Energie, Klima

Im Braunkohlerevier Hambacher Forst leben Aktivisten seit Jahren in hohen Baumhäusern, um eine Rodung des Waldes zu verhindern.

13.09.2018 - 09:43:25

Umweltschützer sollen weichen - Hambach-Waldbesetzer werden über Räumung informiert. Nun sollen sie die Hütten verlassen.

  • Hambacher Forst - Foto: Christophe Gateau

    Seit 2012 ist der Hambacher Forst von Aktivisten besetzt. Foto: Christophe Gateau

  • Kontrolle - Foto: Die Polizei kontrolliert auf einer Landstraße in der Nähe des Hambacher Forstes Fahrzeuge. Foto: Henning Kaiser

    Die Polizei kontrolliert auf einer Landstraße in der Nähe des Hambacher Forstes Fahrzeuge. Foto: Henning Kaiser

  • Räumpanzer und Wasserwerfer - Foto: Oliver Berg

    Räumpanzer und Wasserwerfer stehen bereit. Foto: Oliver Berg

  • Barrikade - Foto: Oliver Berg

    Journalisten stehen an einer Barrikade im Hambacher Forst. Foto: Oliver Berg

  • Polizei - Foto: Oliver Berg

    In der Nähe des Waldgebietes formierte die Polizei massive Einsatzkräfte. Foto: Oliver Berg

  • Polizeifahrzeuge - Foto: Oliver Berg

    Die Bauämter der Stadt Kerpen und des Kreises Düren haben bei der Aachener Polizei um Vollzugshilfe gebeten. Foto: Oliver Berg

Hambacher Forst - Foto: Christophe GateauKontrolle - Foto: Die Polizei kontrolliert auf einer Landstraße in der Nähe des Hambacher Forstes Fahrzeuge. Foto: Henning KaiserRäumpanzer und Wasserwerfer - Foto: Oliver BergBarrikade - Foto: Oliver BergPolizei - Foto: Oliver BergPolizeifahrzeuge - Foto: Oliver Berg

Kerpen - Im Braunkohlerevier Hambacher Forst räumen die Behörden heute die symbolträchtigen Baumhäuser der Umweltaktivisten. Für die Polizei hat einer der größten Einsätze in der jüngeren NRW-Geschichte begonnen.

Wasserwerfer und schweres Räumgerät sind im Einsatz. Mitarbeiter der zuständigen Stadt Kerpen informierten die Baumbesetzer per Lautsprecher über den Räumungsbeschluss und forderten sie auf, die Baumhäuser innerhalb von 30 Minuten zu verlassen. «Wenn sie dann nicht freiwillig runterkommen, dann werden wir mit Hilfe der Polizei die Baumhäuser räumen», sagte ein Stadtsprecher. Die Waldbesetzer kündigen gewaltlosen Widerstand an.

Das Waldgebiet zwischen Köln und Aachen ist ein Symbol des Widerstands gegen die Braunkohle geworden. Der Energiekonzern RWE will im Herbst mehr als die Hälfte des noch verbliebenen Waldstücks roden, um weiter Braunkohle baggern zu können. Dagegen gibt es seit Langem Proteste. Aktivisten haben in großer Höhe rund 50 bis 60 Baumhäuser errichtet und halten den Wald damit besetzt.

Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur standen für die Räumung der Baumhütten sogenannte Höheninterventionsteams bereit, die für derartige Einsätze ausgebildet sind. Aus dem gesamten Bundesgebiet wurden Einsatzkräfte zur Verstärkung in den Hambacher Forst geholt. Eine konkrete Zahl der Einsatzkräfte nennt die Polizei zunächst nicht.

Zahlreiche Umwelt- und Klimaschützer saßen vor der geplanten Räumung ihrer Baumhäuser zusammen und berieten über das weitere Vorgehen. In den sozialen Netzwerken riefen sie dazu auf, den Protest im Hambacher Forst zu verstärken. «Für viele ist das ihr Zuhause. Es gibt Menschen, die hier seit sechs Jahren wohnen», sagte Baumbesitzer Freddy.

Bei der nun geplanten Räumung geht es juristisch gesehen gar nicht um RWE und die Braunkohle. Vielmehr argumentiert das NRW-Bauministerium unter anderem mit dem fehlenden Brandschutz in den Baumhäusern. Nach einem Vor-Ort-Termin sei das Ministerium zu der Überzeugung gelangt, dass die Hütten etwa über Rettungstreppen und Geländer verfügen müssten. Außerdem fehlten Rettungswege für Feuerwehr und Krankenwagen. Deshalb ergäben sich «konkrete Gefahren» für die Bewohner und die Baumhäuser seien ohne zeitlichen Aufschub zu räumen.

Umsetzen müssen das die Bauämter der Stadt Kerpen und des Kreises Düren, auf deren Gebiet der Hambacher Forst liegt. Sie haben bei der Aachener Polizei dafür um Vollzugshilfe gebeten.

Der Forst gilt als Symbol des Kampfes um Klimaschutz und des Widerstands gegen die Kohle. In ihm stehen Jahrhunderte alten Buchen und Eichen. Zudem gibt es Vorkommen geschützter Arten wie der Bechsteinfledermaus. Mehrere Organisationen wollen seine Rodung unter anderem aus diesen Gründen verhindern. Aus Sicht von RWE ist die Abholzung unvermeidbar, um die Stromproduktion in den Braunkohlekraftwerken zu sichern. Frühestens im Oktober darf der Konzern mit der Rodung beginnen.

Immer wieder hat die Polizei von Angriffen auf Polizisten an dem Waldstück berichtet. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) warnte, dass man es mit «extrem gewaltbereiten Linksextremen» zu tun habe, die aus ganz Deutschland und dem benachbarten Ausland anreisten. Der Aachener Polizeipräsident Dirk Weinspach hatte unlängst eine Gewalteskalation innerhalb kürzester Zeit befürchtet. Einsätze seien nur noch unter Körperschutz und mit massiven Kräften verantwortlich.

Der Streit um den Hambacher Forst könnte auch die Arbeit der sogenannten Kohlekommission stören, obwohl das Thema dort offiziell nicht auf der Tagesordnung steht. Wirtschaft, Klimaschützer, Politik und Betroffene sollen bis Ende des Jahres gemeinsam einen Weg aus der Kohlestrom-Produktion vereinbaren. Die beteiligten Umweltverbände fordern einen Aufschub der Rodung mindestens für die Zeit, in der die Kohlekommission noch tagt - ihrer Ansicht nach könnte der Wald vielleicht stehenbleiben, wenn ältere Kraftwerke abgeschaltet werden.

Die Umweltverbände in der Kommission haben symbolische Baumpatenschaften im Hambacher Forst übernommen. Denkbar ist, dass ein oder mehr Umwelt-Vertreter die Kommission verlassen, wenn RWE rodet. Ein breiter gesellschaftlicher Konsens wäre dann gefährdet.

@ dpa.de

Weitere Meldungen

Räumung im Hambacher Forst weiter unterbrochen. Nach einer Nacht ohne Zwischenfälle blieben die Räumarbeiten nach Anweisung der Landesregierung noch bis auf unbestimmte Zeit ausgesetzt, sagte eine Polizeisprecherin am Morgen. Eine Demonstration in Aachen gegen die Rodung des Hambacher Forstes mit über 1000 Teilnehmern war am Abend friedlich verlaufen. Zuvor hatte NRW-Innenminister Herbert Reul an die Waldbesetzer appelliert, die Baumhäuser freiwillig zu räumen, weil sie gefährlich seien. Kerpen ? Nach dem tödlichen Sturz eines Journalisten von einer Hängebrücke im Hambacher Forst ist die Räumung der Baumhäuser weiterhin unterbrochen. (Politik, 21.09.2018 - 07:48) weiterlesen...

Waldbesetzer lehnen Rückzug ab - Gegenseitige Vorwürfe nach Unfalltod im Hambacher Forst. Aber dann gingen zwischen Waldbesetzern und NRW-Landesregierung doch wieder heftige Vorwürfe hin und her. Eigentlich wollte man sich nach dem Unfalltod eines Journalisten im Hambacher Forst auf Trauer und Besinnung konzentrieren. (Politik, 20.09.2018 - 16:52) weiterlesen...

Staatsanwalt: Kein Fremdverschulden beim Toten im Hambacher Forst. «Nach dem bisherigen Ergebnis der Ermittlungen liegen keine Anhaltspunkte für ein Fremdverschulden Dritter vor», teilte die Staatsanwaltschaft Aachen mit. Mehrere Zeugen hätten übereinstimmend angegeben, dass sich der 27 Jahre alte Mann aus Leverkusen zum Zeitpunkt des Sturzes allein und ungesichert auf der Brücke aufgehalten habe. Er habe als freier Journalist für einen YouTube-Kanal gearbeitet und Filmaufnahmen von den Aktivisten im Hambacher Forst gemacht. Kerpen/Aachen - Der Absturz eines Journalisten von einer Hängebrücke im Hambacher Forst war nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft ein Unfall. (Politik, 20.09.2018 - 15:48) weiterlesen...

Stille im Hambacher Forst - Trauer, Wut und Widerstand: Der Tag nach dem Unfalltod. Für den nun eingetretenen Zustand gibt es keinen Namen. Ein 27-Jähriger ist aus einer Baumhaussiedlung in den Tod gestürzt. Es ist eine Zäsur im Ringen um den Wald. Nach einer Räumaktion im Hambacher Forst vor zwei Wochen riefen die Aktivisten den «Tag X» aus. (Politik, 20.09.2018 - 15:38) weiterlesen...

Kripo ermittelt nach Tod des Journalisten im Hambacher Forst. Einen Anfangsverdacht für eine Straftat gibt es nach Angaben der Aachener Staatsanwaltschaft nicht. «Es sieht nach einem Unglücksfall aus», sagte Oberstaatsanwältin Katja Schlenkermann-Pitts. In der Nacht war es im Hambacher Forst ruhig geblieben. Mit Kerzen erinnerten die Aktivisten an den Toten. Der Journalist war durch die Bretter einer Hängebrücke gebrochen und 15 Meter tief gestürzt. Kerpen - Nach dem tödlichen Sturz eines Journalisten während der umstrittenen Räumungsaktion im Hambacher Forst ermittelt die Kriminalpolizei zur Unglücksursache. (Politik, 20.09.2018 - 10:12) weiterlesen...

Tödlicher Sturz - Tod eines Journalisten: Kripo ermittelt im Hambacher Forst. NRW-Innenminister Reul appelliert an die Aktivisten, ihre Baumhäuser zu verlassen. Ein junger Journalist stürzt im Hambacher Forst von einer Hängebrücke und stirbt. (Politik, 20.09.2018 - 10:00) weiterlesen...