Kriminalität, Geheimdienste

London und Moskau liefern sich einen heftigen Schlagabtausch im Fall Skripal.

06.04.2018 - 15:35:24

Moskau weist Vorwurf zurück - Zeitung: Skripal-Gift kommt aus russischem Labor in Schichan. Aber noch immer liegen keine klaren Beweise auf dem Tisch. Erste Politiker sehen den Frieden in Europa in Gefahr.

Salisbury/London/Moskau - Mehr als einen Monat nach dem Giftanschlag geht es dem ehemaligen russischen Doppelagenten Sergej Skripal deutlich besser. Das berichteten seine Ärzte in der südenglischen Kleinstadt Salisbury.

«Er spricht gut auf die Behandlung an, seine Gesundheit verbessert sich schnell, und er ist nicht mehr in kritischem Zustand», teilten die Mediziner mit.

Sergej Skripal und seine Tochter Julia waren am 4. März bewusstlos auf einer Parkbank im südenglischen Salisbury entdeckt worden. Die 33-jährige hatte sich am Donnerstag erstmals seit dem Attentat öffentlich zu Wort gemeldet und von Fortschritten bei ihrer Genesung berichtet. Sie äußerte sich in ihrem von Scotland Yard verbreiteten Schreiben aber weder zum Gesundheitszustand ihres Vaters noch zu eventuellen Motiven oder Beobachtungen kurz vor der Tat.

Wann Julia Skripal aus der Klinik entlassen wird, wollte die Ärztin am Freitag nicht sagen. Sie bitte alle, die Privatsphäre zu achten.

Das bei dem Anschlag verwendete Nervengift stammt einem Bericht zufolge aus einer russischen Militärforschungsanlage in Schichany. Dort seien kleinere Mengen des Kampfstoffs Nowitschok gelagert worden, berichtete die britische Zeitung «The Times» am Freitag. Die Einrichtung liegt im Gebiet Saratow an der Wolga.

Geheimdienstinformationen wiesen klar auf Schichany hin, sagte der britische Chemiewaffen-Experte Hamish de Bretton-Gordon der Zeitung. Die dort gelagerten Mengen seien ausreichend für Attentate, aber zu gering für militärische Einsätze gewesen. Es gebe keine Hinweise darauf, dass das Gift aus anderen Laboratorien der früheren Sowjetunion stamme, etwa aus der Ukraine oder Usbekistan.

Der Kreml wies den Bericht umgehend zurück. «Alle Standorte, an denen Chemiewaffen gelagert wurden, sind bekannt. Schichany gehört nicht dazu», sagte Michail Babitsch, der Kremlvertreter im Förderationskreis Wolga, der Agentur Interfax. Russland hat nach eigener Darstellung alle seine Chemiewaffen zwischen 2002 und 2017 vernichtet. Die Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) habe dies bezeugt, hatten die Behörden zuletzt mehrfach betont.

In Schichany befindet sich eine Niederlassung des Forschungsinstituts Gosniiocht. Nach eigener Darstellung befasst sich die Einrichtung mit Sicherheitsfragen im Chemiebereich und hatte Technologien zur Vernichtung von C-Waffen entwickelt. Schichany mit rund 6000 Einwohnern liegt etwa 800 Kilometer südöstlich von Moskau.

Der Vorsitzende des Deutsch-Russischen Forums, Matthias Platzeck (SPD), sieht angesichts des schwelenden Konflikts den Frieden in Europa in Gefahr. «Wir treiben auf einen gefährlichen Tiefpunkt zu. Die militärische Gefahr hat sich deutlich verschärft, die Lage ist explosiver als zu Zeiten des Kalten Krieges», sagte der frühere brandenburgische Ministerpräsident der «Märkischen Allgemeinen» (Freitag). «Es geht um den Frieden in Europa.»

Auch bei einer auf Bitten Moskaus kurzfristig einberufenen Sitzung des UN-Sicherheitsrats in New York war es am Donnerstagabend zu einem heftigen Schlagabtausch zwischen beiden Ländern gekommen. «Wir haben unseren britischen Kollegen gesagt, dass sie mit dem Feuer spielen und das noch bereuen werden», sagte der russische UN-Botschafter Wassili Nebensja. Die britische UN-Botschafterin Karen Pierce wies das zurück. Das Ganze sei «Teil eines größeren Musters von unverantwortlichem Verhalten Russlands», sagte Pierce.

London bezichtigt den russischen Präsidenten Wladimiar Putin als Drahtzieher des Attentats. Moskau habe das Nowitschok-Gift produziert und für potenzielle Attentate gehortet, warf der britische Außenminister Boris Johnson dem Kreml vor. Der britische Botschafter in Deutschland, Sebastian Wood, sprach im Deutschlandfunk von einem Nowitschok-Geheimprogramm, das Moskau beibehalten habe.

Das Gift war den Ermittlern zufolge wahrscheinlich auf die Türklinke von Skripals Haus geschmiert worden. Das Gebäude war zunächst versiegelt worden. Ein Tierarzt entdeckte später zwei verhungerte Meerschweinchen und eine Katze, die eingeschläfert werden musste.

Skripal, der für den russischen Militärgeheimdienst GRU arbeitete und dem britischen Auslandsgeheimdienst MI6 Informationen weiterleitete, flog 2004 auf. Er wurde in Russland zu 13 Jahren Lagerhaft verurteilt. Im Rahmen eines Gefangenenaustauschs kam er 2010 nach Großbritannien, wo er seitdem in Salisbury lebte.

@ dpa.de

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