Ihr Broker

  • DAX 0,70
  • EUR/USD 0,50
  • GOLD 0,30

Nur Spreads

Keine Kommission

Jetzt registrieren

CFDs sind komplexe Instrumente und umfassen aufgrund der Hebelfinanzierung ein hohes Risiko, schnell Geld zu verlieren.

Konflikte, Militär

Die Städte in Afghanistan fallen scheinbar wie Dominosteine.

13.08.2021 - 04:42:06

Afghanistan - Vormarsch der Taliban: USA verlegen Tausende Soldaten. Der Vormarsch der Taliban setzt auch die USA unter Druck. Nun soll ein Teil des US-Botschaft evakuiert werden.

Washington/Kabul - Angesichts der dramatischen Gebietsgewinne der Taliban verlegen die US-Streitkräfte sofort rund 3000 zusätzliche Soldaten an den Flughafen in Kabul.

Es gehe darum, eine geordnete Reduzierung des US-Botschaftspersonals zu unterstützen, erklärte der Sprecher des Verteidigungsministeriums, John Kirby. Zudem verlegen die USA demnach bis zu 4000 weitere Soldatinnen und Soldaten nach Kuwait und 1000 nach Katar - falls Verstärkung gebraucht würde. Der Abzug der US-Soldaten aus Afghanistan solle aber weiter bis 31. August abgeschlossen werden, so Kirby am Donnerstag (Ortszeit). Auch Großbritannien will rund 600 zusätzliche Soldaten schicken, um bei der Rückführung von Briten aus Afghanistan zu helfen.

Taliban weiter auf dem Vormarsch

Die militant-islamistischen Taliban übernahmen unterdessen in drei weiteren Provinzhauptstädten die Kontrolle, davon zwei mit großer Bedeutung. Zunächst eroberten sie das nur 150 Kilometer von der Hauptstadt Kabul entfernte Gasni im Südosten. Gasni hat etwa 180 000 Einwohner und liegt an der wichtigen Ringstraße, die die größten Städte des Landes verbindet. Dann übernahmen die Taliban im Westen des Landes mit Herat die drittgrößte Stadt, von der es nur rund 130 Kilometer bis zur iranischen Grenze sind. Dort leben geschätzt 600 000 Menschen. Letztlich übernahmen die Islamisten noch die kleine Provinzhauptstadt Kala-e Nau in der Provinz Badghis im Nordwesten.

Die Kämpfer der Taliban brachten damit in weniger als einer Woche 12 der 34 Provinzhauptstädte unter ihre Kontrolle. Auch aus den südlichen Städten Kandahar und Laschkargah im Süden wurden weitere Taliban-Angriffe gemeldet. In Kandahar sollen sie bereits das Gefängnis erobert haben, in Laschkargah die Zentrale der Polizei. Nach zunächst unbestätigten Berichten soll Kandahar bereits weitgehend unter Taliban-Kontrolle stehen.

Reaktion der US-Regierung

Angesichts der dramatischen Ereignisse entschied die US-Regierung, das Personal der Botschaft in Kabul auf das Nötigste zu reduzieren. Die rund 3000 Soldaten, die aus dem Nahen Osten innerhalb von ein bis zwei Tagen nach Kabul verlegt werden sollen, sollen die Abreise des Personals sichern. Dies könne auch die Sicherung von Konvois von und zum Flughafen umfassen, hieß es. Zudem sollen die Soldaten beim Ausfliegen früherer afghanischer Mitarbeiter der US-Behörden und des Militärs helfen, die sich vor den Taliban in Sicherheit bringen wollen. Sie sollen in die USA gebracht werden, wo ihnen nach der Erteilung eines Visums ein Neustart ermöglich werden soll.

«Das ist eine zeitlich begrenzte Mission mit eng begrenztem Auftrag», sagte Pentagon-Sprecher Kirby. Die Verstärkung sei angesichts des jüngsten Vormarsches der Taliban eine Vorsichtsmaßnahme, sagte Kirby. Gleiches gelte auch für die Positionierung der übrigen Soldaten in der Region. Die bis zu 4000 Soldaten, die in der kommenden Woche in Kuwait ankommen sollen, gehören demnach einem Kampfverband einer Luftlandedivision aus dem US-Bundesstaat North Carolina an.

US-Präsident Joe Biden hatte den Abzug im Frühjahr angeordnet. Damals waren noch rund 2500 US-Soldaten im Land gewesen. Bis Anfang der Woche war der Abzug bereits zu mehr als 95 Prozent abgeschlossen. Ab September sollten nur einige Hundert Soldaten zur Sicherung der Botschaft verbleiben. Nun macht Bidens Regierung angesichts der Gebietsgewinne der Taliban eine - wohl zeitlich begrenzte - Kehrtwende. Die US-Regierung betont immer wieder, die afghanischen Sicherheitskräfte seien den Taliban in Bezug auf ihr Training, die Truppenstärke und auch die Ausrüstung überlegen. «Aber sie müssen auch kämpfen wollen», sagte Biden etwa diese Woche.

Warnungen aus Europa und USA

Die US-Regierung warnte die Taliban zudem, dass die Internationale Gemeinschaft keine neue afghanische Regierung anerkennen würde, falls diese die Macht mit Gewalt an sich gerissen haben sollte. Dies werde auch in einer gemeinsamen Stellungnahme mit internationalen Partnern, darunter auch Deutschland, ausgedrückt werden, sagte der Sprecher des Außenministeriums, Ned Price. Ein gewaltsame Machtübernahme würde Afghanistan international isolieren, woraufhin auch Hilfszahlungen eingestellt würden, betonte er. Mit Blick auf die Verhandlungen zwischen den Taliban und der afghanischen Regierung im Emirat Katar appellierte Price an alle Parteien, sich auf einen gemeinsamen politischen Prozess für die Zukunft des Landes zu einigen.

Auch der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell drohte den Taliban mit Isolation, falls sie die Macht in Afghanistan mit Gewalt an sich reißen sollten. Außenminister Heiko Maas (SPD) hatte die Taliban am Donnerstag ebenfalls davor gewarnt, ein Kalifat in dem Land zu errichten. Dann werde es «keinen Cent» an deutscher Entwicklungshilfe mehr geben, die derzeit bei rund 430 Millionen Euro pro Jahr liege, sagte Maas. Die US-Regierung hat im Haushaltsentwurf 2022 Hilfen für Afghanistan in Höhe von 3,3 Milliarden US-Dollar vorgesehen.

Kritik und Gefahr

Ein Top-Republikaner kritisierte Bidens Politik unterdessen als gescheitert. Falls Biden seinen Kurs «nicht schnell ändert, sind die Taliban auf dem Weg dazu, sich einen bedeutenden militärischen Sieg zu sichern», warnte der Minderheitsführer der Republikaner im US-Senat, Mitch McConnell. Biden müsse den afghanischen Kräften «sofort» mehr Hilfe zusagen, darunter auch anhaltende Unterstützung aus der Luft nach dem Abzug der US-Truppen am 31. August, forderte er. «Wenn das nicht geschieht, könnten Al-Kaida und die Taliban den 20. Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September damit feiern, unsere Botschaft in Kabul niederzubrennen», warnte McConnell.

Der Terrorismus-Experte Peter Neumann hält trotz des Vormarsches der Taliban eine akute Entstehung von Terrorcamps anderer Organisationen für wenig wahrscheinlich. «Die Taliban wären dumm, wenn sie nach ihren militärischen Siegen nun Terrorcamps von Gruppen wie Al-Kaida oder dem sogenannten Islamischen Staat zulassen», sagte Neumann den Zeitungen der Funke-Mediengruppe (Freitag). Die Taliban konzentrierten sich auf Afghanistan. «Mehr als früher wollen sie die Anerkennung ihrer Macht, auch international. Und sie wollen Investitionen ins Land holen, etwa aus dem Iran, Pakistan oder China.» Dennoch sei die Lage für den Westen wenig berechenbar.

© dpa-infocom, dpa:210813-99-824436/2

@ dpa.de