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LONDON - Labour-Chef Jeremy Corbyn hat Premierministerin Theresa May angesichts der Zitterpartie bei der Parlamentswahl zum Rücktritt aufgefordert.

09.06.2017 - 06:00:24

GB-WAHL/ROUNDUP/Labour-Chef: May sollte zurücktreten - Finanzmärkte besonnen. Sie habe mit ihren Konservativen Sitze, Stimmen, Unterstützung und Vertrauen verloren, sagte der Altlinke in der Nacht zum Freitag.

Nach Hochrechnungen könnte May bei der Wahl am Donnerstag sogar die absolute Mehrheit verloren haben. Das Land brauche nun eine Phase der Stabilität, sagte die Premierministerin mit zitternder Stimme nach der Verkündung des Wahlergebnisses in ihrem Wahlkreis Maidenhead. Die konservative Partei werde voraussichtlich als stärkste Kraft aus der Wahl hervorgehen, sagte die 60-Jährige, die extrem blass wirkte. Mays Wahlkampf-Strategie und ihr ungelenkes Auftreten in der Öffentlichkeit hatten ihr viel Kritik eingebracht.

Der Sender BBC sah die Tories bei 318 Sitzen - das würde nicht für eine alleinige Regierungsmehrheit reichen. Labour kommt in den Hochrechnungen auf 267 Sitze, die Schottische Nationalpartei (SNP) auf 32 und die Liberaldemokraten konnten mit 11 Mandaten rechnen. Insgesamt waren am Freitagmorgen 525 von 650 Sitzen ausgezählt. Das amtliche Endergebnis wird erst am Freitagnachmittag veröffentlicht.

Mit der Neuwahl wollte May eigentlich die Mehrheit der Konservativen deutlich ausbauen und sich Rückendeckung für die Verhandlungen über den EU-Austritt ihres Landes (Brexit) holen. Zeitweise wurde in der Nacht ihr Rücktritt nicht mehr ausgeschlossen. Am 20. Mai hatte die 60-Jährige in sozialen Netzwerken geschrieben: "Wenn ich nur sechs Sitze verliere, dann verliere ich diese Wahl und (Labour-Chef) Jeremy Corbyn wird mit Europa am Verhandlungstisch sitzen."

Ex-Finanzminister George Osborne, der unter May 2016 seinen Posten verloren hatte, stellte als einer der ersten Mays Zukunft in Frage. "Wenn sie ein schlechteres Ergebnis als vor zwei Jahren hat und fast keine Regierung bilden kann, dann bezweifle ich, dass sie auf lange Sicht Parteichefin der Konservativen bleiben wird." Die schottische Regierungschefin Nicola Sturgeon bewertete Mays Ergebnis als Desaster. Nigel Farage von der rechtspopulistischen Ukip-Partei twitterte: "Die Konservativen brauchen einen Anführer, der an den Brexit glaubt."

Der Chef der EU-feindlichen UK Independence Party (Ukip), Paul Nuttall, schaffte den Einzug ins Parlament nicht. Der 40-Jährige wurde in seinem Wahlkreis nur Dritter.

Auf Großbritannien könnten komplizierte Koalitionsverhandlungen zukommen. Die Liberaldemokraten sagten bereits Nein. "Es gibt keine Koalition, es gibt keine Deals", betonte die außenpolitische Sprecherin der Labour-Fraktion, Emily Thornberry, in der Nacht zum Freitag im Sender BBC. Es werde entweder eine Minderheitsregierung der Tories oder der Labour-Partei geben. Die Liberaldemokraten kämpfen als einzige landesweite Partei für den Verbleib in der EU.

Die Partei der nordirischen Protestanten der DUP (Democratic Unionist Party) ist hingegen zu Verhandlungen mit den Konservativen bereit. "Natürlich werden wir mit ihnen (den Konservativen) über ihren Wunsch sprechen, eine Regierung zu bilden", sagte DUP-Politiker Jeffrey Donaldson der britischen Nachrichtenagentur PA zufolge. Bei der Parlamentswahl vor zwei Jahren hatte die DUP acht Sitze gewonnen.

Noch vor wenigen Wochen lagen die Konservativen zeitweise mehr als 20 Prozentpunkte vor Labour. May patzte aber im Wahlkampf: Sie trat in der Öffentlichkeit hölzern auf, löste einen Streit um geplante finanzielle Einschnitte bei Rentnern aus und verweigerte gemeinsame Fernsehduelle mit Corbyn. Nach den Terroranschlägen in London und Manchester geriet May unter Druck, weil in ihrer Amtszeit als Innenministerin fast 20 000 Polizei-Stellen gestrichen worden waren. Corbyn versprach hingegen 10 000 zusätzliche Polizisten.

Mit May als Premierministerin müsste sich die Europäische Union auf harte Brexit-Verhandlungen einstellen, mit denen Brüssel schon am 19. Juni beginnen will. Die Konservative betonte, Großbritannien werde die EU eher ohne Einigung verlassen, als einen "schlechten Deal" zu akzeptieren.

May hatte das Amt der Regierungschefin im vergangenen Jahr von David Cameron übernommen, nachdem eine knappe Mehrheit der Briten in einem Referendum für den Brexit gestimmt hatte.

Bei der vorangegangenen Wahl im Jahr 2015 hatten die Tories mit 330 Sitzen die absolute Mehrheit errungen. Labour holte damals 232 Sitze. Die Schottische Nationalpartei (SNP) war mit 56 Sitzen drittstärkste Kraft. Die Liberaldemokraten, die als einzige landesweite Partei weiterhin für einen Verbleib in der EU kämpfen, hatten acht Sitze.

Großbritannien hat ein reines Mehrheitswahlrecht. Um einen Sitz zu bekommen, müssen Politiker in ihrem Wahlkreis die meisten Stimmen holen. Kleine Parteien werden dadurch meist benachteiligt.

An den Finanzmärkten fiel die Reaktion besonnen aus, auch wenn die Unsicherheit über den weiteren Kurs der britischen Regierung in puncto Brexit nach dem Wahlausgang zunehmen dürfte. So verlor das britische Pfund an Wert, konnte die anfänglich starken Verluste zuletzt aber wieder reduzieren. Die Indikation für den britischen Aktienindex deutet zudem auf Verluste zum Handelsauftakt hin, aber diese sollten nicht allzu stark ausfallen.

An den asiatischen Aktienmärkte spielte die Wahl dagegen kaum eine Rolle. Die meisten Indizes dort legten zu. In Deutschland dürfte der Dax nach aktuellen Indikationen zum Handelsauftakt mit einem leichten Plus starten.

@ dpa.de

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