Feste, Brauchtum

Norbert Grünleitner arbeitet während des Oktoberfests an der Münchner U-Bahnstation Theresienwiese.

05.10.2018 - 15:36:06

«Kommt?s zu mia» - Ex-U-Bahnfahrer lenkt den Ansturm der Wiesnbesucher. Wo unzählige Besucher den Heimweg antreten, ist er für die Sicherheit zuständig. Seine Anweisungen verpackt er in charmante Sprüche.

München - Wenn am Sonntag das Oktoberfest zu Ende geht, dann endet für den Öffentlichen Nahverkehr in München die schwierigste Zeit des Jahres. Hunderttausende Besucher drängeln sich bei der An- und Abfahrt rund um die Theresienwiese in U-Bahnen.

Dass das möglichst reibungslos funktioniert, ist die Aufgabe von Norbert Grünleitner. Er ist Gesamtleiter der U-Bahnen für die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) beim Oktoberfest.

Der 51-jährige Oberbayer sitzt in einem Glaskasten mitten in der U-Bahnstation Theresienwiese, in seiner Hand ein Funkmikrofon. Und schon hört man am ganzen Bahnsteig seine Durchsage: «Kommt?s zu mia zur Bahnsteig-Mittn, die hübschesten Madln, die feschesten Buam.» Die Wiesnbesucher sollen zur Mitte des Bahnsteigs gelenkt werden, damit vorne an der Rolltreppe wieder Platz für die Nachfolgenden ist.

«Das geht bei diesen Leuten nur mit Charme und Humor», erklärt Grünleitner. Daher überlege er sich spontan lustige Sprüche, oft an die jeweilige Situation angepasst. «Macht's bei der U-Bahn alle 18 Türen auf, die U-Bahn ist kein Adventskalender, bei uns derfan's alle Türen öffnen», ruft er den Fahrgästen zu.

Früher, vor 22 Jahren, hat Grünleitner als U-Bahnfahrer gearbeitet und dabei auch die Haltestelle Theresienwiese angefahren. «Ich habe gesehen, was an dem Bahnhof so abgeht, und war total fasziniert. Da hat mich das Wiesnfieber gepackt.»

Im Jahr darauf meldete er sich freiwillig als Türabfertiger. Es folgten Weiterbildungen zum Verkehrsmeister, er wurde Einsatzleiter am Odeonsplatz, Königsplatz und Hauptbahnhof. «Irgendwann habe ich gesagt, ich möchte zur Wiesn, ich will direkt bei der Wiesn Einsatzleiter sein.» Nun laufen bei ihm «alle Fäden zusammen, von den einzelnen Bahnhöfen und der Geschäftsführung».

Die Fahrgäste mögen Grünleitner - und er mag die Gäste: «Es ist der Querschnitt der Menschen da unten, du siehst alles. Es wird einfach nicht langweilig, und das macht den Job aus.» Von streitenden Ehepaaren über frisch verliebte Pärchen, die sich oft erst gerade auf der Wiesn kennengelernt haben und jetzt schon wieder trennen müssen: Grünleitner beobachtet sie alle.

«Wenn zum Beispiel hier ein Mann mit einem feschen Hut steht, dann erzähle ich das übers Mikro und sag den Leuten, sie sollen herkommen und ihn sich anschauen.» Und schon habe er wieder einige zur Mitte bewegt. Ähnliches sei ihm vor ein paar Tagen mit Hilfe eines Dudelsackspielers gelungen, der die Treppen zur U-Bahnstation herunterkam. «Ich habe ihm verständlich gemacht, dass er zu mir zur Mitte kommen soll, und schon sind alle hinterher.»

Oft sieht er Gäste, die mit Daumen nach oben an ihm vorbeiziehen. Manche wollen auch ein Foto mit der «Stimme der Wiesn» machen; dafür kommt er dann auch mal aus der «Kanzel», seinem Glaskasten, heraus: «Mit dem Blitz durch die Scheibe, da würde man mich ja gar nicht sehen.» Zum Dank bekommen er und seine Kollegen auch manchmal Geschenke wie Plastikrosen oder Brezen oder gebrannte Mandeln. «Über eine Fischsemmel würde ich mich aber auch mal freuen», sagt Grünleitner lachend.

Während des Oktoberfestes sind allein am U-Bahnhof Theresienwiese täglich 80 zusätzliche Mitarbeiter im Einsatz - in zwei Schichten. «Die melden sich alle freiwillig, das heißt jetzt nicht, dass die kein Geld bekommen, aber normalerweise arbeiten die halt zum Beispiel in der Leitstelle.»

Wenn die Sicherheit anders nicht mehr gewährleistet werden kann, sperren die MVG-Mitarbeiter schon auch mal den Bahnhof Theresienwiese für ein paar Minuten zu, bis unten alle Gäste abtransportiert sind. Das kommt vor allem abends vor, nach dem Schließen der Bierzelte.

Grünleitner freut sich auf die Zeit danach: «Wenn ich nach der Wiesn erfahre, wie viele Leute wir sicher heimtransportiert haben, und ich weiß, dass ich dabei eine große Rolle gespielt habe, dann ist das eigentlich schon schön. Nicht eigentlich, das ist schön.»

@ dpa.de