Salman Rushdie, Satanische Verse

Ein 24-Jähriger stürmt die Bühne und sticht den weltberühmten Autoren nieder.

13.08.2022 - 00:56:36

Attacke auf Autorenikone: Zustand Rushdies unklar. Während Salman Rushdie im Krankenhaus mit seinen Verletzungen kämpft, läuft die Suche nach dem Motiv.

  • Polizei vor der Chautauqua Institution. - Foto: Joshua Goodman/AP/dpa

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  • Salman Rushdie wird versorgt, nachdem er auf einer Bühne angegriffen wurde. - Foto: Joshua Goodman/AP/dpa

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  • Salman Rushdie wird mit einem Hubschrauber in ein nahe gelegenes Krankenhaus gebracht. - Foto: Uncredited/Anonymous/AP/dpa

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  • Videostandbild vom Moment nach der Attacke in der Chautauqua Institution: Der mutmaßliche Angreifer (l) wird von der Bühne eskortiert, während sich Menschen um Salman Rushdie kümmern. - Foto: Uncredited/AP/dpa

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Polizei vor der Chautauqua Institution. - Foto: Joshua Goodman/AP/dpaSalman Rushdie wird versorgt, nachdem er auf einer Bühne angegriffen wurde. - Foto: Joshua Goodman/AP/dpaSalman Rushdie wird mit einem Hubschrauber in ein nahe gelegenes Krankenhaus gebracht. - Foto: Uncredited/Anonymous/AP/dpaVideostandbild vom Moment nach der Attacke in der Chautauqua Institution: Der mutmaßliche Angreifer (l) wird von der Bühne eskortiert, während sich Menschen um Salman Rushdie kümmern. - Foto: Uncredited/AP/dpa

Nach dem Angriff auf Salman Rushdie wird dieser Polizeiangaben zufolge noch immer operiert. Das sagte Polizeisprecher James O'Callaghan am Freitag bei einer Pressekonferenz im Bundesstaat New York.

Der vor mehr als 30 Jahren per Fatwa zum Tode verurteilte Schriftsteller war bei einem Auftritt im US-Bundesstaat New York angegriffen und am Hals verletzt worden. Ein Mann sei in der Veranstaltungshalle im Ort Chautauqua am Vormittag «auf die Bühne gerannt» und habe Rushdie und einen Interviewer angegriffen, teilte die New Yorker Polizei mit.

Die New Yorker Gouverneurin Kathy Hochul sagte in der Stadt Buffalo, Rushdie bekomme im Krankenhaus die Hilfe, die er benötige. «Es war ein staatlicher Polizist, der aufstand und sein (Rushdies) Leben rettete, ihn beschützte», sagte sie und dankte dem Helfer. Der 75-jährige Schriftsteller war zuvor mit einem Hubschrauber in ein nahe gelegenes Krankenhaus gebracht worden.

Wegen Rushdies Werks «Die satanischen Verse» («Satanic Verses») aus dem Jahr 1988 hatte der damalige iranische Revolutionsführer Ajatollah Khomeini eine Fatwa veröffentlicht, die zur Tötung des Autors aufforderte. Einige Muslime fühlten sich durch das Werk in ihrem religiösen Empfinden verletzt.

Der Täter wurde festgenommen

Die Polizei identifizierte den Angreifer als einen 24-jährigen Amerikaner aus New Jersey. Er handelte ersten Erkenntnissen zufolge wohl ohne Komplizen. «An diesem Punkt gehen wir davon aus, dass er allein war, aber wir versuchen sicherzustellen, dass dies der Fall war», so Polizeisprecher O'Callaghan. Am Tatort sei ein Rucksack sichergestellt worden. Auch ersuche man eine Reihe von Durchsuchungsbefehlen.

Der Täter war nach dem Angriff am Freitag noch in der Halle festgenommen worden. Die «New York Times» zitierte eine Zeugin: «Es gab nur einen Angreifer. Er war schwarz gekleidet. Er hatte ein loses schwarzes Kleidungsstück an. Er rannte blitzschnell auf ihn zu.» Ein Reporter der US-Nachrichtenagentur Associated Press berichtete, der Angreifer habe 10 bis 15 mal auf Rushdie eingeschlagen oder gestochen. Der ebenfalls angegriffene Interviewer hat nach Polizeiangaben eine Kopfverletzung.

Zu den Hintergründen des Angriffs gab es zunächst keine Details. Ob dieser im Zusammenhang mit der jahrzehntealten Fatwa steht, blieb zunächst offen. Die Tat fand in einem Erziehungs- und Kulturzentrum statt. Die Veranstaltung habe im Rahmen einer Serie unter dem Titel «Mehr als Schutz» («More than Shelter») stattgefunden, bei der über die Vereinigten Staaten als Zufluchtsort für Schriftsteller im Exil und über die Verfolgung von Künstlern diskutiert werden sollte.

Das islamische Rechtsgutachten des Ajatollahs rief damals nicht nur zur Tötung Rushdies auf, sondern auch all derer, die an der Verbreitung des Buches beteiligt waren. Ein japanischer Übersetzer wurde später tatsächlich getötet. Rushdie musste untertauchen, erhielt Polizeischutz.

Nach Angaben seines Verlags aus dem vergangenen Jahr hätte die Fatwa für Rushdie inzwischen aber längst keine Bedeutung mehr. Er sei nicht mehr eingeschränkt in seiner Bewegungsfreiheit und brauche auch keine Bodyguards mehr. Die Jahre des Versteckens gingen jedoch nicht spurlos an ihm vorüber. Er verarbeitete diese Zeit in der nach seinem Aliasnamen benannten Autobiografie «Joseph Anton» aus dem Jahr 2012.

Vor wenigen Tagen noch hatte Rushdie dem Magazin «Stern» gesagt, dass er sich in den USA sicher fühle. «Das ist lange her», sagte Rushdie im Interview mit Korrespondent Raphael Geiger Ende Juli auf die Frage, ob er noch immer um sein Leben bange. «Für einige Jahre war es ernst», sagte Rushdie weiter. «Aber seit ich in Amerika lebe, hatte ich keine Probleme mehr.» Der Autor habe dabei aber auch vor dem politischen Klima und möglicher Gewalt in den USA gewarnt: Das Schlimme sei, «dass Morddrohungen alltäglich geworden sind».

Entsetzen über die Tat

Die Tat löste weltweit Entsetzen aus. Die New Yorker Gouverneurin Hochul bezeichnete den Angriff auf Rushdie als «schreckliches Ereignis» und schrieb auf Twitter: «Unsere Gedanken sind nach diesem schrecklichen Ereignis bei Salman und seinen Lieben.»

Der US-Senator und Mehrheitsführer der Demokraten im Senat, Chuck Schumer, schrieb auf Twitter, die Tat sei ein «Angriff auf die Rede- und Gedankenfreiheit. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron schrieb, Rushdie sei von «Hass und Barbarei» getroffen worden.

Großbritanniens scheidender Premier Boris Johnson zeigte sich entsetzt darüber, dass Rushdie «bei der Ausübung eines Rechts, das wir immer verteidigen sollten, niedergestochen wurde».»

Harry-Potter-Autorin Joanne K. Rowling und Bestseller-Autor Stephen King drückten ebenfalls ihre Bestürzung aus und schrieben, sie hoffe, es gehe Rushdie gut.

Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) bezeichnete die Attacke als Angriff auf die Freiheit der Literatur und die Freiheit des Denkens. Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP) zeigte sich erschüttert und wünschte Rushdie gute Besserung. Der Grünen-Co-Vorsitzende Omid Nouripour schrieb von der schlimmsten «Frucht eines Hasses, der seit Jahrzehnten vom iranischen Regime geschürt und finanziert wird.» Schriftsteller Günter Wallraff, der Rushdie 1993 in seinem Haus in Köln-Ehrenfeld versteckt hatte, sagte, die Nachricht sei «natürlich ein Schlag für mich» gewesen.

Der US-amerikanische Autorenverband PEN America zeigte sich schockiert über den Angriff auf seinen ehemaligen Präsidenten. Rushdie werde seit Jahrzehnten wegen seiner Worte angegriffen, aber er habe sich nie beirren lassen und nie gezögert, schrieb die Vorsitzende Suzanne Nossel in einem Statement.

Geboren wurde Rushie im Jahr der indischen Unabhängigkeit 1947 in der Metropole Mumbai (damals Bombay). Er studierte später Geschichte am King's College in Cambridge. Seinen Durchbruch als Autor hatte er mit dem Buch «Mitternachtskinder» («Midnight's Children»), das 1981 mit dem renommierten Booker Prize ausgezeichnet wurde. Er erzählt darin die Geschichte von der Loslösung Indiens vom Britischen Empire anhand der Lebensgeschichte von Protagonisten, die genau zur Stunde der Unabhängigkeit geboren werden und mit übernatürlichen Fähigkeiten ausgestattet sind.

Die Wahrheit in Gefahr

Insgesamt veröffentlichte Rushdie mehr als zwei Dutzend Romane, Sachbücher und andere Schriften. Rushdies Stil wird als Magischer Realismus bezeichnet, in dem sich realistische mit fantastischen Ereignissen verweben. Dennoch sieht er sich unbedingt der Wahrheit verpflichtet.

Diese sieht er zunehmend in Gefahr, was auch im Zentrum seiner jüngsten Veröffentlichung von Essays steht, die in Deutschland unter dem Titel «Sprachen der Wahrheit» herauskamen. Der seit vielen Jahren in New York lebende Schriftsteller stemmt sich darin gegen Trumpisten und Corona-Leugner. «Die Wahrheit ist ein Kampf, das ist keine Frage. Und vielleicht noch nie so sehr wie jetzt», sagte er in einem Interview des US-Senders PBS im vergangenen Jahr.

@ dpa.de