Sportpolitik, Olympia

IOC-Chef Bach trotzt der Kritik am Kurs des Internationalen Olympischen Komitees im Fall Peng Shuai.

07.12.2021 - 10:54:09

IOC-Chef im Interview - Bach zu Fall Peng Shuai: «Gespräch ging mir sehr nahe». Im dpa-Interview spricht er auch über sein umstrittenes Video-Telefonat mit der Tennisspielerin.

Er beschäftigt mich und uns alle sehr. Solche humanitären Fälle gehen einem besonders nahe. Man muss dabei sehen, dass das wichtigste Menschenrecht die körperliche Unversehrtheit ist. Gemeinsam mit vielen Sportlern und Menschen weltweit haben wir die Sorge um Peng Shuai geteilt, als sie lange nicht erreichbar gewesen ist. Wir hatten zu entscheiden, wie man in so einer Situation vorgeht.

Welche Möglichkeiten gab es?

In der Regel gibt es zwei Alternativen: Eine öffentliche Stellungnahme mit der Hoffnung, dass sich dadurch die Situation löst, möglicherweise unterstützt durch den öffentlichen Druck. Oder man wird selbst aktiv, um eine Lösung im diskreten Dialog zu finden. Das ist das, was man stille Diplomatie nennt. Wenn man die Erfahrungen von anderen Organisationen, von Regierungen und unsere eigenen betrachtet, ist diese Option die erfolgversprechendste. Wir haben deshalb versucht, mit Peng Shuai in Kontakt zu kommen, wobei ihre körperliche Unversehrtheit im Mittelpunkt stand. Sie kennen das Ergebnis dieser Anstrengungen, die zu zwei Videokonferenzen am 21. November und 1. Dezember geführt haben. Und um das gleich zu sagen: Mit diesen zwei Videokonferenzen ist dieser Prozess nicht beendet.

Diese stille Diplomatie ist nicht nur auf Anerkennung gestoßen. Hat sie die weltweite Kritik überrascht?

Stille Diplomatie und persönlicher Kontakt erfordern, dass die Öffentlichkeit ein gewisses Vertrauen in dieses Vorgehen hat. Dies ist in unserer Zeit, die von tiefem Misstrauen gegenüber allen Organisationen geprägt ist, nicht einfach. Dennoch zeigt die Erfahrung, dass diese stille Diplomatie wirken und Ergebnisse bringen kann. Wir haben diese Strategie auch in den vergangenen Monaten in Afghanistan verfolgt, als es uns auf dem Weg der stillen Diplomatie und mit Hilfe der Olympischen Bewegung gelungen ist, humanitäre Visa für über 300 Mitglieder der olympischen Gemeinschaft Afghanistans zu erhalten und sie zu evakuieren. Aktuell führen wir auf diesem Weg der stillen Diplomatie Gespräche mit den Taliban über die Wahrung der Menschenrechte für die in Afghanistan verbliebenen Mitglieder der olympischen Gemeinschaft und über humanitäre Unterstützung für diese Menschen in der aktuell prekären Lage. Aus unserer Sicht ist die stille Diplomatie ein Erfolg versprechender Weg, den wir weiter verfolgen werden.

Aus den IOC-Mitteilungen ist nicht hervorgegangen, inwieweit Sie mit Peng Shuai und den chinesischen Behörden über die Vorgänge und Vorwürfe von ihr sprechen konnten. Wird es eine Aufklärung geben?

In den beiden Gesprächen hat sich Peng Shuai dankbar gezeigt, dass wir den Kontakt zu ihr gesucht haben. Sie hat dabei auch von ihrer Karriere als Tennisspielerin und ihren drei Olympia-Teilnahmen gesprochen und welche Auswirkungen die Covid-Pandemie auf die Fortsetzung ihrer Karriere hat. Unsere Gespräche werden weitergehen. Man muss dabei auch sie und ihre Herangehensweise respektieren. Zudem sprechen wir mit den chinesischen Sportorganisationen und offiziellen Stellen. Und ich kann versichern: Es werden alle Aspekte dieses Falles mit der chinesischen Seite besprochen.

Mehr als Peng Shuais Olympia-Karriere interessiert doch: Wie glaubhaft wirkten die Aussagen über ihre Lage. Ist sie in Gefahr?

Das Gespräch mit ihr ging mir sehr nahe. Es ist nicht einfach, ein solch sehr persönliches Gespräch über Video zu führen. Ich kann nur berichten, was sie berichtet. Wir haben ihr Unterstützung angeboten in allen Bereichen. Sie können ein Gespräch mit einer Athletin, die in einer derart fragilen Situation ist, nur wirklich sinnvoll führen, wenn Vertrauen aufgebaut wird und sie weiß, dass die Weltöffentlichkeit nicht sofort im Detail über die Gesprächsinhalte informiert wird.

Die Frauen-Tennis-Organisation WTA hat wegen des Falles Peng Shuai Turniere in China aussetzt. Die für die Männer zuständige ATP schließt sich dem nicht an. Welche Position ist Ihnen näher?

Ich habe geschildert, dass es für uns zwei Alternativen gab: Entweder eine öffentliche Stellungnahme abzugeben wie die WTA oder unseren Ansatz eines direkten Kontakts zu wählen. Die WTA ist ihren Weg gegangen und hat ihre Entscheidung getroffen. Viele andere Sportorganisationen haben einen anderen Weg gewählt. Die Wege können unterschiedlich, die Ziele aber durchaus gleich sein.

Wie wird es bei Ihrem Weg um das Wohlergehen von Peng Shuai nach den Winterspielen von Peking bestellt sein?

Es gab die Sorge um ihre körperliche Unversehrtheit. Die ist durch den persönlichen Kontakt in zwei Gesprächen zunächst einmal festgestellt. Wir werden diesen humanitären Ansatz fortsetzen und den Kontakt pflegen. Die Winterspiele werden kein Endpunkt sein.

Kommt dieser Fall so kurz vor den Peking-Spielen, die ohnehin auch durch andere politische Themen belastet sind, zur Unzeit?

Nein. Man würde sich immer wünschen, es gäbe keinen Anlass dafür. Das hat mit Olympischen Spielen nichts zu tun. Es geht um eine personenbezogene, humanitäre Frage einer dreifachen Olympia-Teilnehmerin. Dem gilt, unabhängig von allem anderen, unsere ganze Konzentration und unser Einsatz.

Es soll im Januar ein persönliches Treffen von Ihnen mit Peng Shuai in Peking geben. Was ist dabei vorgesehen?

Dies ist eine Verabredung, die wir beim ersten Gespräch getroffen haben. Die Art und Weise der Begegnung muss mit Peng Shuai vereinbart werden, aber auch in Einklang gebracht werden mit den Anti-Covid-Maßnahmen während der Spiele.

China steht nicht nur im Fall Peng Shuai am Pranger. Die Unterdrückung der Uiguren, Repressalien gegen Hongkong oder Tibet - ist Peking wirklich noch der richtige Olympia-Gastgeber?

Die Spiele haben die Mission, egal wo sie stattfinden, die Welt im sportlichen und friedlichen Wettstreit zu vereinen - und über jedwede andere Auseinandersetzung zu stellen. Das haben auch die Vereinten Nationen in der von allen 193 UNO-Mitgliedsstaaten im Konsens verabschiedeten Resolution zur Erklärung des olympischen Waffenstillstands betont. Die Resolution fordert die Mitgliedsstaaten auf, mit dem IOC und dem Internationalen Paralympischen Komitee bei ihren Bemühungen zusammenzuarbeiten, den Sport als Instrument zur Förderung von Frieden, Dialog und Versöhnung in Konfliktgebieten während und nach den Olympischen und Paralympischen Spiele zu nutzen. Diese Mission ist gerade in einer Zeit, die so fragil und konfrontativ ist, wichtiger denn je.

Wie viel Respekt haben Sie vor den Tagen der Peking-Spiele? Werden Sie Antworten auf kritische Fragen haben?

Wir haben Antworten gegeben und befinden uns im Dialog mit einer Reihe von Nichtregierungsorganisationen und den UN. Ich denke, die UN-Resolution spricht eine klare Sprache. Wir müssen bei allem, was die Spiele betrifft, unserer Verantwortung gerecht werden. Das heißt auch: Keine Diskriminierung, Freiheit der Presse, offenes Internet, freie Meinungsäußerung der Athleten. Dabei sind wir im engen Kontakt mit dem Organisationskomitee. Aber: Das IOC hat nicht die Macht und die Mittel, politische Systeme zu verändern. Hier gilt die politische Neutralität des IOC und der Spiele.

Was halten Sie von den Ankündigungen eines diplomatischen Boykotts wie aus den USA oder wie zuletzt auch von der designierten deutsche Außenministerin Annalena Baerbock ins Gespräch gebracht?

Das ist eine rein politische Diskussion. Auch in dieser Frage ist das IOC politisch neutral.

Die Winterspiele 2018 im südkoreanischen Pyeongchang waren durch die Teilnahme Nordkoreas und einer vereinten koreanischen Mannschaft doch ziemlich politisiert...

Wir haben gerade mit Pyeongchang gezeigt, dass die Spiele neutral sind und über politischen Differenzen stehen. Ansonsten hätten wir die Verhandlungen mit Nordkorea und Südkorea nicht führen können und es wäre nicht gelungen, nordkoreanische Athleten bei den Winterspielen zu haben, und schon gar nicht eine gemeinsame Mannschaft bei der Eröffnung der Spiele zu sehen.

Mit Olympia 2008 in Peking war die Hoffnung auf Öffnung und Wandel in China verbunden. Das ist nicht geschehen. Kann man diese Hoffnung nicht mehr mit den Winterspielen 2022 verbinden?

Auch hier gilt: Was ist unsere Verantwortung und was sind unsere Grenzen? Unsere Aufgabe ist es, die Spiele gemäß der olympischen Charta und des Gastgebervertrages zu veranstalten und die Athleten aus 206 Teams und dem IOC-Flüchtlingsteam unter einem Dach zusammen zu führen. Darüber hinaus gehend zu erwarten, dass Olympische Spiele ein Land, sein politisches System oder seine Gesetze grundlegend verändern könnten, ist eine vollkommen überzogene Erwartung. Die Olympischen Spiele können keine Probleme lösen, die Generationen von Politikern nicht gelöst haben.

Muss die Olympia-Vergabe durch das IOC noch mehr mit Fragen zu den Menschenrechten in den Bewerberländern verknüpft werden?

Wir haben die Menschenrechtsfrage im Zusammenhang mit unserem Zuständigkeitsbereich immer adressiert. So hat es im Fall Belarus vor den Tokio-Spielen Sanktionen für Funktionsträger bis hin zur Staats- und Regierungsspitze gegeben. Wir haben zudem das Vergabeverfahren für Olympische Spiele grundlegend verändert. In der Bewertung von Brisbane sehen Sie, dass Menschenrechtsfragen und sozialen Faktoren von nun an eine besondere Rolle beigemessen wird.

Olympische Spiele in Katar oder in Kasachstan: Sind die nach dem veränderten Verfahren möglich?

Ich werde hier weder über einzelne Länder noch über den Ausgang des reformierten Evaluierungsverfahrens spekulieren.

In Peking wird es die zweiten Spiele in der Corona-Pandemie geben. Sind das noch richtige Olympische Spiele - ohne Zuschauer oder nur mit heimischen Fans und alles mit strikten Regeln in einer Blase?

Wir haben mit dem Beispiel Tokio gesehen, dass die olympische Atmosphäre vielleicht noch intensiver rübergekommen ist als bei Spielen mit großem Publikum und vielen Ereignissen drumherum. Ich habe bei meinen Besuchen im olympischen Dorf eine sehr intensive Stimmung gespürt und des Erlöstseins der Athleten nach der Ungewissheit vor den Spielen. In den Stadien haben wir gesehen, wie die Athleten viel intensiver zusammengefunden und sich ohne Zuschauer gegenseitig gefeiert haben. Die Athleten haben den Spielen eine tiefe Seele gegeben.

ZUR PERSON: Der gebürtige Würzburger Thomas Bach (67) ist seit 2013 Präsident des Internationalen Olympischen Komitees. Zuvor war der Fecht-Olympiasieger von 1976 auch Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes gewesen.

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