Kriminalität, Streit

Ein 22-Jähriger stirbt bei einem nächtlichen Streit unter Männern.

10.09.2018 - 18:22:05

Zwei Afghanen in U-Haft - Hintergründe des tödlichen Streits in Köthen unklar. Die Verdächtigen sind Ausländer. Binnen genau zwei Wochen passiert das erst in Chemnitz, dann in Köthen. In Sachsen führt das zu Spontandemos mit Gewalt - Sachsen-Anhalt will das verhindern.

  • Polizeipräsenz - Foto: Sebastian Willnow

    Polizeifahrzeuge am Bahnhof in Köthen. Foto: Sebastian Willnow

  • Tödlicher Streit in Köthen - Foto: Sebastian Willnow

    Menschen stehen vor Blumen und Kerzen an einem Baum auf einem Spielplatz, in dessen Nähe ein 22-Jähriger bei einem Streit zwischen zwei Männergruppen ums Leben gekommen ist. Foto: Sebastian Willnow

  • Kundgebung in Köthen - Foto: Hendrik Schmidt

    Menschen haben sich in der Innenstadt von Köthen versammelt. Foto: Hendrik Schmidt

  • Tödlicher Streit in Köthen - Foto: Sebastian Willnow

    Blumen und Kerzen stehen zum Gedenken an den verstorbenen 22-Jährigen an einem Baum in Köthen. Foto: Sebastian Willnow

  • Ortsschild - Foto: Sebastian Willnow

    Köthen, Kreisstadt des sachsen-anhaltischen Landkreises Anhalt-Bitterfeld, hat rund 26.000 Einwohner. Foto: Sebastian Willnow

  • Horst Seehofer - Foto: Peter Kneffel

    Bundesinnenminister Horst Seehofer äußert sich vor Beginn der CSU-Vorstandsitzung zu Köthen. Foto: Peter Kneffel

Polizeipräsenz - Foto: Sebastian WillnowTödlicher Streit in Köthen - Foto: Sebastian WillnowKundgebung in Köthen - Foto: Hendrik SchmidtTödlicher Streit in Köthen - Foto: Sebastian WillnowOrtsschild - Foto: Sebastian WillnowHorst Seehofer - Foto: Peter Kneffel

Köthen - Nach einem Streit mit tödlichem Ende im sachsen-anhaltischen Köthen und einem spontanem «Trauermarsch» ist zu den Hintergründen weiter wenig bekannt.

Ein 22-Jähriger starb an Herzversagen, zwei Männer aus Afghanistan wurden verhaftet - viel mehr sagten die Ermittler am Montag zum Geschehen nicht und baten um Geduld. Die Polizei sah sich derweil für eine Demonstration am Abend gut gerüstet, zu der die AfD aufrief. Tags zuvor waren bei einer Spontandemonstration in der Stadt rund 2500 Menschen zusammengekommen. Unter den Demonstranten waren nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden zwischen 400 und 500 Rechtsextreme aus Sachsen-Anhalt, Thüringen und Niedersachsen, wie Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) sagte.

Nach bisherigen Erkenntnissen der Ermittler war es in der Nacht zu Sonntag an einem Spielplatz in Köthen zu einem Streit zwischen mindestens zwei afghanischen Staatsbürgern auf der einen und mindestens zwei deutschen Staatsbürgern auf der anderen Seite gekommen. Am Ende war ein 22-jähriger Deutscher tot, er starb nach Behördenangaben an Herzversagen. Dem Obduktionsergebnis zufolge seien seine Verletzungen nicht die Todesursache gewesen, sagte Landesjustizministerin Anne-Marie Keding (CDU). Auch Verletzungen, die von Tritten oder Schlägen gegen den Kopf herrührten, hätten nicht festgestellt werden können. Der Staatsanwaltschaft zufolge sind die Ermittlungen noch nicht weit genug, um Details zum Geschehen bekannt zu geben. Im sächsischen Chemnitz hatte auf den Tag genau zwei Wochen zuvor ein ähnlicher Fall zwei Tage lang zu Spontandemos mit rechtsextremer Beteiligung und Gewaltausbrüchen geführt.

Während nach den ersten Demo-Tagen in Chemnitz mehr als zwei Dutzend Verletzte und 120 Straftaten inklusive Hitlergrüßen gemeldet wurden, waren es in Köthen zehn Anzeigen, nach ersten Erkenntnissen ohne Verletzte. Was war anders? Die Polizei war in Köthen sichtbar in großer Zahl präsent, wie der Vize-Chef der Gewerkschaft der Polizei, Jörg Radek, sagt. «Das beeindruckt.» Das zeige sich auch bei den jetzigen Demos in Chemnitz, in denen die Lage ruhig sei.

Für Köthen hatten sich die Sicherheitsbehörden auf die Spontandemo vorbereitet. Sie alarmierten schon am Morgen die Bereitschaftspolizei im Land und holten sich Unterstützung aus Berlin, Brandenburg, Sachsen, Niedersachsen sowie von der Bundespolizei, wie Innenminister Stahlknecht sagte. Wie viele Beamte es insgesamt waren, wollte er aus taktischen Gründen nicht sagen.

Auch für den Montagabend organisierten die Behörden wieder einen Großeinsatz, Wasserwerfer und Reiterstaffel inklusive. Dieses Mal meldete ein AfD-Landtagsabgeordneter eine Demo unter dem Motto «Wir trauern» an - mit 300 erwarteten Teilnehmern. Sachsen-Anhalt stellte sich hingegen auf Größenordnungen wie am Sonntag ein, als 2500 Menschen kamen. Die meisten waren Bürgerinnen und Bürger aus Köthen und Umgebung, die ihre Trauer bekunden wollten, schätzte Stahlknecht ein. «Wir sollten akzeptieren, dass Menschen auch friedlich ihre Betroffenheit zum Ausdruck bringen wollen.»

Doch die Sicherheitsbehörden zählten auch bis zu 500 Rechtsextremisten. Darunter seien Mitglieder der rechtsextremen NPD sowie Kameradschaften gewesen, sagte Landes-Verfassungsschutzchef Jochen Hollmann. Welche weiteren Gruppierungen mobilisierten und welche Schnittmengen es mit den rechtsextremen Demonstranten in Chemnitz gibt, werde geprüft.

Landespolizeidirektorin Christiane Bergmann zufolge wurden am Sonntag Reden gehalten, die im Netz für Empörung sorgten: Von «Rassenkrieg» war die Rede, von Rache nach dem archaischen Prinzip «Auge um Auge, Zahn um Zahn». Der Staatsschutz sichte derzeit das verfügbare Videomaterial auf strafbare Inhalte, so Bergmann. Drei Anzeigen wegen Volksverhetzung gebe es schon.

Einige Teilnehmer fern des rechtsextremen Spektrums hätten den Parolen widersprochen, andere allerdings auch applaudiert, sagte Innenminister Stahlknecht. Er warnte vor einem Generalverdacht, stellt aber auch klar: Der Staat werde alle Mittel einsetzen, um die Tat in Köthen aufzuklären - aber auch «alles tun, damit Betroffenheit auch Betroffenheit bleibt».

Über Details zum Toten hielten sich die Ermittler zurück. Bekannt ist nur: Er war der Bruder eines bekannten Rechtsextremen aus Köthen.

@ dpa.de