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Erdbeben, Haiti

Haiti ist bitterarm, politisch instabil - und wurde 2010 von einem schweren Erdbeben erschüttert.

15.08.2021 - 14:46:07

Katastrophen - Erdbeben in Haiti: Mehr als 300 Tote. Nun reißt ein neues Beben Menschen in den Tod. Die Ausmaße der «humanitären Notlage» sind noch unklar.

Saint-Louis-du-Sud - Bei einem verheerenden Erdbeben in Haiti sind mindestens 304 Menschen getötet und über 1800 verletzt worden. Das teilte der Katastrophenschutz des Landes am Samstagabend (Ortszeit) auf Twitter mit.

Darüber hinaus wurden zahlreiche Gebäude zerstört. Weitere Opfer werden befürchtet. Rettungskräfte und Bürger bargen in den Stunden nach dem Unglück viele Menschen aus den Trümmern. Die Ereignisse wecken Erinnerungen an das verheerende Erdbeben im Jahr 2010: Damals waren mehr als 220.000 Menschen ums Leben gekommen, mehr als 300.000 wurden verletzt, über eine Million Menschen verloren ihr Zuhause.

Das jüngste Beben, dessen Stärke die US-Behörde USGS mit 7,2 angab, ereignete sich am Samstagmorgen gegen 8.30 Uhr nahe der Gemeinde Saint-Louis-du-Sud im Süden Haitis in einer Tiefe von rund zehn Kilometern. Während des Wochenendes erschütterten mehreren Nachbeben das Land, die nach USGS-Angaben Stärken bis 5,8 erreichten.

«Die Straßen sind erfüllt von Schreien. Die Menschen sind auf der Suche nach Angehörigen, Ressourcen, medizinischer Hilfe, Wasser», sagte Abiade Lozama, Leiter der Episkopalkirche in der besonders betroffenen Stadt Les Cayes der «New York Times». Es werde Tage dauern, die genauen Schäden zu beurteilen, sagte die Leiterin der Kinderhilfsorganisation Save the Children in Haiti, Leila Bourahla, dem Blatt und fügte hinzu: «Es ist klar, dass es sich um eine massive humanitäre Notlage handelt.»

Experten nicht überrascht

Dass Haiti immer wieder von schweren Erdbeben erschüttert wird, überrascht Experten nicht. «Das Land liegt am Rande einer großen tektonischen Platte, der Karibischen Platte», sagte Marco Bohnhoff vom Geoforschungszentrum Potsdam der Deutschen Presse-Agentur. «Das Problem ist, dass das Beben fast bis an die Oberfläche gereicht hat», sagt er. Im Mittel versetzte das Erdbeben die Karibische Platte um etwa 1,5 Meter - «hauptsächlich zur Seite, aber mit einer vertikalen Komponente».

Die durch Erdbeben angerichteten Schäden hängen neben auch von der Bevölkerungsdichte ab. Das Zentrum des ähnlich starken, verheerenden Erdbebens von 2010 lag unter der Hauptstadt Port-au-Prince - einem Ballungsraum mit mehr als zwei Millionen Einwohnern. Beim aktuellen Beben ist als große Stadt Les Cayes mit schätzungsweise rund 90.000 Einwohnern in etwa 35 Kilometern Entfernung zum Epizentrum betroffen.

Die Panamerikanischen Gesundheitsorganisation (PAHO) schickte ein Expertenteam. Such- und Rettungsarbeiten des Internationalen Roten Kreuzes konzentrierten sich auf die Gegend um die besonders betroffenen Städte Jérémie und Les Cayes. Die Organisation sandte ebenfalls Notfallspezialisten. Hilfsgüter für mindestens 4500 Menschen stünden bereit. Darüber hinaus würden in Panama und der Karibik Notfallgüter bereitgehalten.

Einmonatiger Notstand ausgerufen

Interims-Premierminister Ariel Henry besuchte nach eigenen Angaben das Department Grand' Anse und überflog Les Cayes, um sich ein Bild vom Ausmaß der Schäden zu machen. Er rief einen einmonatigen Notstand aus. Die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS), Kolumbien, Argentinien, Mexiko, Kanada und die USA boten Hilfe an.

«Die Vereinigten Staaten bleiben dem haitianischen Volk ein enger und beständiger Freund, und wir werden auch nach dieser Tragödie da sein», erklärte US-Präsidenten Joe Biden. Die Bundesregierung rief dazu auf, die betroffenen Gebiete im Südwesten des Inselstaates zu meiden. «Es muss mit zahlreichen Toten und Verletzten sowie starken Schäden an Gebäuden und Infrastruktur gerechnet werden. Es kommt weiterhin zu starken Nachbeben», warnte das Auswärtige Amt.

Dem Karibikstaat droht weiteres Ungemach: Der Tropensturm «Grace» könnte am Montag auf die Region treffen, wie das Nationale Hurrikan-Zentrum der USA mitteilte. Heftige Winde und starker Regen könnten Haiti treffen, die Situation in dem vom Erdbeben betroffenen Gebiet verschlimmern und Rettungsmaßnahmen behindern.

Japans Tennis-Star Naomi Osaka will ihr Preisgeld vom WTA-Turnier in Cincinnati für die Betroffenen des Erdbebens spenden. «Es schmerzt, die vielen Schäden für Haiti zu sehen. Es fühlt sich an, als bekämen wir keine Atempause», schrieb die Weltranglisten-Zweite bei Twitter. Osakas Vater stammt aus Haiti.

Papst Franziskus sprach den betroffenen Menschen sein Mitgefühl aus. «Ich möchte meine Nähe zu diesen liebenswerten Einwohnern zum Ausdruck bringen, die so hart von dem Erdbeben getroffen wurden», sagte das Oberhaupt der katholischen Kirche nach dem traditionellen Angelus-Gebet am Sonntag in Rom.

© dpa-infocom, dpa:210815-99-846216/3

@ dpa.de