Indikatoren, Deutschland

NÜRNBERG - Andrea Nahles hatte vielleicht etwas Glück: Bei ihrer ersten Pressekonferenz zur Vorstellung der Arbeitsmarktstatistik konnte sie robuste Zahlen und eine stabile Entwicklung verkünden.

31.08.2022 - 13:10:29

Junge Leute, lasst Euch ausbilden!. Und so nutzte sie die einstige SPD-Chefin und Bundesarbeitsministerin ihren Debütauftritt in Nürnberg auch angesichts des immer stärker spürbaren Fachkräftemangels zu einem Appell: Junge Leute - lasst Euch ausbilden! Es gebe noch gute Chancen, einen Ausbildungsplatz zu finden.

Nahles warb insbesondere für das Handwerk als Lehrmeister. "Es ist gibt tatsächlich gute Perspektiven, dass man heutzutage mit einem eingeschlagenen Weg als Handwerker sogar mehr verdient, als wenn man einen Bachelor-Studiengang macht", sagte Nahles. Jugendliche wie Arbeitgeber sollten den Sommer und Herbst nutzen. "Den Jugendlichen empfehle ich, sich auch für Ausbildungsberufe zu öffnen, die nicht ihr absoluter Traumberuf sind und darüber nachzudenken, ob eine Ausbildung auch in anderen, vielleicht benachbarten Region infrage kommt."

An die Arbeitgeber gerichtet sagte Nahles: "Ich würde mir wünschen, dass sie sich noch mehr für junge Menschen öffnen, die nicht zu den optimalen Kandidaten gehören." Die Bundesagentur halte viele Fördermöglichkeiten bereit, von der assistierten Ausbildung bis zur Einstiegsqualifizierung. Es sei belegt, dass diese Unterstützungen auch zum Erfolg der Ausbildung führen können.

Der flammende Appell hat einen Hintergrund: "Wir haben seit 2017 den Trend, dass immer weniger junge Menschen sich für eine duale Ausbildung entscheiden." Diese sei aber ein Herzstück, um das Deutschland im Ausland beneidet werde. Es dürfe nicht weiter wegrutschen.

Die Zahl der Bewerber um eine Lehrstelle ist für das beginnende Ausbildungsjahr erneut zurückgegangen - um 13 000 auf 408 000. Die Zahl der gemeldeten Ausbildungsplätze stieg dagegen um 20 000 auf 526 000. Trotz des Überhangs an Stellen gelingt es nicht, jeden Bewerber zu vermitteln. In Berlin und Teilen Nordrhein-Westfalens, beschreibt Nahles, gebe es etwa mehr Bewerber als Stellen. Dagegen kämen in Teilen Süddeutschlands auf jeden Bewerber zwei Stellen.

Dabei ist die Zufriedenheit eigentlich gegeben: Fast drei von vier Auszubildenden in Deutschland sind mit ihrer Ausbildung zufrieden, zeigt ein am Mittwoch in Berlin vorgestellter Ausbildungsreport des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB). Allerdings gebe es bei der Qualität große Unterschiede. "Auffällig ist dabei, dass anscheinend die Begeisterung vieler Auszubildender im Laufe der Ausbildung abnimmt", heißt es in dem Report.

Mehrarbeit gehört laut dem Report für etwa ein Drittel der Auszubildenden zum Alltag. Eine deutliche Verbesserung erkennen die Studienautoren bei minderjährigen Auszubildenden, die regelmäßig mehr als 40 Stunden pro Woche arbeiten müssen: Ihr Anteil sank um fast vier Prozentpunkte auf 6,6 Prozent.

Schlecht schnitt die schulische Berufsorientierung ab. Mehr als 72 Prozent der Befragten gaben an, dass ihnen an der Schule kaum bei der Berufswahl geholfen wurde. Rund 29 Prozent der Befragten haben die Berufsberatung der Agentur für Arbeit genutzt. Der Präsident des Zentralverbandes des deutschen Handwerks (ZDH), Hans Peter Wollseifer, bezeichnete die Berufsorientierung als unzureichend. "Die Berufswahl darf nicht dem Zufall überlassen werden", sagte er. Eine systematische Berufsorientierung sei daher an allen Schulformen - insbesondere an Gymnasien - dringend notwendig.

Die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack wies darauf hin, dass vergangenes Jahr nicht einmal 70 Prozent aller bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldeten Jugendlichen einen Ausbildungsplatz bekommen hätten. "Nicht einmal mehr jedes fünfte Unternehmen bildet hierzulande noch aus." Mehr als 220 000 Jugendliche steckten jedes Jahr in Maßnahmen zwischen Schule und Ausbildung fest. Hannack forderte die Regierung auf, die angekündigte Ausbildungsgarantie einzuführen. DGB-Bundesjugendsekretär Kristof Becker sagte: "Wer Fachkräfte will, muss gut ausbilden."

Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland ist im August gegenüber dem Vormonat um 77 000 auf 2,547 Millionen gestiegen. Die Arbeitslosenquote nahm um 0,2 Punkte auf 5,6 Prozent zu. Im Vergleich zum August des Vorjahres sank die Zahl der Arbeitslosen um 31 000. "Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung haben zwar im August erneut stärker zugenommen als jahreszeitlich üblich", sagte Nahles. "Dies liegt jedoch weiterhin an der Erfassung ukrainischer Geflüchteter." Von den insgesamt 398 000 gemeldeten Personen hätten inzwischen 38 000 eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung gefunden, 11 000 einen Minijob. Für die August-Statistik konnte die Bundesagentur auf Zahlenmaterial zurückgreifen, das bis zum 11. August vorlag.

Kaum Einfluss auf den Arbeitsmarkt hat bisher die Energiekrise in Folge des Ukraine-Krieges. Die Zahl der Anzeigen für Kurzarbeit - einer der ersten Indikatoren für Probleme bei Betrieben - betrug den Angaben der Bundesagentur zufolge im August lediglich 36 000. Tatsächlich in Anspruch genommen wurde Kurzarbeit im Juni noch von 259 000 Menschen in Deutschland. Aktuellere Daten liegen derzeit nicht vor. Im April 2020 hatten fast sechs Millionen Deutsche Kurzarbeitergeld erhalten.

Dagegen bewegt sich die Nachfrage nach neuen Arbeitskräften weiter auf sehr hohem Niveau. Im August waren 887 000 freie Arbeitsstellen bei den Arbeitsagenturen gemeldet, 108 000 mehr als noch vor einem Jahr. Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung hatte mit 34,44 Millionen im Juni ein Rekordhoch erreicht.

@ dpa.de

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