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Mittelbayerische Zeitung

Regensburg - Die Kritik am Bundesgesundheitsminister kennt derzeit wenig Grenzen.

16.03.2021 - 21:02:21

Das Vertrauen steht auf der Kippe / Nach dem Astrazeneca-Desaster steht fest: Der Staat muss endlich aufh?ren, morgens etwas zu verk?nden, abends dann aber anders zu handeln. Von Markus Decker

Regensburg - Die Kritik am Bundesgesundheitsminister kennt derzeit wenig Grenzen. Aus Jens Spahn - dem Super-Helden, dem Fast-CDU-Vorsitzenden und Fast-Kanzlerkandidaten der Union - ist der "Gott sei bei uns" der deutschen Corona-Politik geworden, der m?glichst schnell ersetzt geh?rt - am besten durch einen anderen Super-Helden namens Karl Lauterbach, SPD. Der neue Hashtag bei Twitter lautet entsprechend: "Wir wollen Karl." So verst?ndlich der Zorn angesichts des Astrazeneca-Desasters ist, so vordergr?ndig ist er auch.Richtig ist, dass die sogenannte Performance des 40-j?hrigen Gesundheitsministers lange schon besser war als seine Politik. Am Ende war nicht mal mehr die Performance ?berzeugend. Das Chaos mit den Schnelltests - die Jens Spahn vollmundig ank?ndigte und die dann doch nicht kamen - geht allein auf des Ministers Kappe. Und dass er in der Hochphase der Pandemie noch Zeit und Chuzpe hatte, unter Nicht-Beachtung der Corona-Regeln Spendengelder f?r seine Partei einzusammeln, ist ebenso unbegreiflich wie unverzeihlich. Unbegreiflich ist auch, dass Spahn vormittags im CDU-Pr?sidium dazu aufrief, Fortschritte bei der Impfkampagne zu preisen und nachmittags Astrazeneca f?rs Erste aus dem Verkehr zog.Nur: Dass er den Impfstoff vorerst aus dem Verkehr zog, war richtig. Denn es hie? ja von Beginn an, man m?sse die Vakzine einer strengen Kontrolle unterziehen, um ihre Akzeptanz zu erhalten. Eben das geschieht jetzt. Ferner folgt Deutschland aktuell lediglich dem Beispiel anderer L?nder. Und schlie?lich w?re Jens Spahn ab Montag f?r jeden "Astrazeneca-Toten" haftbar gemacht worden, wenn er anders gehandelt h?tte.Karl Lauterbach im ?brigen in allen Ehren: Der SPD-Gesundheitsexperte ist gewiss kenntnisreicher als Spahn und ein guter Mann. Freilich hat er dessen Corona-Politik ?ber weite Strecken mitgetragen. Zudem lebt Lauterbachs Nimbus davon, dass er wie ein unabh?ngiger Experte Ratschl?ge gibt, ohne dass diese Ratschl?ge stets alle auf ihre Realisierbarkeit gepr?ft w?rden. Nebenbei bemerkt ist er in der SPD-Bundestagsfraktion weder gesundheitspolitischer Sprecher noch der f?r die Gesundheitspolitik zust?ndige stellvertretende Fraktionsvorsitzende. Das sind zwei Frauen, die - mit Verlaub - au?erhalb des Berliner Regierungsviertels niemand kennt. Die Hoffnung auf neues Personal ist ohnehin immer auch ein St?ck Projektion. Denn die objektiven Probleme bleiben ja.Ein letzter Punkt kommt hinzu: Nirgends in Europa - au?er in Gro?britannien - l?uft es mit Corona richtig gut. Dabei l?uft es in Gro?britannien auch nur deshalb "gut", weil dort - Achtung Pointe! - Astrazeneca millionenfach zur Anwendung kam. ?berhaupt stellt sich die Frage, warum ein Impfstoff, der in der EU zentral zugelassen wurde, nicht auch zentral wieder vom Markt genommen wird, wenn die Lage es erfordert.Aus all dem folgt zweierlei: Es muss rasch gekl?rt werden, wie sch?dlich oder n?tzlich das Vakzin tats?chlich ist. Im Zweifel muss man den B?rgern vielleicht selbst die G?terabw?gung ?berlassen. Das w?re unter normalen Umst?nden zwar mit Recht ausgeschlossen. Doch was ist heute noch normal?Zuallererst aber muss eines endlich aufh?ren: Dass morgens von Staats wegen das Eine gesagt und abends das Andere gemacht wird, wie es seit Monaten geschieht. Der Staat darf nur noch versprechen, was er halten kann. Alles andere ist mutwillige Zerst?rung von Vertrauen. Es geht ja l?ngst nicht mehr allein um Corona. Es geht um den Glauben an die Handlungsf?higkeit des Staates. Dass dieser Glaube auf breiter Front verloren zu gehen droht, ist weitaus gef?hrlicher als die Pandemie.

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