Entlastungspaket, Strompreise

Mit weiteren rund 65 Milliarden Euro will die rot-grün-gelbe Koalition die steigenden Preise abfedern.

05.09.2022 - 04:23:59

Koalition wirbt für Entlastungspläne. Kritiker sehen aber viele offene Fragen - oder halten das Paket gleich für ungenügend.

  • Angst vor explodierenden Energiepreisen: Um hohe Nachzahlungen zu vermeiden, wollen viele Verbraucherinnen und Verbraucher in diesem Winter weniger heizen. - Foto: Jens Büttner/dpa

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  • Bundeskanzler Olaf Scholz und sein Kabinett werben für das neue Entlastungspaket. - Foto: Michael Kappeler/dpa

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  • Bundeskanzler Olaf Scholz und seine Regierung werben für das neue Entlastungspaket. - Foto: Michael Kappeler/dpa

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Angst vor explodierenden Energiepreisen: Um hohe Nachzahlungen zu vermeiden, wollen viele Verbraucherinnen und Verbraucher in diesem Winter weniger heizen. - Foto: Jens Büttner/dpaBundeskanzler Olaf Scholz und sein Kabinett werben für das neue Entlastungspaket. - Foto: Michael Kappeler/dpaBundeskanzler Olaf Scholz und seine Regierung werben für das neue Entlastungspaket. - Foto: Michael Kappeler/dpa

Nach der Ampel-Einigung auf ein milliardenschweres neues Entlastungspaket werben führende Koalitionspolitiker für die Pläne. Entscheidend sei das Ergebnis, «und ich denke, das überzeugt», sagte Bundesfinanzminister und FDP-Chef Christian Lindner in den ARD-«Tagesthemen» mit Blick auf die langen Verhandlungen.

Aus der Opposition kommt dagegen scharfe Kritik - und zwei große Bundesländer pochen auf Mitsprache: Die Regierungschefs von Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg, Hendrik Wüst (CDU) und Winfried Kretschmann (Grüne), forderten eine baldige Ministerpräsidentenkonferenz mit Kanzler Olaf Scholz (SPD).

Das Entlastungspaket habe massive Auswirkungen auf die Länderhaushalte, sagte Kretschmann der Deutschen Presse-Agentur. Deswegen müssten die Länder darüber dringend mit dem Bund sprechen. Wüst, aktuell Vorsitzender der Ministerpräsidentenkonferenz, sagte den Zeitungen der Mediengruppe Bayern: «Wenn die Länder mit bezahlen sollen, müssen sie auch mit entscheiden können.» Es gebe noch viele offene Fragen. «Darüber sollte sehr zeitnah bei einer Ministerpräsidentenkonferenz mit dem Bundeskanzler beraten werden.»

9-Euro-Ticket-Nachfolger soll zwischen 49 und 69 Euro kosten

Die Ampel-Koalition hatte sich am Sonntag auf ein drittes Entlastungspaket verständigt, dessen Umfang die Regierung auf etwa 65 Milliarden Euro beziffert. Es umfasst unter anderem Direktzahlungen für Rentner und Studierende, Steuererleichterungen und eine Erhöhung der Regelsätze in der Grundsicherung sowie des Kindergelds. Geplant ist auch eine Strompreisbremse für einen gewissen Basisverbrauch.

Zudem strebt die Ampel einen bundesweit gültigen Nachfolger für das 9-Euro-Ticket im Nahverkehr an, und zwar in der Preisspanne von 49 bis 69 Euro pro Monat. Der Bund will 1,5 Milliarden Euro dafür zuschießen, wenn die Länder mindestens ebenso viel zahlen.

Auf Twitter schrieb Finanzminister Lindner, man arbeite an Schätzungen zu den Entlastungen: Eine vierköpfige Familie mit 31.000 Euro Jahreseinkommen werde um 1500 Euro entlastet, bei 66.000 Euro Einkommen seien es 1000 Euro. «Das zeigt: Die Maßnahmen wirken nicht nur z.B. bei der Grundsicherung, sondern auch in der «arbeitenden Mitte»», so Lindner.

CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt kritisierte dagegen, der Ampel-Kompromiss sei «unkonkret, unvollständig und ungenügend». «Notwendige Maßnahmen gegen die Energiepreisexplosion bleiben ungelöst», sagte er der Deutschen Presse-Agentur: «keine Entscheidung zum Weiterbetrieb der Kernkraftwerke, keine Entscheidung zur Reduzierung der Gaspreise, keine Entscheidung zum Stopp der Gasumlage, keine Klarheit bei der Dämpfung der Energiekosten, weder an der Zapfsäule noch beim Gas, noch beim Strom».

Lindner warb auch für die Pläne zum Abschöpfen sogenannter Zufallsgewinne von Stromproduzenten. «Ich bin sehr dafür, dass wir am Strommarkt (...) den Rendite-Autopiloten abschalten», sagte er in der ARD. «Konkret geht's ja darum, dass die Produzenten zum Beispiel von Windstrom so bezahlt werden, als hätten sie teures Gas eingekauft. Das muss abgeschaltet werden.»

«Zufallsgewinne» von Energieunternehmen abschöpfen

Die Ampel will «Zufallsgewinne» von Energieunternehmen infolge extrem hoher Strompreise teilweise abschöpfen und damit die geplante Strompreisbremse finanzieren. Hintergrund: Der Preis am Strommarkt richtet sich nach den Kosten des teuersten Kraftwerks, das aktuell für die Stromerzeugung benötigt wird. Derzeit sind das die Gaskraftwerke.

«Die Produktionskosten ändern sich jedoch für die meisten Stromproduzenten - etwa die Erneuerbaren, Kohle- oder Atomstrom - nicht», heißt es im Ergebnispapier - dadurch entstünden für diese derzeit enorme Gewinne. Angedacht ist nun eine Erlösobergrenze.

Im «Heute Journal» des ZDF betonte Lindner, es gehe nicht um eine Übergewinnsteuer. Eine solche Steuer für Energiekonzerne hatten SPD und Grüne gefordert, die FDP lehnte sie jedoch ab. «Es geht da um den Preis pro Kilowattstunde, es geht da nicht um den Gewinn eines Unternehmens», erläuterte der Finanzminister die Koalitionspläne in der ARD. «Eine Übergewinnsteuer hingegen, die hätte Willkür in unser Steuersystem gebracht.»

Kühnert: «Das muss jetzt zackig gehen»

SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert sicherte bei den Strommarkt-Plänen Tempo zu: «Das muss jetzt zackig gehen. Wir suchen kurzfristig eine gemeinsame Lösung auf europäischer Ebene, das läuft bereits», sagte er den Zeitungen der Neuen Berliner Redaktionsgesellschaft. «Wenn wir keinen europäischen Weg finden, was ich nicht glaube, dann setzen wir die Gewinnabschöpfung national um.» So oder so könnten die Deutschen sich darauf verlassen, dass die Preisbremse komme.

Der Wirtschaftswissenschaftler Michael Hüther äußerte sich kritisch zu diesem Vorhaben. «Die Besteuerung der Zufallsgewinne bleibt ebenso unkalkulierbar wie die daraus folgende Entlastung der Stromkunden», sagte der Direktor des arbeitgebernahen Instituts der Deutschen Wirtschaft der «Rheinischen Post» (Montag). «Alles in allem: vage Lösung, deren Volumen und Wirkung unklar bleibt.»

@ dpa.de