Geschichte, 1918

Weltkriegsende bis Mauerfall - «Schicksalstag der Deutschen»: Gedenkstunden in Berlin

09.11.2018 - 12:43:24

Weltkriegsende bis Mauerfall - «Schicksalstag der Deutschen»: Gedenkstunden in Berlin. Der 9. November ist in Deutschland ein besonderer Tag. Gleich drei historische Ereignisse fallen auf dieses Datum. Zusammen stehen sie für die Widersprüchlichkeit der deutschen Geschichte.

Berlin - Novemberrevolution 1918 - Pogromnacht 1938 - Mauerfall 1989: Mit zahlreichen Gedenkveranstaltungen wird heute in Berlin des 9. Novembers gedacht. Es ist der «Schicksalstag» der Deutschen, und ein Bundespräsident kann diesen Tag nicht anders als mit einer grundsätzlichen Rede würdigen.

Im Bundestag wirbt Frank-Walter Steinmeier dafür, der Novemberrevolution von 1918 endlich den Platz zu geben, der dem Ereignis gebührt. Der 9. November 1918, als Philipp Scheidemann vom Berliner Reichstagsgebäude aus die Republik ausrief, sei ein historischer «Meilenstein», aber leider immer noch «ein Stiefkind unserer Demokratiegeschichte.» Das muss sich ändern, sagt Steinmeier, und plädiert für einen «demokratischen Patriotismus» in Deutschland.

Parlamentspräsident Wolfgang Schäuble rief dazu auf, Frieden und Freiheit nie wieder zu gefährden. «An diesem Datum verdichtet sich unsere jüngere Geschichte in ihrer Ambivalenz, mit ihren Widersprüchen und Gegensätzen.» Und er fügt hinzu: «Das Tragische und das Glück, der vergebliche Versuch und das Gelingen, Freude und Schuld: All das gehört zusammen. Untrennbar.» Angesichts der antijüdischen Pogrome am 9. November 1938 nannte Schäuble es ein «Geschenk», dass heute wieder lebendiges Judentum in Deutschland Realität geworden sei. Aktuelle Übergriffe auf Juden und jüdische Einrichtungen zeigten aber, wie nötig deren Schutz immer noch sei.

Steinmeier erinnert aber auch an den Fall der Mauer 1989 - «den glücklichsten 9. November in unserer Geschichte». Es bleibe aber die «schwierigste und schmerzhafteste Frage der deutschen Geschichte», wie wenige Jahre nach dem demokratischen Aufbruch 1918 Feinde der Demokratie Wahlen gewinnen konnten, das deutsche Volk seine europäischen Nachbarn mit Krieg und Vernichtung überzog und «jüdische Familien in Viehwagen pferchte und Eltern mit ihren Kindern in Gaskammern schickte.»

Erinnerung dürfe nicht zum Ritual erstarren, sagt Steinmeier weiter, sondern müsse auch die konkrete Politik prägen. «In unserem Handeln müssen wir beweisen, dass wir, die Deutschen, wirklich gelernt haben, dass wir wirklich wachsamer geworden sind im Angesicht unserer Geschichte.» Es dürfe nicht zugelassen werden, dass einige wieder behaupteten, allein für das «wahre Volk» zu sprechen, wenn Menschen bestimmter Religion oder Hautfarbe unter Generalverdacht gestellt würden.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland erinnert in der Berliner Synagoge in der Rykestraße an die antisemitischen Ausschreitungen in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. Dabei werden Bundeskanzlerin Angela Merkel und Zentralratspräsident Josef Schuster Ansprachen halten.

Schuster bezeichnet antisemitische und ausländerfeindlichen Angriffe als «Schande» für Deutschland. Es sei ein Skandal, dass etwa jede zweite Woche eine Synagoge oder eine Moschee mit Hassparolen beschmiert oder - noch schlimmer - angegriffen werde, hieß es in Schusters Redemanuskript.

Menschen, die Flüchtlinge, Muslime oder Juden angriffen, würden aus dem Hintergrund angestachelt und aufgehetzt. «Eine Partei, die im Bundestag am ganz äußeren rechten Rand sitzt, hat diese Hetze perfektioniert», sagte Schuster in Anspielung auf die AfD. «Sie sind die geistigen Brandstifter.» Deswegen habe der Zentralrat diese Fraktion als einzige aus dem Bundestag nicht eingeladen. Ihre Anwesenheit wäre für die jüdische Gemeinschaft unerträglich gewesen.

Am 9. November 1938 hatten die Nationalsozialisten den Befehl für den inszenierten «Volkszorn» gegen die Juden in ganz Deutschland ausgegeben. Hunderte Synagogen und Geschäfte wurden angezündet und geplündert, Zehntausende Juden wurden gedemütigt und deportiert, bis zu 1000 Menschen wurden ermordet. Die Pogrome gelten als Beginn der systematischen Verfolgung der Juden in Deutschland. Mit mehr als 2000 Sitzplätzen zählt die Synagoge in der Rykestraße zu den größten jüdischen Gotteshäusern in Europa.

Berlin erinnert heute auch an den Mauerfall vor 29 Jahren. In der zentralen Gedenkstätte an der Bernauer Straße werden Rosen für die Opfer der deutschen Teilung niedergelegt und Kerzen entzündet. In der Kapelle der Versöhnung auf dem früheren Todesstreifen ist eine Andacht geplant. Dazu wird auch der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) erwartet. Zudem werden Schüler aus Norwegen, Frankreich und Deutschland zu dem Gedenken kommen.

Anlässlich des Erinnerungstages warnt Müller vor einer neuen Spaltung der Gesellschaft. Mit dem Fall der Mauer habe Deutschland den Weg zur Einheit im Namen von Demokratie, Freiheit und Rechtsstaat beschritten. «Deutschland ist ein vereintes Land, das sich als Garant der Menschenrechte begreift. Das soll und muss auch so bleiben», erklärte Müller.

Die deutsche Teilung dauerte mehr als 28 Jahre. Allein in Berlin starben nach dem Mauerbau vom 13. August 1961 nach wissenschaftlichen Erkenntnissen mindestens 140 Menschen durch das DDR-Grenzregime.

@ dpa.de