Spanien, Italien

FRANKFURT - Die Europäische Zentralbank (EZB) stemmt sich mit einer historischen Zinserhöhung gegen die Rekordinflation im Euroraum.

08.09.2022 - 15:31:01

EZB stemmt sich mit historischer Zinserhöhung gegen Rekordinflation. Erstmals in der Geschichte der Notenbank beschloss der EZB-Rat eine Zinsanhebung um 0,75 Prozentpunkte. Damit steigt der Leitzins, zu dem sich Geschäftsbanken frisches Geld bei der EZB leihen können, auf 1,25 Prozent, wie die Notenbank am Donnerstag in Frankfurt mitteilte. Die EZB stellte zugleich weitere Zinserhöhungen in den nächsten Monaten in Aussicht.

Ulrich Kater, Chefvolkswirt Dekabank:

"Nach ihrem Spätstart nimmt die EZB Fahrt auf. Die Zinsen steigen weiter. Zuletzt hatte sich die Datenlage zwar nicht mehr verschlimmert, aber die hohen Inflationsraten dauern bereits zu lange an. Das erhöht die Gefahr der Verfestigung. Die EZB hat mittlerweile Angst, dass ihr die Felle davonschwimmen und sie in ein jahrelanges Inflationsproblem hineinläuft. Die Frage lautet nur, warum dies erst so spät gesehen wurde."

Jörg Zeuner, Chefökonom Union Investment:

"Die steigenden Energiepreise treiben die Inflation auf immer neue Höhen. Das setzt die Europäische Zentralbank (EZB) massiv unter Druck und zwingt sie, die Zinsen schneller und kräftiger zu erhöhen, als sie sich dies noch zu Beginn dieses Jahres hätte träumen lassen. Mit einer Zinserhöhung um 75 Basispunkte nimmt die EZB nun den größten Zinsschritt in ihrer Geschichte vor. Nur in der Finanzkrise 2008 gab es etwas vergleichbares, allerdings in die Gegenrichtung. Das zeigt den Ernst der Lage."

Thomas Gitzel, Chefökonom VP Bank:

"Die EZB traut sich was. (...) Der Zinsschritt war überfällig. (...) Es geht auch darum, keinen vollständigen Vertrauensverlust zu erleiden. Das Ansehen der EZB hat in Anbetracht des zögerlichen Vorgehens ohnehin bereits gelitten. (...) Nun ist es wichtig, dass die EZB an ihrem Kurs festhält. Die EZB darf den Zinsschritt nicht mit 'Frontloading' relativieren. Will heißen: Es wäre jetzt falsch zu signalisieren, dass die große geldpolitische Straffung lediglich eine Vorwegnahme war, und dass nun das Meiste an Arbeit erledigt sei."

Michael Heise, Chefökonom HQ Trust:

"Es ist für die Wirtschaft besser, wenn die EZB die Zinsen schnell anhebt, anstatt das Bremsmanöver und die Unsicherheit über lange Zeit zu strecken. Mit der Anhebung der Leitzinsen um 75 Basispunkte sendet die EZB ein Signal der Entschlossenheit im Kampf gegen die Inflation. Angesichts des Verbraucherpreisanstiegs von über 9 Prozent und der Wertverluste des Euro war diese späte Einsicht dringend erforderlich. Die Normalisierung der nach wie vor expansiven Geldpolitik wird aber mit weiteren Zinsanhebungen fortgesetzt werden müssen, um die Inflation einzudämmen."

Otmar Lang, Chefvolkswirt Targobank:

"Bravo! Offensichtlich haben inzwischen auch die Tauben - also die Verfechter einer lockeren Geldpolitik - begriffen, dass längst nicht mehr nur die Reputation von EZB-Chefin Christine Lagarde auf dem Spiel steht, sondern dass die gesamte Institution ihre Glaubwürdigkeit verliert. Nämlich dann, wenn es ihr nicht gelingt, die langfristigen Inflationserwartungen wieder zu stabilisieren und die Abwärtsspirale des Euro zu brechen."

Ulrich Wortberg, Analyst Landesbank Hessen-Thüringen:

"Die EZB hat es nicht leicht. Einerseits setzt die deutlich oberhalb des EZB-Ziels liegende Inflation von zuletzt 9,1 Prozent die Währungshüter unter Druck, andererseits sind die Konjunkturrisiken groß. Es gibt hohe Rohstoffpreise und Versorgungsängste sowie geopolitische Unwägbarkeiten die die Stimmungsbarometer der Wirtschaft und der Konsumenten belasten."

@ dpa.de

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