Agrar, Kriminalität

Einer Drohung gegen einen US-Avocado-Inspekteur in Mexiko liegen ernste Probleme mit dem «grünen Gold» zugrunde.

22.02.2022 - 10:40:28

Kriminalität - Gewalt in Mexiko betrifft auch Avocados. Sogar die USA setzen ihre milliardenschweren Importe aus dem Nachbarland zeitweise aus.

Uruapan bedroht wurde, setzten die USA die Avocadoimporte aus dem südlichen Nachbarland aus. Nach Angaben von Ramírez im Sender Radio Fórmula handelte es sich bei der Drohung um einen Anruf aus einem mexikanischen Gefängnis, nachdem der Inspekteur einen Versuch vereitelt hatte, Avocados aus einem anderen Bundesstaat als aus Michoacán stammend auszugeben. Die Frucht darf nur aus Michoacán in die USA eingeführt werden - weil dort US-Inspekteure sie auf Schädlinge überprüfen.

Unter der Gewalt von Drogenkaratellen

Michoacán ist aber auch eine der Gegenden in Mexiko, die am meisten unter der Gewalt von Drogenkartellen und anderen kriminellen Gruppen leiden. Diese haben auch, etwa durch Schutzgelderpressung, beim Geschäft mit Avocados und anderen Erzeugnissen ihre Finger im Spiel. Kürzlich wurden Soldaten in ein Gebiet in Michoacán geschickt, in dem nach Medienberichten ein Kartell den Anbau von - in der mexikanischen Küche wichtigen - Limetten kontrollierte und Preise manipulierte.

Trotz der kriminellen Einmischung sind Avocados - auch «grünes Gold» genannt - eines der lukrativsten Güter für mexikanische Erzeuger. Die Avocados für den Super Bowl waren zwar schon geliefert, aber der Importstopp der USA machte Sorge vor großen Einnahmeverlusten. In den USA war von einem drohenden Avocado-Mangel die Rede.

Im vergangenen Jahr führten die USA nach Regierungsangaben 1,2 Millionen Tonnen Avocado für rund drei Milliarden Dollar (etwa 2,6 Milliarden Euro) ein - davon entfielen 1,1 Millionen Tonnen und 2,8 Milliarden Dollar auf Importe aus Mexiko. Rund 80 Prozent der aus Mexiko exportierten Avocados werden in die USA geliefert.

Am vergangenen Freitag meldete die US-Behörde Aphis dann, dass ihre Inspekteure ihre Arbeit wiederaufgenommen hätten und damit auch wieder Avocados aus Mexiko importiert würden. Es seien gemeinsam mit der mexikanischen Pflanzenschutzbehörde und dem Verband der Avocado-Exporteure zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen ergriffen worden.

Nur eine Woche

Der Importstopp hat also nur etwa eine Woche angedauert. Er hat aber auf ein Problem aufmerksam gemacht, das längst nicht gelöst ist. «Dass Avocados, wie auch andere an und für sich legale Märkte, gewalttätige Auseinandersetzungen und Gewalt gegen Produzenten und Exporteure antreiben, ist nichts Neues, sondern eines der Markenzeichen der Mutation der mexikanischen organisierten Kriminalität», sagt Falko Ernst, Mexiko-Experte der International Crisis Group, der Deutschen Presse-Agentur.

«Die kriminellen Akteure haben an und für sich kein Interesse daran, durch diese Art von Drohungen der Avocadoindustrie, von der sie selbst leben, zu schaden», erklärt Ernst. «Aber es gibt eben auch innerhalb staatlicher Institutionen eine so starke interne Fragmentierung ? etwa durch uneinheitliche Korruptionsmuster ? dass keine effektive Autorität besteht, die gewisse Grundregeln durchsetzen und Grenzen aufzeigen könnte.»

Die Sicherheitsberatungsfirma Verisk Maplecroft warnte bereits Ende 2019, Avocados könnten, ähnlich wie sogenannte Blutdiamanten aus Afrika, die nächste «Konfliktware» werden. Die weltweite Nachfrage danach ist stark gestiegen. Das führt im größten Exportland Mexiko auch zu illegaler Abholzung.

Markt in Deutschland vervierfacht

Auch in Deutschland erlebt die herzhafte Frucht seit Jahren einen Boom. Im vergangenen Jahr wurden rund 117.000 Tonnen importiert - fast viermal so viel wie zehn Jahre zuvor. Davon kamen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes allerdings nur gut 11 Prozent aus Mexiko - für Deutschland ist Peru der größte Lieferant.

Die Rewe-Gruppe betonte auf Anfrage, sie beziehe überhaupt keine Avocados aus Mexiko. Der Discounter Aldi teilte mit, seine Avocados kämen nur «zu einem geringen Anteil» aus Mexiko. Der Billiganbieter betonte, er distanziere sich ausdrücklich von unlauteren Geschäftspraktiken und toleriere keinerlei Art von Erpressung in globalen Lieferketten. Ihm seien auch keine konkreten Verstöße seiner Lieferanten und Produzenten bekannt.

Aldi kündigte gleichzeitig an, es werde im Zuge seiner Bemühungen um Nachhaltigkeit im Einkauf in diesem Jahr eine Bewertung seiner Avocado-Lieferanten unter anderem in Bezug auf ihren Umgang mit Menschenrechten und Umwelt starten.

Konkurrent Lidl teilte mit, er biete aktuell nur Avocados aus Spanien, Israel, Marokko, Kenia, Chile und Kolumbien an. Der Händler betonte: «Wir distanzieren uns grundsätzlich von jeglichen Rechtsverletzungen.» Lidl habe daher einen eigenen Verhaltenskodex entwickelt, der von allen Geschäftspartnern eingehalten werden müsse.

@ dpa.de