Gesundheit, Drogen

Ist der besorgniserregende Trend gestoppt? Nach lÀngerer Zeit werden wieder weniger Drogentote gezÀhlt.

15.05.2018 - 17:50:05

Überdosis und tödlicher Mix - Etwas weniger Menschen sterben an illegalen Drogen. Doch rechnerisch sind es immer noch mehr als drei pro Tag - und neue Substanzen geben RĂ€tsel auf.

Berlin - Oft ist es eine verhĂ€ngnisvolle Überdosis, manchmal ein mysteriöser Mix: Illegale Drogen haben erstmals wieder etwas weniger Menschen in Deutschland das Leben gekostet.

Nach vier Jahren mit Zunahmen in Folge sank die Zahl der Drogentoten 2017 leicht auf 1272, wie die Bundesbeauftragte Marlene Mortler in Berlin bilanzierte. Trotz des RĂŒckgangs um fast fĂŒnf Prozent im Vergleich zu 2016 sieht sie aber keinen Grund zur Entwarnung - im Gegenteil. Zu schaffen machen Experten auch neue, schwer analysierbare Substanzen.

Hauptursache fĂŒr einen Drogentod sind nach wie vor Überdosierungen von Opioiden wie Heroin und Morphin, wie der Leiter des Instituts fĂŒr Therapieforschung in MĂŒnchen, Ludwig Kraus, erlĂ€uterte. Darauf gingen laut Statistik jetzt 707 TodesfĂ€lle zurĂŒck, nachdem die Zahl im Jahr zuvor bei 789 gelegen hatte. Oft waren auch noch andere Substanzen im Spiel, die zeitgleich oder direkt im Anschluss konsumiert wurden. Bei Kokain und Crack stieg die Zahl der Toten dagegen nun von 71 auf 87.

Mit Sorge beobachten Fachleute eine immer grĂ¶ĂŸere Palette neuer meist synthetischer Wirkstoffe, die teils auch noch unter falschen Angaben angeboten werden. Keiner wisse so genau, was in neuen psychoaktiven Stoffen (NPS) drinstecke, sagt Professor Kraus. «Das ist eine Blackbox.» Anders als bei den akuten Vergiftungen stieg die Zahl der AbhĂ€ngigen, die nach LangzeitschĂ€den starben, jetzt von 154 auf 178.

Besonders im Blick stehen weiterhin vor allem MĂ€nner, die schon seit einiger Zeit zu illegalen Substanzen greifen. Rund 85 Prozent aller Drogentoten sind mĂ€nnlich, wobei das Durchschnittsalter mehr und mehr steigt - von 36 Jahren 2008 auf nunmehr 39 Jahre. Eine vergleichbare grĂ¶ĂŸere Risikogruppe unter sehr jungen Leuten machen die Experten zumindest bisher nicht aus: Unter den Drogentoten 2017 waren nur 30 unter 20 Jahre alt - mehr als 900 waren dagegen 30 Jahre und Ă€lter.

Ob sich der RĂŒckgang insgesamt verfestigt, muss sich erst zeigen. Experten sind lieber vorsichtig. Im vergangenen Jahr ging die Zahl der Drogentoten in neun der 16 LĂ€nder zurĂŒck. Mehr wurden in Berlin, Brandenburg, Bremen, Hessen, Niedersachsen und ThĂŒringen registriert - im Saarland blieb die Zahl stabil. Je 100 000 Einwohner die meisten Toten gab es in Berlin, die wenigsten in Mecklenburg-Vorpommern.

Überhaupt sei die etwas positivere Bilanz kein Grund zur Freude, sagt Mortler. Auch die aktuelle Zahl stehe fĂŒr unermessliches Leid und 1272 Lebenswege, die anders verlaufen seien, als man es sich gewĂŒnscht habe. Nötig sei weiter engagierte Vorbeugung, fĂŒr die Kommunen auch genug Geld bereitstellen mĂŒssten. «Es gilt, suchtkranke Menschen noch deutlich frĂŒher zu erreichen als bisher.» Zu oft seien Leben schon aus der Bahn geraten und der Job und die Familie weg. BewĂ€hrt hĂ€tten sich Therapien mit Ersatzstoffen, an die Patienten ĂŒberall leichter herankommen mĂŒssten. AufklĂ€rung gehöre auch in Firmen und Schulen.

Die FDP will auch grundlegend neue AnsĂ€tze. «Die auf Strafverfolgung basierende Drogenpolitik ist gescheitert», sagt der suchtpolitische Sprecher der Bundestagsfraktion, Wieland Schinnenburg. Sinnvoll wĂ€re eine kontrolliert Abgabe etwa von Cannabis in Apotheken und anderen speziell lizensierten Stellen. Die Bundesbeauftragte Mortler lenkt den Blick auch auf legale Drogen wie Tabak und Alkohol und rund drei Millionen Kinder, die in Familien mit Suchtproblemen aufwachsen. «Sucht darf nicht das am besten gehĂŒtete Familiengeheimnis sein.»

@ dpa.de