Ernährung, Produktion

BRÜSSEL - Im Kampf gegen steigende Lebensmittelpreise und drohende Hungerkatastrophen plädiert die Bundesregierung dafür, Umweltstandards zu lockern.

24.05.2022 - 18:28:31

Wie EU-Länder auf drohende Nahrungskrisen reagieren. Agrarminister Cem Özdemir warb bei einem Treffen mit seinen EU-Kollegen in Brüssel für Ausnahmen künftiger Vorgaben, die eine bestimmte Fruchtfolge vorsehen. Von der EU-Kommission habe er schon vorsichtige Signale der Zustimmung bekommen, sagte der Grünen-Politiker. Fruchtfolgen sollen im Gegensatz zu Monokulturen Böden schonen oder weniger Pestizide nötig machen.

Es sei eine schwierige Abwägung gewesen. Schließlich ergebe es Sinn, Weizen nicht nach Weizen anzubauen, sagte Özdemir. Aber: "Wir haben es hier mit einer Art Korn-Krieg zu tun, den Putin hier führt."

Özdemir war vor allem von Christdemokraten dafür kritisiert worden, angesichts des Ukraine-Kriegs Umweltstandards nicht stärker zu lockern. Weil wegen des russischen Kriegs ukrainischer Weizen auf dem Weltmarkt fehlt, sind Preise gestiegen. "Die Zeichen einer wachsenden Ernährungskrise sind deutlich sichtbar", sagte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Sie warf Russland vor, bewusst Getreidelager in der Ukraine zu bombardieren und ukrainische Schiffe mit Weizen und Sonnenblumenkernen zu blockieren. In vielen ärmeren Ländern hängt auch die politische Stabilität stark von Lebensmittelpreisen ab.

Als Reaktion erlaubte die EU-Kommission bereits, von Umweltregeln abzuweichen, was EU-Länder umgesetzt haben. Wie viel Zusatzernte man sich erhofft, kann kein Land beantworten.

Frankreich

Im landwirtschaftlich besonders starken Frankreich können Bauern in diesem Jahr sämtliche Brachflächen, außer denen zur Honigerzeugung, zum Anbau nutzen. Wie das Agrarministerium in einem Erlass Ende März festlegte, können dort Getreide, Eiweißpflanzen wie Acker- und Futtererbsen sowie Ölsaaten wie Raps angebaut werden. In Deutschland können diese Flächen nur für den Anbau von Futter genutzt werden. In Frankreich machen Brachflächen rund ein Prozent der Agrarnutzfläche und fast zwei Prozent der Ackerfläche aus.

Spanien

Spaniens Agrarminister Luis Planas hatte schon Anfang März betont, Bauern müssten angesichts des Krieges in der Ukraine vorübergehend nicht nur Brachflächen nutzen, sondern auch weitere Böden, die aus ökologischen Gründen sonst nicht bestellt würden. Dort sollten vor allem mehr Getreide und Ölsaaten angebaut werden. Zudem müsse die EU die Einfuhr von Futter für Mastbetriebe sichern, ausdrücklich auch mit Mais aus Südamerika.

Nach Angaben der Vereinigung mittlerer und kleinerer Bauern (UPA) sind einige der Brachflächen aber von derart minderer Qualität, dass eine Aussaat kaum lohnt. Eine Einschätzung, die auch deutsche Agrarwissenschaftler mehr oder weniger teilen.

Österreich

Die Regierung hat die von der EU-Kommission geschaffenen Möglichkeiten ausgeschöpft und 9000 Hektar Brachflächen für den Anbau freigegeben. Laut Agrarministerium sollen dort unter anderem Getreide, Hirse, Mais, Rüben, Sonnenblumen und Tierfutter wachsen. Der Effekt dürfte überschaubar bleiben: Im Alpenland gibt es 1,3 Millionen Hektar Äcker. Umweltorganisationen warnen, dass nun wichtige Schutzgebiete für Pflanzen und Tiere verloren gehen. Die Landwirtschaftskammer hält dagegen, dass viele Flächen von der Freigabe nicht betroffen seien.

Irland

Auf der Insel gibt es mehrere Maßnahmen, die etwa mit Geldspritzen Bauern dazu ermutigen sollen, mehr Getreide anzubauen. Förderfähig sind Flächen, die 2021 nicht bewirtschaftet wurden. Pro Hektar sind 400 Euro vorgesehen. Ähnliches gelte für Eiweißpflanzen wie Erbsen und Bohnen, so das Agrarministerium. Damit soll, etwa mit einer Förderung von Futter wie Rotkleesilage, die Abhängigkeit von Importen verringert werden.

Polen

Das polnische Landwirtschaftsministerium betont, dass es eine individuelle Entscheidung sei, wie ein Landwirt von Ausnahmeregeln Gebrauch mache. Es sei erlaubt, Brachflächen für den Anbau von Nahrungs- und Futtermitteln zu nutzen.

@ dpa.de

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