Stahl, Industrie

Beim ersten Nationalen Stahlgipfel wollen sich Vertreter von Politik, Unternehmen und Beschäftigten für die Zukunft der Branche stark machen.

22.10.2018 - 12:50:36

Gegen Billigimporte - Bundesländer mit Stahlproduktion wollen Kräfte bündeln. Es geht um den Erhalt von Standorten und Zehntausenden Jobs.

Saarbrücken - Beim ersten Nationalen Stahlgipfel wollen die Bundesländer mit Stahlproduktion ihre Kräfte bündeln. Dazu wollen Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, das Saarland, Brandenburg, Bremen und Hamburg eine gemeinsame Erklärung verabschieden.

Zu dem Treffen in Saarbrücken werden am Montag auch Vertreter der Branche, sowie der Gewerkschaft IG Metall und der Betriebsräte erwartet. Gerechnet wird mit IG-Metall-Chef Jörg Hofmann, Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) und dem Präsidenten des deutschen Stahlverbands, Hans Jürgen Kerkhoff.

Die Allianz fordere etwa, künftig mehr EU-Fördergelder für die Entwicklung klimaschonender Produktionstechnologien in der Stahlindustrie bereitzustellen, berichtete das «Handelsblatt» am Montag unter Berufung auf eine gemeinsame Erklärung. Die saarländische Wirtschaftsministerin Anke Rehlinger (SPD) und Nordrhein-Westfalens Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) äußerten nach Informationen der Zeitung beide Sympathie für die Idee, Teile der Einnahmen aus dem Emissionsrechtehandel als Forschungsgelder für Umwelttechnologien zu verwenden.

IG-Metall-Chef Hofmann erwartet von dem Bündnis Impulse: «Die Stahlallianz soll deutlich machen, dass es gemeinsame Anstrengungen von Unternehmen und Politik braucht, damit die Branche im Wettbewerb dauerhaft bestehen kann.» Der Gewerkschafter sieht die Stahlindustrie vor Herausforderungen: durch ein Überangebot auf dem Weltmarkt, durch Klimaschutz und Emissionshandel sowie durch die Digitalisierung.

Der «Welt» sagte Kerkhoff vor dem Treffen in Saarbrücken, die Politik müsse auch die steigenden Klimaschutz- und Energiekosten der Betriebe im Auge haben: «Im kommenden Jahrzehnt drohen der Stahlindustrie in Deutschland allein durch den Kauf von Zertifikaten im Rahmen des EU-Emissionsrechtehandels Zusatzkosten von insgesamt 3,5 Milliarden Euro. Hinzu kommt der Anstieg der Stromkosten.»

Auch Roland Döhrn vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) sieht zunehmende Risiken für die Branche in Deutschland. «Vielleicht hat das massive Problem schon angefangen, und wir haben es noch nicht mitbekommen», sagte er. Angesichts des Wandels der Autoindustrie etwa zur E-Mobilität müsse die Stahlindustrie im laufenden Jahr mit einem Produktionsrückgang rechnen, meinte er. 2017 hatten die deutschen Hersteller noch rund 42,7 Millionen Tonnen Stahl produziert. Bundesweit beschäftigt die Branche rund 85 000 Mitarbeiter.

Ob der Strukturwandel in der Autobranche auch Standorte und Jobs hierzulande bedrohen werde, sei schwer zu sagen, meinte Döhrn. «Wenn ich Autos für den chinesischen oder indischen Massenmarkt verkaufen will, kann ich das nicht zu deutschen Kosten.»

Stahlverbandspräsident Kerkhoff wies zudem auf die unter US-Präsident Donald Trump eingeführten Zölle auf Stahl aus Europa hin. Die negativen Auswirkungen der Abschottung des US-amerikanische Stahlmarktes würden derzeit immer stärker sichtbar. So seien die befürchteten Handelsumlenkungen längst Realität geworden.

Er betonte die gesamtwirtschaftliche Bedeutung der Branche: «Die Stahlindustrie in Deutschland ist Basis erfolgreicher industrieller Cluster in den Regionen und darüber hinaus.» Der Staatssekretär im NRW-Wirtschaftsministerium, Christoph Dammermann, unterstrich ihren Stellenwert für die Sicherung von Zehntausenden von Arbeitsplätzen. «Wir brauchen die Stahlindustrie mehr denn je», sagte er.

Weltweit rechnet die Branche für das laufende Jahr noch mit einem kräftigen Anstieg der Stahlnachfrage um 3,9 Prozent auf knapp 1,7 Milliarden Tonnen. Vor dem Hintergrund der steigenden Risiken etwa durch Handelskonflikte geht sie jedoch für 2019 nur von einem leichten Plus von 1,4 Prozent aus. Gleichzeitig machen den Herstellern Überkapazitäten zu schaffen, die sich nach Schätzungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) auf mehr als 500 Millionen Tonnen belaufen. Vor allem chinesische Hersteller werfen viel billigen Stahl auf den Weltmarkt.

@ dpa.de