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Kultur, Literatur

Land unter ist für die Lagunenstadt Venedig nichts Neues.

22.06.2020 - 09:32:06

Hochwasser 2019 - Nach der Flut: Die Rettung für Venedigs Papierschätze. Aber das Hochwasser im Herbst 2019 ließ kaum Zeit, um Bücher, Papierrollen und Manuskripte zu retten. Eine Spezialfirma aus Bologna bewahrte die Stadt vor dem Verlust eines gewaltigen Kulturschatzes.

Bologna - Mit der Corona-Pandemie ist in Italien eine andere Katastrophe, die das Land nur wenig früher ereilte, in Vergessenheit geraten: Im November 2019 überflutete das zweithöchste Hochwasser der modernen Geschichte Venedig.

Im historische Zentrum der Lagunenstadt liefen Kirchengebäude, Villen, Bibliotheken voll - mit Salzwasser, das sogar hartem Marmor schwer zusetzte, ganz zu schweigen von Kulturgütern auf Papier. Der Schaden schien unermesslich.

Doch Rettung nahte prompt. Piero Livi, Vorstand der Firma Frati e Livi, war überzeugt, dass sich alles retten lässt, was der schlierigen Lagunenflut anheim gefallen ist - Bücher, Manuskripte, Noten und andere auf Papier gebrachte Schätze.

«Nicht ein einziges Blatt der Venedig-Sachen ist verloren», erzählt Livi der Deutschen Presse-Agentur. Gemeint sind die Unterlagen, die in Windeseile in die Zentrale seiner Firma in Bologna gebracht wurden. Keine 24 Stunden nach dem Hochwasser war Livis Team in Venedig, um das Material zu sichern. Zeit sei entscheidend, wenn es um durchweichtes Papier gehe, erklärt Livi. «Wenn ein Buch nass wird, fängt es innerhalb von 48 Stunden an zu schimmeln.»

Livis Spezialfirma nahm insgesamt rund 13 000 Bücher aus Venedig in Obhut - aus dem Konservatorium Benedetto Marcello, der Fondazione Querini Stampalia, den Musikstudien der Fondazione Levi und der Privatsammlung des Verlegers Cesare De Michelis.

Das Hauptgeschäftsfeld von Frati e Livi, 1975 gegründet, war einst traditionelle Buchbindung. Mittlerweile verdient das Unternehmen das meiste Geld mit der Buchrestauration und Umschlägen zur langfristigen Lagerung von Schriftstücken. Zu seinen besten Kunden zählen die Galerie der Uffizien in Florenz, der Louvre in Paris und der Vatikan.

Innerhalb von sechs Monaten waren die Arbeiten am Material aus Venedig Ende Mai abgeschlossen. Sie wären sogar noch früher fertig geworden, sagt Livi, wäre die Schließung wegen Corona von Mitte März bis Anfang Mai nicht dazwischengekommen.

Anfangs wurden die Bücher in Containern bei minus 20 Grad gelagert, die Kälte verhinderte das Verrotten. Der nächste Schritt war, die Feuchtigkeit mit einer Gefriertrocknungstechnik herauszuziehen. Das übernimmt ein Gerät, das mit seinem großen gelben Zylinder und vier Bullaugen einem U-Boot ähnelt - Livis ganzer Stolz.

«Es hat Platz für eine 20 Meter lange Reihe Bücher. Sein Trocknungszyklus dauert vier bis fünf Tage, abhängig davon, wie viel Wasser die Bücher aufgesogen haben», erklärt er, «in einem Jahr können wir Unterlagen von bis zu vier Kilometern Länge trocknen.»

Nach dem Trocknen wurden die Bücher gepresst, desinfiziert und in Form gebracht. Den ursprünglichen Zustand habe er nicht wiederherstellen können, sagt Livi, aber sichergestellt, dass sie weiter von Nutzen sein können. «Man kann durch das Buch blättern, es verleihen, aber eine Narbe dessen, was ihm widerfahren ist, wird immer bleiben. Jeder, der etwas anderes behauptet, schwindelt.»

Das nächste Großprojekt nach den Venedig-Unterlagen war die Rettung des ebenfalls flutbeschädigten Archivs einer Mailänder Hochschule. Bücher auf 350 Metern Länge mussten laut Livi getrocknet werden.

Livi lernte das Handwerk der Papierrettung von echten Experten: Benediktinern. Der Mönchsorden pflegt eine Tradition des Buchbindens. Direkt nach dem Schulabschluss verschaffte Livis Onkel, ein Benediktiner-Prior, ihm einen Platz als Lehrling.

«Ich verbrachte drei Jahre mit Konventleben», erzählt Livi. Er habe die Klosterregeln genau wie alle anderen befolgen müssen. Manchmal sei das schwer gewesen. «Ich war in meinen Zwanzigern, ich hatte Freunde, eine Freundin...» Aber er lernte, was die Arbeit mit dem empfindlichen Material erfordert: «Ernsthaftigkeit, Leidenschaft und Geduld».

Seine Augen strahlen, als er von einem Höhepunkt seiner Tätigkeit vor einigen Jahren berichtet: der Arbeit an einer jüdischen Schriftrolle aus dem Besitz der Universität Bologna. Ein Hochschulbibliothekar hatte die Tora 1889 auf das 17. Jahrhundert datiert - und sich dabei geirrt. Tatsächlich stammte sie aus dem 12. oder 13. Jahrhundert und war damit die älteste komplett erhaltene Tora der Welt.

Doch auch wenn er sich mit Profession und Firma dem gelesenen Kulturgut verschrieben hat, frönt Livi der Leidenschaft im Privaten nicht. Er sei Legastheniker, erzählt der 57-Jährige. «Ich lese Bücher fast nie, ich restauriere sie.»

@ dpa.de