Neue Ruhr Zeitung / Neue Rhein Zeitung

Essen - Nach dem Scheitern der Sondierungsgespräche war in den politischen Salons und in der veröffentlichten Meinung der Schuldige zügig ausgemacht: FDP-Chef Christian Lindner.

21.11.2017 - 22:46:20

NRZ: Lindners rechter Weg - von JAN JESSEN

Essen - Nach dem Scheitern der Sondierungsgespräche war in den politischen Salons und in der veröffentlichten Meinung der Schuldige zügig ausgemacht: FDP-Chef Christian Lindner. Er habe ein abgekartetes Spiel gespielt, die Prinzipientreue sei nur vorgeschoben, das Scheitern sei schon eingepreist gewesen, so lautete der Tenor vieler Meinungsäußerungen. Das stimmt alles. Nun ist es aber so: Ein Jamaika-Bündnis wäre eine krisenanfällige Konstruktion gewesen, und Lindner hat schon sehr früh zu erkennen gegeben, dass er wenig Herzblut dafür opfern werde. Gleichwohl haben sich er und seine FDP-Mitstreiter auf Gespräche eingelassen und können jetzt zweierlei sagen: Wir haben staatspolitische Verantwortung und Rückgrat bewiesen. Das gefällt insbesondere einer Wählergruppe, die Lindner bereits länger im Visier hat: den bürgerlichen AfD-Wählern. Für sie hatte der FDP-Chef schon vor der Wahl Locksignale ausgesandt. Harte Linie gegenüber dem Autokraten Erdogan (bedient die Islamophobie der AfD-Anhänger), weichere Linie gegenüber dem Autokraten Putin (bedient ihre Russophilie) und klare Kante in der Flüchtlingsfrage. In den Sondierungsgesprächen soll die FDP selbst die CSU ab und an rechts überholt haben. Eine FDP, die auf einen nationalliberalen Kurs einschwenkt, könnte perspektivisch zu einer Bedrohung für die AfD werden. Wenn Lindners Strategie dazu führt, dass sich künftig Wähler von den reaktionären Rechtsauslegern abwenden, wäre das zumindest ein Gewinn für Deutschland.

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