Musik, Leute

Bier, Schweiß und Crowdsurfing: Die Toten Hosen melden sich mit einem energiegeladenen Konzert zurĂŒck.

27.03.2017 - 08:00:05

Magical Mystery Tour - Die Toten Hosen starten Wohnzimmer-Tour. In Chemnitz starten sie ihre «Magical Mystery Tour» vor ein paar Dutzend Fans - auf gerade Mal 35 Quadratmetern.

Chemnitz - Campino schwebt unterhalb der Decke. An den Fensterscheiben sammelt sich das Kondenswasser. Es ist heiß, es ist stickig, in der Luft liegt der Dunst von Schweiß und Bier.

Der SĂ€nger der Toten Hosen grölt den alten Hit «WĂŒnsch dir was» ins Mikro wĂ€hrend er beim Crowdsurfing auf den HĂ€nden der Fans getragen wird. Etwa eineinhalb Jahre hat die Band kein Konzert mehr gespielt. Am Sonntagabend melden sich die DĂŒsseldorfer mit einem energiegeladenen Auftritt zurĂŒck - vor ungefĂ€hr 60 Leuten auf 35 Quadratmetern.

Die Location: Ein privater Band-Proberaum in einem ehemaligen DDR-BĂŒrogebĂ€ude. Grauer fleckiger Teppichboden, Punk- und Metal-Poster an der Wand. Im Flur reihen sich die Bierkisten aneinander, das Nebenzimmer wurde zum Backstage-Raum umfunktioniert. Das knapp zweistĂŒndige Konzert ist der Auftakt der neuen «Magical Mystery Tour», bei der die Hosen, die in diesem Jahr ihr 35. JubilĂ€um feiern, Fans im privaten Umfeld besuchen und dort umsonst spielen.

Zwölf Stationen in Deutschland, Österreich, Polen und der Schweiz stehen auf dem Programm. Die genauen Orte bleiben geheim. Etwa 10 000 Bewerbungen waren eingegangen, darunter auch die von Martin GrĂŒneberg und seinen sieben Freunden. Normalerweise ĂŒbt der 28-JĂ€hrige mit seinen Death-Metal-Bands in dem Proberaum. «Es ist so krass, dass das hier tatsĂ€chlich stattfindet», sagt er. «Ich habe wirklich nicht gedacht, dass wir gewinnen.» Doch die Bewerbung in Form eines Hörspiels auf einer Kassette kam gut an und vor zwei Wochen stand dann fest: Die Toten Hosen kommen tatsĂ€chlich.

Am frĂŒhen Abend schlagen sie auf. Erst Warmsingen beim Soundcheck, dann Abendessen. Es gibt KlĂ¶ĂŸe und Rotkohl, dazu vegetarisches Gulasch. Zwischendurch plaudern die Musiker mit den Fans, Fotos werden gemacht, T-Shirts unterschrieben. BerĂŒhrungsĂ€ngste scheint es nicht zu geben. Was zieht die Band selbst aus diesen Begegnungen? «Klar, wir geben etwas, aber wir bekommen auch tierisch viel zurĂŒck», erklĂ€rt Campino. «Weil wir eben sehen, wer uns da draußen eigentlich hört. Was das fĂŒr Leute sind, wie die ticken.» Und je spĂ€ter der Abend, wĂŒrden da auch ganz gute GesprĂ€che zustande kommen.

Die Hosen traten bei den Wohnzimmerkonzerten schon an den ungewöhnlichsten Orten auf: vom Privathaus in Island ĂŒber den Vorgarten in Budapest, einer Krankenstation in Ingolstadt bis zur Punk-WG in Gießen. 1986 spielten sie in der Villa des damaligen niedersĂ€chsischen MinisterprĂ€sidenten Ernst Albrecht (CDU) auf Einladung von dessen Sohn, wie es in der Band-Biografie «Am Anfang war der LĂ€rm» heißt. Zu lesen ist zudem von vollgepinkelten Beeten, ein paar demolierten Möbeln und einem geplĂŒnderten Weinkeller.

2012 kehrten sie im Partykeller des ehemaligen FC-Bayern-Fußballprofis Jens Jeremies ein. Dieser hatte sich laut Campino «wie jeder andere Arsch auch» beworben und eine EntschĂ€digung dafĂŒr gefordert, dass er der Band trotz deren Anti-Bayern-Lieds die Treue hielt und dafĂŒr Spott und HĂ€me habe ertragen mĂŒssen.

Die Regeln sind seit jeher die gleichen: privater Rahmen, tolerante Nachbarn, ein gut gefĂŒllter KĂŒhlschrank und ab und an auch mal ein Schlafplatz. Ganz privat geht es beim Auftaktkonzert in Chemnitz allerdings auch wieder nicht zu: Die Lokalzeitung ist ebenso vertreten, wie ein Kameramann der Band. Ein Filmchen vom Auftritt soll auf die Webseite gestellt werden, die intimen Konzerte sind gut fĂŒr das Image der einstigen Punk-Rocker, die lĂ€ngst zu den kommerziell erfolgreichsten Bands des Landes gehören.

Der Stimmung tut das allerdings keinen Abbruch. Die Hosen liefern zahlreiche Hits aus ihrer jahrzehntelangen Karriere, von «Liebesspieler» ĂŒber «Alles aus Liebe» und «Hier kommt Alex» bis «Altes Fieber». Dazu kommen Coverversionen wie «Schrei nach Liebe» von den Ärzten oder «Teenage Kicks» von den Undertones.

«Es ist sehr nett, in so einem ganz kleinen Rahmen wieder zu starten», sagt Campino. Schließlich mĂŒsse man nach eineinhalb Jahren Pause erst mal wieder damit klarkommen, aufzutreten. Denn: «Selbst wenn man nur ein paar Monate nicht spielt, kommt einem das vor wie ein anderer Planet.»

2012 kam mit «Ballast der Republik» das letzte Studioalbum raus. Nach der anschließenden Tournee, der grĂ¶ĂŸten und aufwendigsten in der Geschichte der Band, war es dann ruhiger geworden. Das wird sich in den nĂ€chsten Wochen und Monaten Ă€ndern: Im April erscheint die neue Single «Unter den Wolken», im Mai das Album «Laune der Natur». Und im Sommer spielen sie dann wieder die großen Festivals. «Rock am Ring» mit vielleicht 80 000 Zuschauern statt Proberaum in Chemnitz mit 60 eingefleischten Fans.

@ dpa.de

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