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Allgemeine Zeitung Mainz

Mainz - Nehmen Sie auch wahr, wie sehr diese Pandemie polarisiert? Und die mangelnde Aussicht auf Besserung in einem langen Winter polarisiert noch viel mehr.

20.11.2020 - 20:57:12

Im Zweifel / Leitartikel von Friedrich Roeingh zur Ungewissheit in der Pandemie. Wir k?nnen doch nicht alles lahmlegen? - sagen die einen.

Mainz - Nehmen Sie auch wahr, wie sehr diese Pandemie polarisiert? Und die mangelnde Aussicht auf Besserung in einem langen Winter polarisiert noch viel mehr. Wir k?nnen doch nicht alles lahmlegen? - sagen die einen. Verstehen die nicht, dass es einen harten Schnitt braucht, weil sonst alles noch viel schlimmer und langwieriger wird? - sagen die anderen. Und auf uns prasseln diese Positionen ja nicht nur ein. Wenn wir ehrlich sind, w?ten sie in den meisten von uns selbst. Heute neigen wir zu der einen Seite, morgen zu der anderen. Wir sind im st?ndigen Selbstgespr?ch - ohne zu einem klaren Ratschluss zu kommen. Und h?ufig, ohne uns das selbst einzugestehen.

Wird der Gesundheitsschutz nicht verabsolutiert? Warum vermeide ich dann selbst, mit dem Bus zu fahren? Sterben die Alten an Corona oder mit Corona - und ist ihre Vereinsamung nicht viel schlimmer als das eine oder andere Opfer? Ach so, die ?rzte m?ssen tats?chlich bald entscheiden, wen sie retten und wen nicht? Verlieren wir mit den ganzen Verboten nicht das Wichtigste: Die Bereitschaft der Leute mitzumachen? Oder sind h?rtere Strafen und Kontrollen die einzige Form der Kommunikation, die manche Leute verstehen? Oder gilt etwa beides? Warum k?nnen sich Bund und L?nder nicht endlich mal auf eine klare Linie einigen? Oder w?re es nicht zwingend, den Streit auch noch in den Parlamenten auszutragen? Machen die das in Taiwan, in Japan und in S?dkorea nicht viel besser als wir? Oder liegt es eher daran, dass diese Gesellschaften ganz anders ticken? M?ssen wir unsere individuellen Freiheitsrechte verteidigen? Oder sollen wir sie nicht besser ein einziges Mal hintanstellen?

Wir schwanken dabei nicht nur hin und her, wir ?berf?hren uns auch regelm??ig der eigenen Fehleinsch?tzungen. Was hat uns das Gefasel von der zweiten Welle genervt: "Angstmacherei!" Von wegen. Wir haben uns f?r eine Corona-Warn-App stark gemacht, die unsere Entscheidungsfreiheit nicht tangiert - jetzt schwant uns, dass ausgerechnet der Datenschutz das einzige Freiheitsrecht in der Pandemie ist, das wir f?lschlicherweise zum absoluten Tabu erkl?rt haben. Wir haben aufgeschrien, als Theater und Museen geschlossen wurden. Inzwischen fragen wir uns, ob denn die Schulen offenbleiben k?nnen. Es ist allerdings leichter, sich aufzuregen, den anderen der ?berzogenen oder der sorglosen Position zu schelten, als die eigene Verunsicherung zuzugeben.

Dabei ist in einer Situation wie dieser Demut besser als Zorn und Schlaumeierei. Ein wenig Achtung vor denen, die die B?rde der Entscheidungen auf sich nehmen, ist besser als der bequeme Ruf nach anderen, die es angeblich besser k?nnten. In jedem Fall ist das Schl?sse-aus-Fehlern-ziehen besser als das "Ich hab's doch gewusst". Das hei?t nicht, dass wir uns fatalistisch unserem Schicksal ergeben sollten, dass wir das Suchen und den Streit um die wahrscheinlich richtigen Entscheidungen den anderen ?berlassen sollten. Gerade jetzt bitte nicht. Das hei?t auch nicht, dass Medien nicht mehr Fehlentscheidungen ausleuchten sollen - auch wenn sie diese vorher selbst nicht erkannt haben. Das ist schlicht ihre Aufgabe. Grunds?tzlich aber tun wir gut daran, uns den Imperativ der Selbstgewissheit abzutrainieren: Mehr Suchen und Zweifeln als eilfertige Ratschl?ge erteilen. Und sich engagierter f?r die Verlierer dieser andauernden Naturkatastrophe einsetzen - nicht nur politisch, nicht nur medial, sondern im eigenen Umfeld auch ganz pers?nlich.

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