Brauchtum, Karneval

Tote Kinder in den Favelas, korrupte Politiker mit vollen Taschen: Mit einer wütenden Inszenierung gewinnt die Sambaschule Beija-Flor 2018 den prachtvollen Samba-Wettbewerb in Rio de Janeiro.

15.02.2018 - 08:32:06

Samba-Wettbewerb - Polit-Protest gewinnt bei Rios Karneval. Die soziale Kritik trifft den Nerv der Zeit in Brasilien.

  • Karneval in Rio - Foto: Silvia Izquierdo/AP

    Die Sambaschule Beija-Flor theamtisiert die ausufernde Welle der Gewalt auf Rios Straßen. Foto: Silvia Izquierdo/AP

  • Karneval in Rio - Foto: Die Sambaschule Beija-Flor beklagt den Tod der vielen unschuldigen Kinder. Foto: Silvia Izquierdo/AP

    Die Sambaschule Beija-Flor beklagt den Tod der vielen unschuldigen Kinder. Foto: Silvia Izquierdo/AP

  • Karneval in Rio - Foto: Silvia Izquierdo/AP

    Die Beija-Flor-Tänzer ahmen stark bewaffnete Kriminelle und Gangster in den Favelas nach. Foto: Silvia Izquierdo/AP

Karneval in Rio - Foto: Silvia Izquierdo/APKarneval in Rio - Foto: Die Sambaschule Beija-Flor beklagt den Tod der vielen unschuldigen Kinder. Foto: Silvia Izquierdo/APKarneval in Rio - Foto: Silvia Izquierdo/AP

Rio de Janeiro - Eine außergewöhnlich drastische Inszenierung der sozialen und politischen Missstände im Land hat die Jury des diesjährigen Samba-Wettbewerbs beim Karneval in Rio de Janeiro am stärksten überzeugt.

Sieger der traditionsreichen Samba-Show in der brasilianischen Metropole wurde am Mittwoch die Sambaschule Beija-Flor (portugiesisch für Kolibri). Diese hatte in der Nacht zum Dienstag die unzähligen Korruptionsskandale in dem Land und die ausufernde Welle der Gewalt auf Rios Straßen mit einer furiosen Aufführung an den Pranger gestellt.

Bei ihrer Parade in Rios berühmtem Samba-Tempel Sambódromo ahmten die Beija-Flor-Tänzer stark bewaffnete Kriminelle und Gangster in den Favelas nach, auf einem Umzugswagen waren offene Särge aus Pappe mit Puppen als unschuldigen toten Kindern aufgebaut. Andere Darsteller verkleideten sich als korrupte Politiker und Funktionäre, denen die Geldscheine aus den Taschen quollen. Auch die überfüllten Gefängnisse des Landes waren zu sehen.

Zum 200. Jubiläum der Ersterscheinung von Maria Shelleys Roman «Frankenstein» schickten die Macher zudem eine Monsterpuppe durch das Sambódromo - diese sollte zugleich den desolaten Zustand des fünftgrößten Landes der Welt symbolisieren. Die Hunderten von Tänzer von Beija-Flor schienen den begeisterten Zuschauern im Sambódromo aus der Seele zu sprechen. Ihre Show «kritisiert alles, was in dem Land vor sich geht - einige haben viel, und viele haben wenig», klagte Beija-Flors Samba-Legende Neguinho nach dem Titelgewinn.

Brasilien wird seit Jahren von einer Reihe von Korruptionsskandalen erschüttert. Dutzende hochrangige Politiker und Unternehmer sind in ein korruptes Netzwerk rund um den Staatskonzern Petrobras involviert. Vor wenigen Wochen wurde der frühere linke Staatschef Luiz Inácio Lula da Silva in zweiter Instanz zu mehr als zwölf Jahren Haft verurteilt.

2018 gab es bei den Umzügen in der Tribünenstraße Sambódromo gleich mehrere politische Proteste. Die Sambaschule Paraíso de Tuiuti zeigte den aktuellen Präsidenten, Michel Temer, als Vampir. Im Gegensatz zu den Karnevalsumzügen etwa in Köln am Rosenmontag kommt der politische Protest in Rios Sambódromo selten so deutlich zum Ausdruck.

Die Umzüge in der Paradestraße mit Platz für mehr als 70 000 Zuschauer im Zentrum Rios stellen traditionell den Höhepunkt des Karnevals in der Stadt dar. Dieses Jahr kämpften 13 Sambaschulen um den Titel als beste Schule Rios.

@ dpa.de

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