UN, Justiz

Dramatischer Zwischenfall bei der letzten Urteilsverkündung des UN-Kriegsverbrechertribunals: Ein Angeklagter hört seinen Schuldspruch und schluckt eine Flüssigkeit.

29.11.2017 - 14:39:18

Urteilsverkündung unterbrochen - UN-Tribunal: Angeklagter soll Gift genommen haben. Seine Anwältin sagt: Es ist Gift.

  • Justitia - Foto: David-Wolfgang Ebener

    Eine Statue der Justitia mit der Waage in ihrer Hand. Foto: David-Wolfgang Ebener

  • Die Angeklagten - Foto: Robin Van Lonkhuijsen/ANP Pool

    Wegen schwerster Verbrechen im Bosnienkrieg drohen den Angeklagten Haftstrafen von bis zu 25 Jahren. Foto: Robin Van Lonkhuijsen/ANP Pool

Justitia - Foto: David-Wolfgang EbenerDie Angeklagten - Foto: Robin Van Lonkhuijsen/ANP Pool

Den Haag - Nach seiner Verurteilung zu 20 Jahren Haft beim UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag hat ein Angeklagter möglicherweise Gift geschluckt. Ein Mitarbeiter des Gerichts teilte mit, dass Slobodan Praljak (72) noch lebe und medizinisch versorgt werde.

Mehr wurde über den Gesundheitszustand zunächst nicht bekannt. Seine Verteidigerin sagte dem Gericht, ihr Mandant habe «Gift genommen». Daraufhin unterbrach der Vorsitzende Richter die Sitzung. Beim Gericht trafen Rettungskräfte ein, die zu dem Angeklagten gebracht wurden. Was der Mann eingenommen hatte und wie das Fläschchen mit der Flüssigkeit in den Gerichtssaal kommen konnte, war zunächst unklar.

Der Angeklagte hatte nach seiner Verurteilung gerufen: «Slobodan Praljak ist kein Kriegsverbrecher. Ich weise Ihr Urteil zurück.» Dann hatte er aus einem kleinen dunklen Becher eine Flüssigkeit getrunken. Die Zuschauer konnten nicht sehen, ob der Angeklagte zusammengebrochen war. Richter und Anwälte reagierten bestürzt. Während des Bosnienkrieges (1992-1995) war Praljak Militärchef der bosnischen Kroaten gewesen.

Gemeinsam mit fünf anderen Männern der ehemaligen Führungsriege der bosnischen Kroaten war er wegen schwerer Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Bosnienkrieg (1992 bis 1995) angeklagt. Praljak war 2013 in erster Instanz zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Diese Strafe hatten die Berufungsrichter bestätigt.

Es sollte sein, das nach rund 24 Jahren zum Jahresende seine Arbeit abschließt. Der Hauptangeklagte Jadranko Prli? (58), der ehemalige Regierungschef des damaligen, selbst proklamierten Kleinstaates Herzeg-Bosna, wurde erneut zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt. Bruno Stoji?, der damalige Verteidigungschef, wurde ebenso wie Praljak, zu 20 Jahren Haft verurteilt. Die Sitzung sollte um 14:15 Uhr fortgesetzt werden, voraussichtlich mit den drei übrigen Urteilen.

Einer der Angeklagten war nicht zur Urteilsverkündung erschienen, da er seine Strafe bereits verbüßt hatte. Das Gericht bestätigte auch die Mitschuld des damaligen Präsidenten Kroatiens, Franjo Tudjman, an Kriegsverbrechen. Die Angeklagten seien schuldig für Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, urteilten die Richter. Tausende von Muslimen waren im bosnischen Krieg 1992 bis 1995 Opfer von Mord, Vergewaltigung, Vertreibung und Terror geworden.

Das UN-Tribunal war das erste internationale Gericht für Urteile wegen Kriegsverbrechen in Europa nach 1945. Ex-Serbenführer Radovan Karadzic wurde 2008 an Den Haag ausgeliefert. 2016 wurde er unter anderem für den Völkermord von Srebrenica zu 40 Jahren Gefängnis verurteilt. Der militärische Chef der bosnischen Serben, Ratko Mladic, war 2011 gefasst worden. Gegen den Ex-General verhängten die Richter erst in der vergangenen Woche eine lebenslange Haftstrafe.

Heute steht niemand mehr auf der Fahndungsliste des UN-Gerichts. Zu den 84 Verurteilten gehören die militärisch und politisch Verantwortlichen der schlimmsten Verbrechen.

@ dpa.de

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