Kriminalität, Verkehr

Ein Mann fährt in Münster in eine Menschengruppe und erschießt sich dann selbst.

08.04.2018 - 18:46:06

Erste Spur bei Motiv-Suche - Amokfahrer von Münster soll Suizid-Gedanken geäußert haben. Warum nur? Staatsanwaltschaft und Ermittler haben darauf bislang keine Antwort. Sie müssen die Puzzleteile zusammensetzen. Nur im Sauerland weiß man mehr, wie es scheint.

  • Tatwagen - Foto: Marius Becker

    Der Tatwagen wird abgeschleppt. Foto: Marius Becker

  • Rettungswagen - Foto: Bernd Thissen

    Fahrzeuge der Rettungsdienste in Münster. Foto: Bernd Thissen

  • Nach Amokfahrt in Münster - Foto: Marcel Kusch

    Polizisten stehen am frühen Morgen in Münster in einer Gasse vor einer Absperrung. Foto: Marcel Kusch

  • Münster - Foto: David Young

    Das Tatfahrzeug am Ort des Geschehen. Foto: David Young

  • Blumen - Foto: Marcel Kusch

    Blumen und eine Kerze vor dem Restaurant Kiepenkerl in der Altstadt von Münster. Foto: Marcel Kusch

  • Seehofer - Foto: Marcel Kusch

    Bundesinnenminister Horst Seehofer neben dem Brunnen an der Gaststätte «Großer Kiepenkerl» in der Altstadt von Münster. Foto: Marcel Kusch

Tatwagen - Foto: Marius BeckerRettungswagen - Foto: Bernd ThissenNach Amokfahrt in Münster - Foto: Marcel KuschMünster - Foto: David YoungBlumen - Foto: Marcel KuschSeehofer - Foto: Marcel Kusch

Münster - Der Amokfahrer von Münster ist nach Angaben der Polizei bereits mit Suizid-Gedanken aufgefallen, er war zudem in Kontakt mit dem Gesundheitsamt in Münster.

Der 48-Jährige habe sich Ende März mit einer E-Mail unter anderem an einen Nachbarn gewandt, teilte die Polizei am Sonntag mit. «Aus dem Inhalt ergaben sich vage Hinweise auf suizidale Gedanken, aber keinerlei Anhaltspunkte für die Gefährdung anderer Personen.»

Nach Informationen von WDR, NDR und «Süddeutscher Zeitung» soll der Mann in dem Schreiben an Bekannte aufgearbeitet haben, was in seinem Leben schiefgelaufen sei und wer daran Schuld trage. In der Wohnung des 48-Jährigen im sächsischen Pirna sei außerdem ein älteres, 18-seitiges Schreiben entdeckt worden. Darin verarbeite der spätere Amokfahrer Kindheitserlebnisse und frühe, von ihm als demütigend empfundene Erfahrungen. Dazu zählten laut WDR, NDR und «Süddeutscher Zeitung» gravierende Problemen mit seinen Eltern, Schuldkomplexe, nervliche Zerrüttung und wiederkehrende psychische Zusammenbrüche.

Die Polizei bestätigte den Fund des Schreibens nicht. Sie teilte aber mit, dass Polizisten wegen der Mail die Wohnungen des Mannes in Sachsen und Münster aufgesucht, den Mann aber nicht angetroffen hätten. Es sei nun wichtig, «ein möglichst umfassendes Bild über das Verhalten des Täters in den Vorwochen zu erhalten». So hofften die Ermittler auf eine Spur bei der Suche nach einem Motiv für die Tat.

Bei der Amokfahrt waren am Samstagnachmittag insgesamt drei Menschen ums Leben gekommen, darunter der Fahrer, der sich nach der Tat erschoss. Etwa 20 Menschen wurden verletzt, drei Verletzte schweben weiter in Lebensgefahr.

Einen politischen Grund für die blutige Tat am Samstagnachmittag schließt die Polizei nach der Durchsuchung der vier Wohnungen des Fahrers aber zunächst aus. «Die erste, doch schon etwas intensivere Durchsicht hat keinerlei Hinweise auf einen politischen Hintergrund ergeben», sagte der Polizeipräsident von Münster, Hajo Kuhlisch, am Sonntag in Münster. Die Ermittler gingen daher davon aus, «dass die Motive und Ursachen in dem Täter selber liegen».

Weitere Täter würden nicht gesucht, teilte die Polizei am Sonntag weiter mit. Man gehe von der Tat eines Einzeltäters aus, sagte eine Polizeisprecherin. Zunächst waren die Ermittler Zeugenaussagen nachgegangen, wonach zwei Menschen aus dem Auto gesprungen und geflüchtet sein sollten.

Auch der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) bekräftigte bei einem Besuch am Tatort, mit hoher Wahrscheinlichkeit habe ein Einzelner gehandelt. Der Mann sei Deutscher, es gebe keinen islamistischen Hintergrund. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) und Reul betonten, es werde nie absolute Sicherheit geben werde. «Das geht nicht. Wir können nur das Bestmögliche machen», so Reul.

Die Leitende Oberstaatsanwältin von Münster, Elke Adomeit, sagte, der mutmaßliche Täter sei der Polizei bereits wegen kleinerer Delikte bekannt gewesen. Es habe drei Verfahren in Münster gegeben und eines in Arnsberg aus den Jahren 2015 und 2016 - sie seien alle eingestellt worden. Es ging damals um eine Bedrohung, Sachbeschädigung, eine Verkehrsunfallflucht und Betrug. Man müsse den Sachverhalt der Verfahren noch aufklären. «Aber auf den ersten Blick haben wir hier keine Anhaltspunkte auf eine stärkere kriminelle Intensität, die wir bei dem Täter feststellen konnten», sagte Adomeit.

Der Mann war am Samstag um 15.27 Uhr mit einen silberfarbenen Campingbus im Zentrum von Münster in eine Menschengruppe vor einer beliebten Gaststätte gerast, danach hatte er sich im Wagen erschossen. Bei den beiden Todesopfern handelt es sich um eine 51-jährige Frau aus dem Kreis Lüneburg und einen 65-jährigen Mann aus dem Kreis Borken. In der Uniklinik gab es außerdem mehrere Notoperationen. Mindestens drei der mehr als 20 Verletzten schwebten zunächst weiter in Lebensgefahr.

Die Polizei durchsuchte insgesamt vier Wohnungen des Amokfahrers, aus denen sich keine Hinweise auf ein politisches Tatmotiv ergaben - zwei davon in Ostdeutschland, zwei in Münster. Bei der Durchsuchung fand die Polizei eine nicht brauchbare Maschinenpistole vom Typ AK47, wie es hieß. Auch unmittelbar nach der Amokfahrt hatten sich die Einsatzkräfte dem Campingbus mit großer Vorsicht genähert, da Beamte Drähte sahen, die ins nicht einsehbare Fahrzeuginnere führten.

Experten des Landeskriminalamts aus Düsseldorf untersuchten demnach auch das Fahrzeug auf mögliche Gefahren ausgiebig und gaben letztlich Entwarnung. Ermittler fanden im Wagen die Waffe, mit der sich der Täter erschossen hatte, sowie eine Schreckschusswaffe und rund ein Dutzend Feuerwerkskörper.

Nach den schrecklichen Bildern aus Münster suchen auch die Einwohner der Stadt weiter nach Erklärungen. «Die Menschen haben jetzt gemerkt, dass es auch für sie ein Restrisiko gibt. Nicht nur Berlin oder München - nein, es kann auch uns in Münster treffen, das haben die Menschen jetzt begriffen», sagt der Münsteraner Psychologe Steffen Fliegel.

«Zusätzlich macht es die Sache schwierig zu begreifen, weil die Menschen denken, das hätte man doch, im Gegensatz zu einem technischen Defekt an einem Fahrzeug, verhindern können», sagt der Psychologe. Aber das sei nicht richtig: «Wir müssen lernen damit zu leben, dass es in unserer Gesellschaft ein Restrisiko gibt», sagt Fliegel.

Bereits am Samstagabend versammelten sich Bürger, um gemeinsam zu trauern. Im Paulus-Dom in Münster sollte es am Sonntagabend einen ökumenischen Gedenkgottesdienst geben, den Bischof Felix Genn leiten wollte.

Die beiden von der Amokfahrt unmittelbar betroffenen Gaststätten am Kiepenkerl wollen sich mit der Rückkehr zum normalen Alltag Zeit lassen. «Der Betrieb ruht im Moment - und zwar so lange, bis die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sagen: Wir trauen uns das wieder zu, wir können die Arbeit hier wieder aufnehmen», sagte Martin Stracke, der Vorsitzende der Interessengemeinschaft Kiepenkerlviertel.

@ dpa.de