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Konflikte, Nahost

Die Hamas feuert in den ersten Tagen des Konflikts nach Angaben der Armee mit einer vorher nie da gewesenen Intensität Raketen ab.

16.05.2021 - 16:06:07

Nahost-Konflikt - Kein Ende im Gaza-Konflikt - Haus von Hamas-Chef beschossen. Israel reagiert mit massiven Luftangriffen.

Tel Aviv/Gaza - Knapp eine Woche nach Beginn der Eskalation im Gaza-Konflikt hat Israels Militär seine Angriffe auf Vertreter der Hamas im Gazastreifen verschärft.

Nach massiven Raketenangriffen durch militante Palästinenser aus dem Küstengebiet beschoss Israels Luftwaffe am Wochenende das Haus des dortigen Chefs der islamistischen Palästinensergruppe, Jihia al-Sinwar. Das Gebäude in Chan Junis habe als «militärische Infrastruktur» gedient, teilte die Armee am Sonntag mit. Das Militär hatte der Hamas-Führungsriege zuvor mit gezielten Tötungen gedroht.

Israels Luftwaffe zerstörte am Samstag auch ein Hochhaus im Gazastreifen, in dem Medienunternehmen wie Associated Press (AP) ihre Büros hatten. Berichten zufolge wurden die Bewohner zuvor telefonisch aufgefordert, das Gebäude zu verlassen. Die Armee teilte bei Twitter mit, Kampfflugzeuge hätten ein Hochhaus angegriffen, in dem der Hamas-Militärgeheimdienst über «militärische Ressourcen» verfügt habe. Die Nachrichtenagentur AP zeigte sich entsetzt nach dem Vorfall, Journalistenverbände protestierten. US-Präsident Joe Biden telefonierte am Samstagabend erneut mit dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu.

Die Bemühungen internationale Vermittler, angesichts der zivilen Opfer eine Waffenruhe zu vereinbaren, waren bislang nicht erfolgreich. Eine Initiative Ägyptens scheiterte vorerst nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur. Netanjahu sagte, der Militäreinsatz werde «so lange wie nötig weitergehen». Man müsse zunächst die Infrastruktur der Hamas zerstören.

Der UN-Sicherheitsrat wollte am Sonntag über die Lage beraten. Israels Verteidigungsminister Benny Gantz traf sich mit dem US-Sondergesandten Hady Amr, der zu Gesprächen in die Region gereist war. Für Dienstag wurde eine Sonderberatung der EU-Außenminister angesetzt. Papst Franziskus forderte erneut ein Schweigen der Waffen.

Militante Palästinenser beschossen weiterhin vor allem an den Gazastreifen angrenzende Gebiete in Israel mit Raketen. In der Nacht auf Sonntag gab es auch erneut Alarme im Großraum Tel Aviv.

Seit Beginn der Eskalation am vergangenen Montagabend wurden nach Armeeangaben rund 2900 Raketen auf Israel abgefeuert. Die Intensität des Beschusses ist demnach so hoch wie nie zuvor in einem Konflikt mit der Hamas. Wie das Heimatfrontkommando mitteilte, lag die Zahl der binnen rund einer Woche abgeschossenen Raketen deutlich über der Menge der im Vergleichszeitraum des Gaza-Kriegs 2014 abgefeuerten Geschosse. In diesem 51-tägigen Konflikt wurden demnach insgesamt 4481 Raketen auf Israel abgefeuert worden. Israels Armee unternahm demnach mindestens 650 Angriffe in dem dicht besiedelten Küstengebiet. Von palästinensischer Seite hieß es, es seien die bisher schwersten Luftangriffe dort gewesen.

Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza wurden dort bislang mindestens 181 Menschen getötet und mehr als 1200 weitere verletzt. Nach Angaben der Armee wurden bei Angriffen im Gazastreifen zahlreiche Vertreter von Hamas und Islamischem Dschihad getötet. Rettungskräften zufolge kamen in Israel durch Raketenbeschuss bislang zehn Menschen ums Leben. Hunderte wurden verletzt.

Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern war am vergangenen Montagabend eskaliert. Er spitzte sich während des muslimischen Fastenmonats Ramadan und nach der Absage der palästinensischen Parlamentswahl fortlaufend zu. Als Auslöser gelten Polizei-Absperrungen in der Jerusalemer Altstadt, die viele junge Palästinenser als Demütigung empfanden. Hinzu kamen Auseinandersetzungen von Palästinensern und israelischen Siedlern im Jerusalemer Viertel Scheich Dscharrah wegen drohender Zwangsräumungen sowie heftige Zusammenstöße auf dem Tempelberg (Al-Haram al-Scharif) in der Altstadt von Jerusalem. Die Anlage mit Felsendom und Al-Aksa-Moschee ist die drittheiligste Stätte im Islam. Sie ist aber auch Juden heilig, weil dort früher zwei jüdische Tempel standen. Die islamistische Hamas hat sich zum Verteidiger Jerusalems erklärt.

Der Konflikt mit der Hamas weitete sich in den vergangenen Tagen aus: Im Westjordanland gab es Zusammenstöße von Palästinensern mit israelischen Sicherheitskräften. Die Armee berichtete von mindestens einer versuchten Messerattacke auf Soldaten. Mehrere Menschen starben. Zwischenfälle ereigneten sich auch an Israels Grenzen zum Libanon und zu Syrien. Aus beiden Ländern wurden Raketen auf Israel abgefeuert, die keine Schäden anrichteten.

Der Gaza-Konflikt griff auch auf arabischgeprägte Orte im israelischen Kernland über. In mehreren Städten kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Juden und arabischen Israelis. Dies schürte Sorgen vor einer weiteren tiefen Spaltung der Gesellschaft.

Seit der gewaltsamen Machtübernahme der Hamas im Gazastreifen 2007 haben sich Israel und die radikale Palästinenserorganisation drei Kriege geliefert. Israel und Ägypten halten das Gebiet unter Blockade und begründen dies mit Sicherheitserwägungen.

Nach Angaben der israelischen Armee wurden zuletzt mehrere Büros und Häuser wichtiger Hamas-Mitglieder attackiert. Als Teil der fortwährenden Angriffe auf das Tunnelnetz der Hamas, der sogenannten Metro, seien 30 weitere Ziele bombardiert worden. Außerdem habe die Luftwaffe Dutzende Waffenlager und Raketenabschussrampen beschossen.

In der Stadt Gaza wurden nach Augenzeugenberichten fünf Häuser zerstört. Allein bei den Angriffen in der Nacht auf Sonntag starben nach Angaben des Gesundheitsministerium in Gaza mehr als 30 Menschen.

Der Konflikt eskalierte inmitten eines Regierungsbildungsversuches von Jair Lapid. Der bisherige Oppositionsführer schrieb am Sonntag bei Twitter, hätte Israel eine Regierung, dann würde sich niemand fragen, warum Konflikte immer dann auszubrechen scheinen, wenn es dem Ministerpräsidenten am besten passe. Netanjahu war es nicht gelungen, eine Mehrheit für eine von ihm geführte Koalition zu bilden.

© dpa-infocom, dpa:210516-99-615398/5

@ dpa.de