Konflikte, Deutschland

Seit der Entlassung Deniz Yücels aus türkischer Haft ist die Krise zwischen Berlin und Ankara abgeflaut.

13.04.2018 - 15:36:05

Unklarheit über Gründe - Vermutlich weiterer Deutscher in der Türkei festgenommen. Dabei sind in der Türkei immer noch Deutsche hinter Gittern - nun vermutlich sogar noch einer mehr.

Istanbul (dpa) - Knapp zwei Monate nach der Freilassung des «Welt»-Korrespondenten Deniz Yücel soll in der Türkei ein weiterer deutscher Staatsbürger festgenommen worden sein. «Wir gehen derzeit von einer Festnahme Adil Demircis aus», hieß es aus dem Auswärtigen Amt in Berlin.

«Eine Bestätigung der türkischen Behörden über eine Festnahme steht aber noch aus», hieß es weiter. Man gehe davon aus, dass Demirci deutscher Staatsbürger sei.

Die bis vergangenen Dezember in der Türkei inhaftierte deutsche Journalistin Mesale Tolu schrieb auf Twitter, Adil Demirci «ist sowohl türkischer als auch deutscher Staatsbürger und war nur zum Urlaub in der Türkei». Demirci gehöre zu drei Mitarbeitern der linken Agentur Etha, die in der Nacht zum Freitag bei Polizeirazzien in Istanbul festgenommen worden seien.

Auch Tolu arbeitete bis zu ihrer Inhaftierung im April 2017 für die Etha. Sie war im Dezember aus der Untersuchungshaft entlassen worden, darf die Türkei aber nicht verlassen. Aus Demircis Umfeld hieß es, er lebe in Köln und sei Sozialwissenschaftler. Er wäre eigentlich am Samstag zurück nach Deutschland gereist. Demirci habe aus Deutschland frei für die Etha berichtet.

Aus dem Auswärtigen Amt hieß es: «Das Generalkonsulat versucht, mit Herrn Demirci in Kontakt zu treten, um ihn konsularisch betreuen zu können. Das Generalkonsulat steht mit der Familie und den türkischen Behörden in Kontakt.» Man kenne den Festnahmegrund nicht. «Insofern zählen wir Herrn Demirci derzeit nicht zu den deutschen Staatsangehörigen, die politisch inhaftiert sind.»

Aus politischen Gründen sind derzeit nach Angaben des Auswärtigen Amtes noch vier Bundesbürger in der Türkei in Haft. Bei einem davon handelt es sich um den 73-jährigen Doppelstaatsbürger Enver Altayli, die Namen der anderen drei sind nicht bekannt.

Altaylis Tochter Zehra Der sagte der Deutschen Presse-Agentur in Istanbul am Freitag, die Familie sei über den sich verschlechternden Gesundheitszustands des Vaters besorgt. Altayli leide an einer Schilddrüsen-Überfunktion. «Die Medikamente schlagen nicht mehr an, seine Werte sind sehr schlecht.» Ärzte befürchteten, dass die erhöhten Werte «unter anderem zu schwerwiegenden lebensbedrohlichen Herzproblemen» führen könnten.

Zehra Der sagte: «Meinem Vater geht es schlecht. Er müsste eigentlich stationär im Krankenhaus behandelt werden.» Die Behörden hätten allerdings zwei Anträge abgelehnt, ihn in ein Krankenhaus zu bringen. Sie hielten seinen Zustand nicht für ernst genug.

Im vergangenen Jahr war es wegen der Inhaftierung mehrerer Deutscher zu einer schweren Krise zwischen Berlin und Ankara gekommen. Altayli wurde am 20. August in Antalya festgenommen, wo die Familie eine Ferienanlage betreibt. Sechs Tage später wurde U-Haft wegen Terrorvorwürfen gegen ihn verhängt. Er sitzt im Hochsicherheitsgefängnis Sincan in Ankara. Seine Tochter sagte, die Familie stehe weiter in Kontakt mit der deutschen Botschaft.

Altayli wird verdächtig, für die Bewegung des in den USA lebenden Predigers Fethullah Gülen Straftaten begangen zu haben. Altayli weist alle Vorwürfe zurück. Die türkische Regierung macht Gülen für den Putschversuch vom Juli 2016 verantwortlich.

Der «Welt»-Korrespondent Deniz Yücel war im Februar nach mehr als einem Jahr aus der U-Haft entlassen worden. Er reiste anschließend nach Deutschland aus. Das Auswärtige Amt warnt weiterhin vor willkürlichen Festnahmen in der Türkei.

@ dpa.de

Weitere Meldungen

Bundesregierung hebt Obergrenze für Türkei-Bürgschaften auf. Das Wirtschaftsministerium bestätigte, dass die Deckelung der sogenannten Hermes-Bürgschaften bei 1,5 Milliarden Euro aus dem vergangenen Jahr wieder entfällt. Man werde die eingehenden Anträge aber «sehr umfassend und intensiv im Einzelfall» prüfen, sagte eine Sprecherin. Seit der Freilassung des deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel im Februar hat sich die Lage wieder etwas entspannt. Berlin - Für die staatliche Absicherung deutscher Exporte in die Türkei wird es in diesem Jahr keine Obergrenze mehr geben. (Politik, 21.07.2018 - 01:46) weiterlesen...

«Erhöhtes Festnahmerisiko» - Auswärtiges Amt entschärft Reisehinweise für die Türkei Berlin - Nach den Wahlen und der Aufhebung des Ausnahmezustands in der Türkei hat das Auswärtige Amt die Reisehinweise für das bei deutschen Touristen beliebte Urlaubsland wieder leicht entschärft. (Politik, 20.07.2018 - 20:24) weiterlesen...

Auswärtiges Amt entschärft Reisehinweise für die Türkei. Berlin - Nach den Wahlen und dem Ende des Ausnahmezustands in der Türkei hat das Auswärtige Amt die Reisehinweise für das Land wieder leicht entschärft. Es warnt nicht mehr explizit vor willkürlichen Festnahmen in allen Landesteilen einschließlich der Urlaubsgebiete. Das Ministerium weist aber immer noch ganz allgemein darauf hin, dass es ein «erhöhtes Festnahmerisiko» gebe. Am 24. Juni wurde in der Türkei Präsident Erdogan wiedergewählt. Danach wurden die Reisehinweise zwei Mal überarbeitet. Auswärtiges Amt entschärft Reisehinweise für die Türkei (Politik, 20.07.2018 - 20:14) weiterlesen...

Puigdemont: Auslieferungshaftbefehl aufgehoben. Das Oberlandesgericht Schleswig-Holstein hat den Auslieferungshaftbefehl gegen den 55-Jährigen laut einer Sprecherin auf Antrag der Generalstaatsanwaltschaft aufgehoben. Damit ist das Auslieferungsverfahren in Deutschland beendet. Das Oberste Gericht in Madrid hatte gestern mitgeteilt, auf eine Auslieferung des im Frühjahr in Deutschland festgenommenen Politikers zu verzichten. Schleswig - Der juristische Fall des katalanischen Separatistenführers Puigdemont in Deutschland ist beendet. (Politik, 20.07.2018 - 14:10) weiterlesen...

Anwalt: Puigdemont will nach Belgien zurück. Der ehemalige katalanische Regionalpräsident hatte sich im Herbst 2017 im Zuge des verbotenen Unabhängigkeitsreferendums in Katalonien bereits einmal nach Brüssel abgesetzt. Das Oberste Gericht in Madrid hatte heute mitgeteilt, auf eine Auslieferung zu verzichten. Der Grund: Das schleswig-holsteinische Oberlandesgericht hatte eine Auslieferung wegen des Verdachts der Veruntreuung für zulässig erklärt, nicht aber wegen Rebellion - dem Hauptvorwurf der spanischen Justiz. Brüssel - Carles Puigdemont will laut seinem Anwalt in der kommenden Woche nach Belgien zurückkehren. (Politik, 19.07.2018 - 18:26) weiterlesen...

Zorn auf Deutschland - Punktsieg Puigdemonts: Spanien verzichtet auf Auslieferung. Die Justiz in Madrid verzichtet auf die Auslieferung des katalanischen Separatistenchefs. Die Sache ist für Deutschland damit eigentlich erledigt. Doch der Zorn auf Deutschland und auf die deutsche Justiz ist in Spanien groß. Spanien will Puidgemont nun doch nicht haben. (Politik, 19.07.2018 - 17:36) weiterlesen...