Gesundheit, Krankheiten

Steigende Infektionszahlen im Herbst und Winter waren zu erwarten.

04.11.2021 - 17:04:01

Corona-Pandemie - Sorge vor vierter Welle - Merkel mahnt zu erhöhter Vorsicht. Doch reichen Appelle und die bekannten Regeln, um die Pandemie unter Kontrolle zu halten? Die Kursbestimmung ist gerade nicht leicht.

BERLIN/LINDAU - Die vierte Corona-Welle in Deutschland hat bisher nicht gekannte Höhen erreicht: Die Gesundheitsämter meldeten einen Rekordwert von 33 949 Neuinfektionen binnen eines Tages - so viele wie noch nie im Verlauf der Pandemie. Das gab das Robert Koch-Institut (RKI) am Donnerstag bekannt. Es blieb vorerst offen, inwiefern der Feiertag Allerheiligen eine Rolle bei der Erfassung spielte. Über zusätzlichen Schutz vor allem für gefährdete ältere Menschen im Winter beraten die Gesundheitsminister von Bund und Ländern bis Freitag bei einer Konferenz in Lindau. Im Blick stehen Testvorgaben für Pflegeheime und mehr Auffrischungsimpfungen.

Die Lage: Im Herbst stecken sich wie erwartet wieder deutlich mehr Menschen an. Bundesweit stieg die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner in sieben Tagen laut RKI auf 154,5. Damit hat sich der Wert innerhalb von 16 Tagen in etwa verdoppelt. Es gibt aber weiter regionale Unterschiede: In Sachsen und Thüringen liegt die Sieben-Tage-Inzidenz über 330, in Schleswig-Holstein und im Saarland unter 80. Der bundesweite Höchstwert lag im bayerischen Landkreis Miesbach: 715,7. Fachleute weisen darauf hin, dass wegen rund zwei Drittel vollständig geimpfter Einwohnern das Gesundheitssystem mehr Fälle bewältigen kann. Denn Geimpfte haben seltener schwere Symptome. Die Zahl der Corona-Patienten auf Intensivstation stieg schon auf über 2200. Bisheriger Höchststand waren mehr als 5700 im Januar.

Die Infektionstreiber: Experten sehen verschiedene Gründe für mehr Ansteckungen. So gibt es akut weniger Beschränkungen im öffentlichen Leben: Schulen und Kitas sind geöffnet, private Zusammenkünfte und auch größere Veranstaltungen sind möglich. Zudem verlagert sich das Leben in der kälteren Jahreszeit wieder mehr nach drinnen, wo die Infektionsgefahr durch die dominierende, ansteckendere Delta-Variante größer ist. Zudem schwächt sich der Immunschutz nach einigen Monaten ab. Geimpfte sind dann anfälliger für eine Infektion, auch wenn sie weiterhin gut vor einem schweren Verlauf geschützt sind.

Die "Booster": Um mehr Tempo in Auffrischungsimpfungen zu bekommen, wollen der geschäftsführende Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und Ärzteverbände mit einer einheitlicheren Linie dafür werben. Eine solche Impf-Verstärkung ("Booster") soll allen angeboten werden, die vor sechs Monaten ihre Impfserie abgeschlossen haben, wie es nach einer Videokonferenz aus Teilnehmerkreisen hieß. Insbesondere sollten Ältere, medizinisches Personal und Immunschwache "geboostert" werden. Zuletzt hatte es Diskussionen gegeben, wie groß der Kreis sein soll. Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt sie vorerst in engerem Rahmen unter anderem ab 70, worauf sich auch Ärztevertreter bezogen. Laut einer Umfrage des RTL/ntv-"Trendbarometers" wollen 70 Prozent der bereits vollständig Geimpften eine dritte Impfung bekommen.

Die Bedingungen für Auffrischungen: Die Sechs-Monats-Frist erreiche zunächst Menschen, die ohnehin nach der damaligen Vorrang-Reihenfolge geimpft wurden, hieß es zur Erläuterung - kalendarisch also, wenn man bis Anfang Mai seine Zweit-Impfung bekommen hat. In Frage kämen schon jetzt mehr als zehn Millionen Menschen. "Booster" erhalten haben laut RKI bisher aber nur 2,36 Millionen. Es müsse gelingen, "vor die Lage" zu kommen, sagte der Vorsitzende der Länderminister, Klaus Holetschek (CSU), aus Bayern. Niedersachsens Ressortchefin Daniela Behrens (SPD) kritisierte den Vorlauf von 14 Tagen für Impfstoff-Bestellungen der Praxen. Spahn müsse rasch "pragmatischere Vereinbarungen" mit dem Arzneigroßhandel treffen, sagte sie der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

Die Pflege: Corona-Ausbrüche in Pflegeheimen haben auch die Politik alarmiert. Der Bund dringt auf flächendeckende Testpflichten für Personal und Besucher, auch für Geimpfte. Ein Beschlussentwurf aus Länderkreisen sieht vorerst nur vor, dass Bund und Länder "darauf hinwirken, dass ein ausreichendes Testangebot in den Einrichtungen vorgehalten wird". Baden-Württembergs Ressortchef Manne Lucha (Grüne) forderte eine Impfpflicht fürs Personal: "Nachdem wir lange auf Appelle und die Einsicht der Menschen gesetzt haben, ist jetzt der Zeitpunkt gekommen." Spahn hatte sich zurückhaltend dazu geäußert - auch aus Sorge, dass Pflegekräfte weggingen. Holetschek sprach sich vorerst dagegen aus. Man werde die Lage aber "genau beobachten".

Das weitere Vorgehen: Offen war weiterhin, ob es bald auch noch eine Bund-Länder-Spitzenrunde gibt - die geschäftsführende Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat das wiederholt angeboten, zunächst sollen nun aber die Beschlüsse der Gesundheitsminister am Freitag abgewartet werden. Zu klären ist auch eine neue Rechtsbasis für Corona-Maßnahmen im Winter. Wie auch von Spahn befürwortet, wollen die möglichen künftigen Regierungspartner SPD, Grüne und FDP die bisherige gesetzliche Sonderlage zum 25. November enden lassen - aber nicht als Entwarnungssignal. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) nannte die angepeilte Ersatzlösung "eher eine Hilfskrücke".

@ dpa.de

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