Musik, Leute

In den 60er und 70er Jahren war Joni Mitchell der weibliche Leitstern einer höchst erfolgreichen Singer-Songwriter-Generation.

06.11.2018 - 10:26:05

Singer-Songwriter - Generation Woodstock: Joni Mitchell wird 75. Mit ihren Liedern führte die Kanadierin Folk, Pop und Jazz auf ein neues Level.

Berlin - Sie gilt als wichtigste Songwriterin der «Generation Woodstock», als schöne Stimme der Hippiebewegung. Doch beim berühmten Festival «Woodstock Music & Art Fair - 3 Days of Peace & Music» im August 1969 fehlte ausgerechnet Joni Mitchell.

Weil ihr Manager sie für eine angeblich wichtigere TV-Show angemeldet hatte, sah die damals 25-jährige Musikerin nur Fernsehbilder von dem historischen Massen-Event bei New York.

Was Mitchell freilich nicht hinderte, wenige Tage später mit «Woodstock» einen Schlüsselsong der zu Ende gehenden Sixties zu schreiben - ein Klassiker, dem noch einige folgen sollten. Mit tiefgründigen Liedern wie «Big Yellow Taxi», «A Case Of You» oder «River» schrieb sich die Kanadierin in die Folk- und Pop-Annalen ein. Am Mittwoch (7. November) wird Mitchell 75 Jahre alt.

Ihr Einfluss auf andere wichtige Musiker - vom Landsmann Neil Young über den Jazz-Pianisten Herbie Hancock bis zu Prince und Norah Jones - ist kaum hoch genug einzuschätzen. Alben wie «Ladies Of The Canyon» (1970), «Blue» (1971) oder «Court And Spark» (1974) definierten das damals noch junge Singer-Songwriter-Genre neu.

Später experimentierte Mitchell mit Jazz (vor allem auf «Hejira» von 1976 und «Mingus» von 1979), in den 80er Jahren ließ sie Rock- und Elektronik-Elemente in ihren Sound einfließen. Danach wurden ihre Veröffentlichungen seltener. Oft kehrte sie zu frühen Songs zurück - zuletzt mit prächtigen Orchester-Versionen auf «Both Sides Now» (2000) und «Travelogue» (2002), als ihr einst glockenheller Sopran zu einem wunderbar rauchigen Alt gereift war.

«Ich bin eine Malerin, die Lieder schreibt. Meine Songs sind sehr visuell», sagte die mehrfache Grammy-Gewinnerin über ihre Kompositionen. Tatsächlich war Mitchell auch als Malerin sehr talentiert, viele Albumcover auf Basis eigener Ölbilder belegen das. Für ihre Virtuosität an der Gitarre musste sie indes hart trainieren und eine besondere Technik entwickeln, nachdem sie im Kindesalter durch eine Polio-Epidemie in Kanada eine Lähmung der linken Hand erlitten hatte.

Mitchells kluge, noble Lieder brachten in den 60ern und 70ern eine selbstbewusste Weiblichkeit in die nordamerikanische Männer-mit-Gitarre-Gesellschaft um Bob Dylan, Neil Young, James Taylor, David Crosby, Leonard Cohen, Graham Nash und Jackson Browne ein. Mit einigen dieser Kollegen hatte die am 7. November 1943 als Roberta Joan Anderson in Fort Macleod/Alberta geborene Sängerin intensive Liebesbeziehungen - ohne sich jemals zum Rockstar-Anhängsel degradieren zu lassen.

Rückblickend gab sich Mitchell in einem ihrer wenigen Interviews der vergangenen Jahre als stets selbstbestimmte Künstlerin: «Es ist eine Männerwelt. Männer haben die meisten Lieder für Frauen geschrieben, und meist ging es nur um Verführung. Ich habe meine eigenen Lieder geschrieben. Basta!» Mit dem Feminismus ihrer Generation konnte sie indes ebenso wenig anfangen wie mit der Körperlichkeit jüngerer weiblicher Popstars wie Madonna oder Beyoncé.

Ihre Schönheit empfand die in Los Angeles lebende Mitchell zeitweise als schweren Ballast: «Du bist besser dran, wenn du durchschnittlich aussiehst. Du hast eine größere Chance, wahre Liebe zu finden.» Ihr Privatleben verlief tatsächlich oft chaotisch. Ein 1965 geborenes Baby gab sie zur Adoption frei, fand die Tochter 1997 wieder und zerstritt sich wenige Jahre später mit ihr. In den 60ern war sie mit dem Sänger Chuck Mitchell verheiratet, der an ihr Talent bei weitem nicht heranreichte und sie schlecht behandelte. Eine spätere Ehe mit dem Bassisten Larry Klein dauerte zwölf Jahre.

Immer wieder zurückgeworfen durch Gesundheitsprobleme bis hin zu einem Schlaganfall, zog sich Mitchell seit ihrem vermutlich letzten Studioalbum «Shine» (2007) weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück. Es klang gallig, wenn sie Zeitgenossen herunterputzte. So sei Dylan «musikalisch nicht besonders begabt», sagte sie. «Er hat seine Stimme von alten Hillbillys geklaut. Er hat überhaupt viel geklaut. Er ist kein guter Gitarrist. Aber ich mag einige seiner Songs.» Und John Lennon war für sie nur «ein Arbeiterklassen-Bursche», der Furcht vor Leuten aus der Mittelklasse gehabt habe.

«In den letzten Jahren hat sie es einem nicht leicht gemacht, sie zu lieben», schrieb einer ihrer deutschen Fans, Jochen Distelmeyer von der Indie-Band Blumfeld, in einem Beitrag für den «Rolling Stone». «Zu viel Verbitterung und selbstgerechte Strenge sprachen aus den Worten ihrer letzten Interviews.» Auch deswegen wünschte der Hamburger Songwriter der kanadischen Kollegin kurz vor ihrem 75. Geburtstag alles Gute: «Ich hoffe, sie findet ihren Frieden auch in sich und kann ihn noch viele Jahre genießen.»

In einem «Zeit»-Beitrag äußerte sich auch die Popsängerin Judith Holofernes (Wir sind Helden) als hoffnungsvoller Mitchell-Fan: «Je länger ich Jonis Platten höre, umso mehr liebe ich sie», bekannte die Berlinerin und fügte mit Blick auf die zuletzt so schwierigen Jahre hinzu: «Meine Liebe ist ungebrochen, und mein Wunschdenken sagt mir, dass Joni launemäßig die Kurve kriegt.»

@ dpa.de

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