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24.06.2020 - 17:07:47

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WASHINGTON/MÜNCHEN - Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat seine Konjunkturprognose erneut gesenkt: Es droht eine Rezession von historischem Ausmaß - und das auch für die Eurozone und Deutschland. "Wir sind in einer beispiellosen Krise", sagte Chefvolkswirtin Gita Gopinath am Mittwoch bei der Vorlage der jüngsten IWF-Prognose in Washington. Die Weltwirtschaftsleistung soll demnach in diesem Jahr um 4,9 Prozent einbrechen. Im April hatte der IWF noch einen Rückgang um 3 Prozent vorhergesagt. Im Januar, vor der Ausbreitung des Coronavirus, hatte der IWF noch mit solidem Wachstum gerechnet.

Dies werde die "schlimmste Rezession seit der Weltwirtschaftskrise" vor rund 90 Jahren sein, warnte Gopinath. Armut und Arbeitslosigkeit würden sich dadurch global verschärfen. Die globale Wirtschaftsleistung werde infolge der Pandemie in diesem und im nächsten Jahr insgesamt um 12,5 Billionen Dollar (11 Billionen Euro) geringer ausfallen, erklärte Gopinath. Kein Land der Welt sei von den Konsequenzen der Pandemie verschont geblieben.

Für 2021 erwartet der IWF eine Erholung. Die globale Wirtschaft soll dann um 5,4 Prozent zulegen - das wären 0,4 Prozentpunkte weniger, also noch im April angenommen. Die Länder der Eurozone sollen um 6 Prozent wachsen, Deutschlands Wirtschaft um 5,4 Prozent. Gopinath warnte allerdings, dass eine zweite große Welle Corona-Infektionen Anfang 2021 mit neuen Ausgangsbeschränkungen das Wachstum wieder komplett zunichte machen könnte. "Die Stärke der Erholung ist noch höchst unsicher", räumte sie ein.

Die Gruppe der Industrieländer wird dem IWF zufolge besonders betroffen sein. Für die Länder der Eurozone geht der IWF in diesem Jahr von einem Wirtschaftseinbruch von 10,2 Prozent aus. Für Frankreich, Italien und Spanien prognostiziert der IWF in diesem Jahr nun ein deutlich stärkeres Minus um jeweils mehr als 12 Prozent. Für die USA, die weltgrößte Volkswirtschaft, erwartet der IWF einen Rückgang um 8 Prozent (April-Prognose: 6,1 Prozent).

In Deutschland soll das Bruttoinlandsprodukt um 7,8 Prozent schrumpfen, wie der IWF mitteilte. Im April war der Währungsfonds noch von 7,0 Prozent ausgegangen. Die "Wirtschaftsweisen" des Sachverständigenrats der Bundesregierung hatten in ihrer Prognose vom Dienstag mit einem Rückgang um 6,5 Prozent gerechnet. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) befürchtet sogar ein Minus von mehr als 9 Prozent. DIW-Präsident Marcel Fratzscher sagte im RBB-Inforadio: "Wir müssen uns im zweiten Halbjahr, nach dem 30. September, auf eine massive Insolvenzwelle einstellen, einfach weil viele sagen" ich kriege doch nicht die Kurve."

Ein positives Signal kam hingegen aus den deutschen Unternehmen, in denen sich die Stimmung im Juni erholte. Das Ifo-Geschäftsklima stieg im Vergleich zum Vormonat um 6,5 Punkte auf 86,2 Zähler, wie das Ifo-Institut am Mittwoch in München mitteilte. Dies sei der stärkste jemals gemessene und der zweite Anstieg des Konjunkturindikators in Folge, nachdem er im März und April drastisch eingebrochen war. Die Unternehmen bewerteten ihre momentane Lage im Juni etwas besser, die Zukunftsaussichten sogar wesentlich besser. "Die deutsche Wirtschaft sieht Licht am Ende des Tunnels", bemerkte Ifo-Präsident Clemens Fuest. Das Geschäftsklima stieg in allen Bereichen an, also in der Industrie, unter Dienstleistern, im Handel und am Bau.

Mit Blick auf die gewaltigen Konjunkturpakete zur Bekämpfung der Corona-Krise mahnte der IWF alle Staaten, ihre Verschuldung mittelfristig wieder abzubauen. Als Konsequenz der Krise werde die öffentliche Verschuldung relativ zur Wirtschaftsleistung dieses Jahr den bisherigen Höchststand vom Ende des Zweiten Weltkriegs übertreffen, erklärte Gopinath. Die Konjunktur müsse jetzt aber gestützt werden, zudem brauchten ärmere Länder dringend mehr Hilfe, forderte Gopinath. "Diese Krise ist nicht vorbei", betonte sie.

Der globale Wirtschaftseinbruch bedeute "einen katastrophalen Schlag für den Arbeitsmarkt", erläuterte der IWF. Besonders betroffen davon seien die ärmeren und weniger gebildeten Arbeitnehmer, die meist nicht von Zuhause arbeiten könnten, hieß es. Wegen der Pandemie würden viele Menschen erneut in die Armut abrutschen. Auch die zeitweise Schließung von Schulen treffe Kinder in ärmeren Staaten, die nicht übers Internet lernen könnten, besonders hart, so der IWF.

Die in Washington ansässige Organisation warnte zudem, dass sich die Lage auf den Finanzmärkten trotz der Interventionen von Zentralbanken wieder zuspitzen könnte. Die jüngste positive Entwicklung der Märkte "scheint nicht mit den Veränderungen der zu Grunde liegenden wirtschaftlichen Aussichten zusammenzuhängen", warnte der IWF. Sollte es zu einer erneuten Zuspitzung der Lage an den Märkten kommen wie zu Anfang des Jahres, drohten auch Schuldenkrisen, hieß es weiter.

Der IWF hat seit Beginn der Corona-Krise bereits an viele Entwicklungs- und Schwellenländer Nothilfen vergeben, um deren Wirtschaft und Wechselkurs zu stützen. Die Finanzierungen umfassen bislang rund 25 Milliarden US-Dollar. Zu den größten Empfängern gehörten unter anderem Ägypten, Pakistan, Nigeria und Ghana.

@ dpa.de