs Varianten für die Stichwahl in zwei Wochen gilt ein Duell von Macron gegen Le Pen als am wahrscheinlichsten.

Eine Terrorattacke am Donnerstagabend in Paris hatte die Sicherheitspolitik zum Abschluss des Wahlkampfs in den Mittelpunkt gerückt. Frankreich war in den vergangenen Jahren Ziel mehrerer islamistischer Anschläge. Erstmals wählt das Land unter den Bedingungen des Ausnahmezustands.

@ dpa.de

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