Kriminalität, Notfälle

Warum fährt ein Mann in Münster in eine Menschengruppe und erschießt sich dann selbst? Noch haben Staatsanwaltschaft und Ermittler keine Antwort darauf.

08.04.2018 - 13:27:14

Fahrzeug rast in Menschenmenge - Motiv des Amokfahrers von Münster weiter unklar. Inzwischen sind mehr Einzelheiten zu dem Großeinsatz in der Innenstadt der beschaulichen Uni-Stadt bekannt.

Münster - Nordrhein-Westfalens Innenministers Herbert Reul (CDU) hat die bisherigen Informationen zum Täter von Münster bekräftigt. Der mutmaßliche Amokfahrer sei «mit hoher Wahrscheinlichkeit» ein aus Deutschland stammender Einzeltäter und kein Flüchtling, sagte Reul in Münster.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit gebe es für die Tat keinen islamistischen Hintergrund. Es gebe «eine Menge Erkenntnisse», dass das Motiv in der Person des Täters liege. Allerdings würden die Ermittlungen dazu noch Stunden und Tage dauern. «Wir sind noch lange nicht am Ende. Es ist die Stunde der Ermittler», sagte der CDU-Politiker.

Die Polizei war zunächst Zeugenaussagen nachgegangen, wonach noch zwei Menschen aus dem Auto gesprungen und geflüchtet sein sollten.

Nach der Amokfahrt mit drei Toten sind einige der mehr als 20 verletzten Opfer weiterhin in Lebensgefahr. Ihr Zustand hat sich nach Angaben der Polizei über Nacht nicht verändert. Es gebe keine weiteren Todesfälle, sagte eine Polizeisprecherin am Sonntagmorgen.

Die Ermittler suchen derweil weiter nach Motiv und Hintergründen für das Verbrechen. In einer gemeinsamen Presseerklärung von Staatsanwaltschaft und Polizei in Münster hieß am frühen Morgen: «Bislang liegen keine Hinweise auf einen möglichen Hintergrund für die Tat vor. Die Ermittlungen werden mit Hochdruck und in alle Richtungen geführt.» Dies erneuerte eine Polizeisprecherin am Vormittag auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur.

Um 15.27 Uhr am Samstag hatte ein Mann einen silberfarbenen Campingbus im Zentrum in eine Menschengruppe vor einer beliebten Gaststätte gefahren und sich danach im Wagen erschossen.

Die Polizei schleppte das Tatfahrzeug inzwischen ab. Noch am Vormittag sollten Journalisten an den Tatort gelassen werden - dieser war bislang von der Polizei streng abgesperrt worden.

Zum mutmaßlichen Täter ist folgendes bekannt: «Nach dem jetzigen Stand der Ermittlungen handelt es sich bei dem Fahrer vermutlich um einen 48-jährigen Mann aus Münster», erläuterte Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt. Nach Informationen von «faz.net» stammt der Mann aus Olsberg im Sauerland. Er habe schon lange in Münster nahe des Tatorts gelebt.

Die Polizei identifizierte inzwischen die beiden Todesopfer. Laut Staatsanwaltschaft und Polizei handelt es sich um eine 51-jährige Frau aus dem Kreis Lüneburg und einen 65-jährigen Mann aus dem Kreis Borken. In der Uniklinik gab es außerdem mehrere Notoperationen. Insgesamt würden vier Schwerstverletzte behandelt, sagte eine Sprecherin.

Bei der Durchsuchung der Wohnung des Amokfahrers fand die Polizei eine nicht brauchbare Maschinenpistole vom Typ AK47, wie es hieß. Die Beamten hätten nur eine Dekorationswaffe und Feuerwerkskörper gefunden. Spezialisten hätten aus Sicherheitsgründen die Wohnungstür aufgesprengt, bevor die Beamten die Räume hätten untersuchen können. Am Samstagabend waren in Münster wiederholt Explosionsgeräusche zu hören gewesen.

Auch unmittelbar nach der Amokfahrt hatten sich die Einsatzkräfte dem Campingbus mit großer Vorsicht genähert, da Beamte Drähte sahen, die ins nicht einsehbare Fahrzeuginnere führten.

Experten des Landeskriminalamts aus Düsseldorf hätten dann das Fahrzeug auf mögliche Gefahren ausgiebig untersucht und letztlich Entwarnung gegeben. Ermittler fanden im Wagen die Waffe, mit der sich der Täter erschossen hatte, sowie eine Schreckschusswaffe und rund ein Dutzend Feuerwerkskörper.

Die Polizei lobte das besonnene Verhalten der Menschen. «Die Polizei konnte die notwendigen Maßnahmen schnell und reibungslos treffen», erklärte der Einsatzleiter, Polizeidirektor Martin Fischer. «Alle haben sich vorbildlich verhalten und den Tatortbereich sehr schnell verlassen.»

Das Bundeskriminalamt richtete im Internet für Zeugen ein Hinweisportal ein: Unter der Adresse könnten Videos oder Fotos, die im Zusammenhang mit der Tat stehen, hochgeladen werden. Nach Angaben der Polizei laufen inzwischen viele Hinweise ein.

Zum Stand der Untersuchungen erklärte Fischer: «Allein die Tatortaufnahme wird viel Zeit in Anspruch nehmen.» Und weiter: «Wir brauchen Zeit, die Spuren auszuwerten und die Ergebnisse der Ermittlungen zusammenzuführen.»

Am Sonntag gedachten Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) und Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) der Opfer der Amokfahrt. Der Samstag sei «ein schrecklicher, ein trauriger Tag für die Menschen in Münster» gewesen, aber auch für ganz Nordrhein-Westfalen und Deutschland, sagte Laschet in der Nähe des Tatorts. Die Gedanken seien bei den Angehörigen der Opfer und den Verletzten, die teils noch um ihr Leben ringen.

Seehofer sprach von einem «feigen und brutalen Verbrechen». Er sei nach Münster gekommen, um Solidarität und Anteilnahme der Bundesregierung zum Ausdruck zu bringen, «insbesondere der Bundeskanzlerin». Er dankte Polizei, Sicherheits- und Rettungskräften, die «absolut professionell» gearbeitet hätten. Auch die Medien lobte der Minister für ihr besonnenes Vorgehen bei der Berichterstattung.

Eine völlige Sicherheit sei nicht möglich, doch man müsse alles versuchen, «um solche Verbrechen, die man gar nicht für möglich halten möchte, in der Zukunft weiter zu mindern oder vielleicht sogar zu verhindern», sagte Seehofer. Es gebe starke Hinweise auf einen Einzeltäter und darauf, dass es keinen Bezug zur «Terrorszene» gebe, aber es werde in alle Richtungen ermittelt.

Laschet lobte die Besonnenheit und Solidarität der Münsteraner nach der Tat. Es würde sich wünschen, dass «diese besondere Münsteraner Erfahrung einer Friedenstadt» auch diejenigen erreicht hätte, die «ganz schnell bei Twitter und anderswo wieder das Hetzen begonnen haben.» Für die Opfer sei die Religion der Täter egal, sie hätten einen Menschen verloren. «Und diesen Respekt sollte man immer im Blick haben.»

@ dpa.de

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