Fußball, WM

Die Fußball-WM in Russland ist längst ein Politikum.

14.06.2018 - 18:56:06

Putins bunte WM-Show - Robbie Williams sorgt in Moskau für Wirbel. Doch mit einem Feuerwerk aus Stars und Glamour will Gastgeber Putin Kritik überstrahlen. Da darf auch ein prominenter Deutscher nicht fehlen.

Moskau - Ein gutes Pfund Robbie Williams garniert mit einer Prise Wladimir Putin: Mit dieser Mischung aus Superstar und Weltpolitik hat Russland unter dem Jubel Zehntausender Fans die erste Fußball-Weltmeisterschaft in Osteuropa eröffnet.

Putins bunte Show sollte die Welt vergessen machen, dass die WM durch internationale Konflikte und Streit des Westens mit Russland ein hochpolitisches Turnier geworden ist.

Kaum einer eignete sich dafür besser als der britische Popstar Williams. Im roten Anzug und mit offenem Hemdkragen wirbelte er am Donnerstag bei der Eröffnungsfeier durch das ehrwürdige Moskauer Luschniki-Stadion. Die TV-Kameras zeigten tanzende und jubelnde Fans, als der 44-jährige Sänger und Frauenschwarm mit seinem Hit «Let me entertain you» die kommenden vier Wochen Fußball-Unterhaltung einläutete.

Williams' Auftritt bei der Show, die Milliarden Fans vor den Fernsehern sehen sollten, hatte im Vorfeld in Russland nicht nur Euphorie, sondern auch Erstaunen ausgelöst. Der Weltstar hatte 2016 mit seinem Hit «Party like a Russian» viel Kritik in Russland geerntet. In dem dazugehörigen Musikvideo nimmt Williams reiche, partywütige Russen aufs Korn. Kritiker sagen, er bediene Vorurteile gegen Russen und sei beleidigend.

Bei der Eröffnungsfeier kam Williams ohne das provokante Lied aus. Er sei gebeten worden, es nicht zur WM zu spielen, berichteten Moskauer Medien. Hielt er deswegen seinen Mittelfinger demonstrativ kurz in die Kameras? Oder war der Finger seine Antwort an Kritiker, er habe sich an Russland verkauft? Jedenfalls setzte er auf ein Medley seiner großen Hits, in das auch die russische Sopranistin Aida Garifullina von der Wiener Staatsoper einstimmte.

Irgendwo zwischen den rund 800 Tänzern, Statisten und Ball-Jongleuren wippte der brasilianische Ex-Stürmerstar Ronaldo im Takt. Der Spielball, den ein russischer Kosmonaut eigens aus dem Weltraum von der Internationalen Raumstation ISS zur Erde mitgebracht hatte, war kurz im Bild. Später sollte die russische Sbornaja mit dem Ball aus dem All die WM eröffnen.

Gut eine Viertelstunde lang beherrschte Williams den für die WM komplett renovierten Sporttempel Luschniki. Zu seinem besten Hits klatschte er mit Fotografen hinter einer Absperrung ab und heizte den 80.000 Gästen auf den Rängen ein. Dann kam Wladimir Putin.

Nach Monaten scharfer Kritik an Russland wegen Doping-Vorwürfen, Ukraine-Krise und politischer Spannungen mit Großbritannien nutzte der Präsident die große Bühne für einen flammenden Appell für Frieden und Völkerverständigung. «Die Liebe zum Fußball verbindet uns alle zu einer Mannschaft, einig in ihrer Liebe zu diesem spektakulären, klaren, kompromisslosen Spiel», sagte Putin.

In der Einheit liege die Stärke des Fußballs und des Sports. «Unsere Aufgabe ist es, diese Stärke zu bewahren für zukünftige Generationen, im Namen der Entwicklung des Sports und des Friedens und der Festigung des gegenseitigen Verständnisses der Völker.»

Westliche Staatschefs suchte man auf der Tribüne in Putins Umfeld vergeblich. Dafür ließ sich Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder den WM-Auftakt nicht entgehen. Schröder steht in der Kritik für seine Nähe zu Putin und sein Engagement für russische Energiekonzerne.

FIFA-Chef Gianni Infantino stimmte indes in Putins Loblied ein. «Liebe Freunde! Herzlich Willkommen zur Weltmeisterschaft», grüßte er auf Russisch. Die WM solle die größte Party der Welt werden.

Wenige Meter vom Fußballtempel Luschniki entfernt ließen Tausende Fans Infantinos Worten Taten folgen. In der überfüllten Fanzone auf den Sperlingsbergen oberhalb des Stadions feierten WM-Gäste aus zahlreichen Ländern ausgelassen miteinander.

Der Lärm aus dem Luschniki-Stadion in Sichtweite unten am Fluss Moskwa drang herauf bis auf den Hügel. Eine junge Frau hatte sich das Gesicht in den russischen Nationalfarben Weiß-Blau-Rot bemalt und eine Fahne um die Schultern gelegt. Sie hoffe sehr auf einen Sieg im Eröffnungsspiel gegen Saudi-Arabien und ein Weiterkommen ins Achtelfinale. «Russland hat eine gute Chance, weil wir zuhause spielen,» sagte sie.

Als Russland schon nach wenigen Minuten gegen Saudi-Arabien in Führung ging, fielen sich wildfremde Menschen in die Arme. Auch Anhänger anderer Nationen feierten in der Fanzone, mexikanische Hüte waren zu sehen wie auch peruanische Fahnen. Lange Schlangen gab es vor den Bierständen, bei Limonade herrschte weniger Andrang.

@ dpa.de

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