Arbeitswelt, Umbruch

Deutsche Arbeitswelt im Umbruch: Großkonzerne streichen tausende Stellen

24.05.2026 - 10:56:09 | boerse-global.de

Gewerkschaften kritisieren Massenentlassungen und Standortschließungen bei Pharma- und Tech-Konzernen. Einigungen und juristische Erfolge prägen die Lage.

Deutsche Arbeitswelt im Umbruch: Großkonzerne streichen tausende Stellen - Foto: über boerse-global.de
Deutsche Arbeitswelt im Umbruch: Großkonzerne streichen tausende Stellen - Foto: über boerse-global.de

Pharma-, Tech- und Logistikkonzerne treiben Massenentlassungen und Standortschließungen voran – und ernten scharfe Kritik von den Gewerkschaften.

IG BCE, IG Metall und Verdi haben ihre Angriffe auf die Konzernspitzen von BioNTech und DeepL verschärft. Im Zentrum der Vorwürfe: mangelnde Transparenz, die Preisgabe deutscher Produktionsstandorte und Behinderungen bei Betriebsratswahlen. Während etwa Zalando eine vorläufige Einigung mit den Arbeitnehmervertretern erzielte, bleibt die Lage in der Industrie insgesamt angespannt. Juristische Auseinandersetzungen und scharfe Töne von den Gewerkschaften prägen das Bild.

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BioNTech unter Beschuss: Werksverkäufe und Führungswechsel

Die Pharmabranche ist zum Brennpunkt der Arbeitskonflikte geworden. IG BCE wirft dem Mainzer Unternehmen BioNTech Intransparenz beim geplanten Verkauf mehrerer Produktionsstätten vor. Nach Gewerkschaftsangaben sollen Standorte in Idar-Oberstein und Marburg sowie in Singapur geschlossen oder veräußert werden. Auch die CureVac-Werke sind betroffen – rund 820 Jobs dort sind gefährdet. Insgesamt, so schätzt die IG BCE, könnten bis zu 1860 Stellen wegfallen.

Gewerkschaftssekretär Christian Trapp kritisierte, das Unternehmen stelle den Profit über die Stabilität. Die Verkaufsprozesse sollen bis Oktober 2026 abgeschlossen sein. Die Unsicherheit wird noch größer durch Berichte, wonach die Gründer Ugur Sahin und Özlem Türeci das Unternehmen verlassen wollen, sobald sich der Fokus auf die Onkologie verschiebt. Die Gewerkschaftsführung spricht von einer „gefallenen Maske“ – der kooperative Geist der vergangenen Jahre sei verflogen.

DeepL und Zalando: Betriebsratswahl und Logistik-Schließung

Auch in der Tech- und E-Commerce-Branche brodelt es. DeepL-Chef Jarek Kutylowski wurde am 21. Mai 2026 als „Gründer des Jahres“ ausgezeichnet – zeitgleich werfen ihm IG Metall und Verdi vor, die Wahl eines Betriebsrats zu behindern. Die Vorwürfe kommen nur wenige Tage, nachdem DeepL den Abbau von 250 Stellen – rund einem Viertel der Belegschaft – angekündigt hatte. Das Unternehmen weist die Anschuldigungen zurück, doch die Gewerkschaften bleiben skeptisch.

Ein Lichtblick: Am 22. Mai 2026 einigten sich Zalando und der Betriebsrat am Logistikstandort Erfurt auf die Einrichtung einer Einigungsstelle. Ab Ende Mai sollen Verhandlungen über einen Interessenausgleich und einen Sozialplan beginnen. Das Erfurter Zentrum, das derzeit noch rund 2000 Mitarbeiter beschäftigt (Höchststand: 2700), soll im September 2026 schließen. Sollte bis zum 20. Juni keine Einigung erzielt sein, wird am 23. Juni eine offizielle Einigungsstelle eingesetzt. Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt hat staatliche Unterstützung für die betroffenen Mitarbeiter zugesagt.

Neue Rechtsprechung: Betriebsratswahl auch bei ausländischen Airlines

Das Arbeitsrecht entwickelt sich weiter. Das Bundesarbeitsgericht (BAG) entschied am 22. Mai 2026 (Az. 7 ABR 7/25), dass eigenständige Betriebsteile ausländischer Fluggesellschaften Betriebsräte wählen dürfen. Konkret ging es um den Berlin-Brandenburger Standort von Malta Air, einer Ryanair-Tochter. Das Urteil betrifft rund 320 Beschäftigte. Verdi und die Vereinigung Cockpit begrüßten die Entscheidung als Erfolg für die Arbeitnehmervertretung in der Luftfahrt – besonders vor dem Hintergrund von Ryanairs Ankündigung, den Berliner Standort zu schließen.

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Auch der Schutz von Betriebsrenten bleibt ein Thema. Der Pensions-Sicherungs-Verein (PSVaG) in Köln bestätigte für 2026, dass er Betriebsrenten bis zu einer monatlichen Grenze von 11.865 Euro im Falle einer Insolvenz des Arbeitgebers absichert. Das gilt für Rentner und Anwärter mit mindestens drei Jahren Betriebszugehörigkeit nach Vollendung des 21. Lebensjahres. Ausnahmen bestehen etwa bei Direktversicherungen mit unwiderruflichem Bezugsrecht.

Im industriellen Kernland Nordrhein-Westfalen schloss die GDL ihre Betriebsratswahlen 2026 zwischen März und Mai ab. Die Ergebnisse zeigen eine gemischte Mandatsverteilung: Bei DB Regio Rheinland sicherte sich die Gewerkschaft 9 von 17 Sitzen, bei National Express 8 von 15 Mandaten.

Flexible Modelle bei VW und EVN

Trotz der Konflikte setzen einige Industriegiganten auf flexible Benefits. Bei Volkswagen müssen die Mitarbeiter bis Ende August 2026 entscheiden: mehr Geld oder mehr Freizeit? Die T-ZUV-Option erlaubt es, einen Teil der jährlichen Sonderzahlung – 27,5 Prozent eines Monatsgehalts – in bis zu sechs zusätzliche freie Tage umzuwandeln. Betriebsratschefin Daniela Cavallo ermutigt die Belegschaft, diese Option zu nutzen, da die bisherige Pflichtumwandlung von Zahlungen in Freizeit als Sparmaßnahme ausläuft.

Auch bei der EVN AG setzt man auf Mitarbeiterbeteiligung. Nach einem Schlusskurs von 28,80 Euro am 20. Mai 2026 bot der Energieversorger 412 berechtigten Mitarbeitern Aktien im Wert von knapp 3000 Euro an. 90 Prozent des Aktienwerts werden dabei mit einer Sonderzahlung verrechnet. Die Zeichnungsfrist läuft vom 15. Juni bis 24. Juli 2026, die Übertragung der Aktien ist für den 6. August geplant.

Ausblick: Die zweite Jahreshälfte 2026 wird entscheidend

Die kommenden Monate werden richtungsweisend für mehrere Großprojekte. In Lüdenscheid bereitet Hydro Extrusion die vollständige Betriebsschließung vor. Nach einer letzten Betriebsversammlung am 20. Mai 2026 gab das Unternehmen bekannt, dass der Betrieb bis zum 31. Mai weitgehend eingestellt wird. Die betroffenen Mitarbeiter wechseln in die Transfergesellschaft „Pro Person“, die im Rahmen eines Sozialplans Abfindungen und Qualifizierungsmaßnahmen vorsieht. Eine Jobmesse ist für Juli geplant, bevor der Standort am 30. November 2026 endgültig schließt.

Ob die vorläufigen Einigungen bei Zalando und die juristischen Erfolge bei Malta Air als Vorbild für kooperativere Lösungen in der Pharma- und Tech-Branche dienen, wird sich im Laufe des Sommers zeigen. In Österreich können Arbeitgeber zwischen Juli und Dezember 2026 zudem eine steuerfreie Mitarbeiterprämie von bis zu 500 Euro zahlen – vorausgesetzt, die Zahlung basiert auf einer Betriebs- oder Tarifvereinbarung. Die Entwicklung zeigt: Die Ära der großen Restrukturierungen ist noch lange nicht vorbei – aber die Mechanismen des Arbeitnehmerschutzes und der Verhandlung werden in Echtzeit auf den Prüfstand gestellt.

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