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Deutsche AIDS-Hilfe

Berlin - Der 7.

07.10.2020 - 12:37:19

Sch?tzen statt strafen: Die Drogenpolitik von morgen muss heute beginnen. Alternative Drogen- und Suchtbericht fordert und zeigt neue Wege. Denn die heutige Drogenpolitik erf?llt ihren Zweck nicht. Erforderlich sind konsequente Ma?nahmen zur Verminderung gesundheitlicher Sch?den sowie staatliche Regulierung.

Berlin - Der 7. Alternative Drogen- und Suchtbericht fordert und zeigt neue Wege. Denn die heutige Drogenpolitik erf?llt ihren Zweck nicht. Erforderlich sind konsequente Ma?nahmen zur Verminderung gesundheitlicher Sch?den sowie staatliche Regulierung.

ACHTUNG: Pressekonferenz LIVE (Beta) um 11 Uhr auf Facebook (https://www.facebook.com/deutscheaidshilfe/posts/3362865750425751) und Youtube (https://youtu.be/u2RZXrrwudc) sowie Twitter (https://twitter.com/Aidshilfe_de) (Kan?le der Deutschen Aidshilfe)

Das Bundeskriminalamt (BKA) und die Drogenbeauftragte der Bundesregierung haben gerade selbst darauf hingewiesen: Drogenhandel nimmt in Deutschland seit Jahren zu, das BKA registriert immer mehr Delikte. Polizei und Justiz k?nnen Drogenkonsum offenbar nicht aufhalten. In der Pressemitteilung zum "Bundeslagebild Rauschgiftkriminalit?t 2019" lautete das Fazit sinngem?? dennoch: Weiter so.

Fachleute aus Wissenschaft und Drogenhilfe widersprechen: Es ist Zeit f?r neue Wege. Die Drogenpolitik von morgen muss heute beginnen. Das ist die zentrale Aussage des 7. Alternativen Drogen- und Suchtberichts. Die Herausgeber, der akzept Bundesverband und die Deutsche Aidshilfe, haben ihn heute in Berlin vorgestellt.

Sie nannten dabei drei zentrale Neuerungen, die die hohe Zahl der Todesf?lle durch legale und illegale Drogen senken, sch?dliche Folgen von Abh?ngigkeit reduzieren und gesellschaftliche und volkswirtschaftliche Folgekosten drastisch reduzieren k?nnten:

- Ans?tze der so genannten "Schadensminimierung" beim Drogenkonsum m?ssen ?berall verf?gbar sein und auch bei Tabak und Alkohol angeboten werden. - Die staatlich regulierte Abgabe von bisher illegalen Substanzen kann kriminellen Drogenhandel reduzieren, Menschen vor den Gefahren der Illegalit?t bewahren und Jugend- und Verbraucherschutz erm?glichen. - Eine effiziente Drogenpolitik w?rde rasch gelingen, wenn die Bundesregierung Kompetenz in einem drogenpolitischen Fachbeirat zusammenf?hren w?rde.

Dazu erkl?rt Prof. Dr. Heino St?ver, Vorstandsvorsitzender des akzept Bundesverbandes und Gesch?ftsf?hrender Direktor des Instituts f?r Suchtforschung an der Frankfurt University of Applied Sciences:

"Die Politik der Strafverfolgung ist nur noch ein sch?dlicher Kampf gegen Windm?hlen. Betroffene werden marginalisiert statt unterst?tzt - oft mit t?dlichem Ausgang. Die Drogenpolitik von morgen agiert menschlicher und geschickter: Sie minimiert gesundheitliche Risiken beim Konsum und entzieht kriminellen Strukturen durch regulierte Abgabe von Substanzen die Basis. Eine zeitgem??e Drogenpolitik folgt der Devise: Sch?tzen statt strafen!"

Neue Strategien auch bei Tabak und Alkohol

Strategien der "Schadensminimierung" sind bei illegalen Substanzen sehr erfolgreich. Drogenkonsumr?ume retten j?hrlich Hunderte Leben. Die Vergabe sauberer Spritzen hat die Zahl der HIV- und Hepatitis-Infektionen enorm gesenkt. Hilfreich sind auch Informationen ?ber weniger riskante Konsumformen. Dank solcher Ma?nahmen rauchen zum Beispiel heute mehr Konsument_innen ihre Drogen statt sie zu spritzen.

Derartige Angebote erreichen auch Menschen, die ihren Konsum nicht einstellen wollen oder k?nnen. Von diesen Erfolgen gilt es zu lernen: Bei Alltagsdrogen zielen Aufkl?rung und Therapie bisher meist darauf, dass Abh?ngige ganz aufh?ren.

Prof. St?ver betont: "Abstinenz ist nicht alles! Neben der klassischen Pr?vention m?ssen wir auch bei Alkohol und Tabak Alternativen anbieten. Die E-Zigarette k?nnte vielen Menschen das Leben retten, denn sie ist weniger sch?dlich als die Verbrennung von Tabak. Wir brauchen auch mehr Ma?nahmen zum kontrollierten Trinken."

Sch?den vorbeugen - f?r alle!

Zugleich muss die Politik bestehende Angebote allen Menschen zug?nglich machen. In der H?lfte der Bundesl?nder gibt es keine Drogenkonsumr?ume. In Gef?ngnissen sind keine sauberen Spritzen verf?gbar. F?r Substanzen wie Amphetamine und Kokain, die in der Mitte der Gesellschaft konsumiert werden, sind dringend Drug-Checking-Angebote erforderlich, zum Beispiel vor Ort im Nachtleben. Dabei werden Stoffe auf ihren Wirkstoffgehalt und sch?dliche Beimengungen untersucht - in Kombination mit einem Beratungsangebot.

Holger Wicht, Sprecher der Deutschen Aidshilfe, sagt:

"Deutschland war bei den Ma?nahmen der Schadensminderung einmal Vorreiterin, ist aber auf halbem Wege stehen geblieben. Die Drogenpolitik hat nicht Schritt gehalten mit aktuellen Entwicklungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen. Was Leben rettet, darf nicht ungenutzt bleiben. Wir brauchen jetzt einen Innovationsschub - im Bund und in den L?ndern. Wir k?nnen viel mehr Menschen erreichen!"

Auch bei der Substitutionstherapie ist noch viel Luft nach oben. akzept, die Deutsche Aidshilfe und der Selbsthilfeverband JES haben das Ziel von 100.000 Substituierten im Jahr 2022 ausgerufen. Das w?ren 20.000 mehr als bisher und etwa 60 Prozent der knapp 170.000 Opioidabh?ngigen in Deutschland. Nachbarl?nder wie Frankreich kommen bei der Versorgung mit der medizinischen Standardtherapie schon heute auf ?ber 80 Prozent.

Aus der Corona-Krise lernen

Der Zuwachs wird m?glich durch ver?nderte Regularien, die Substitution einfacher und attraktiver machen. Erleichterungen bei Zugang und Versorgung aus der Corona-Zeit gilt es zu erhalten und auszubauen. Um eine ?berf?llung von Praxen und Ambulanzen w?hrend der Pandemie zu vermeiden und pers?nliche Begegnungen zu reduzieren, gab es eine Reihe von Ver?nderungen. So d?rfen jetzt zum Beispiel auch Drogenhilfeeinrichtungen und Apotheken die Medikamente vergeben. Mehr Patient_innen k?nnen ihr Pr?parat eigenverantwortlich zu Hause statt jeden Tag in der Arztpraxis einnehmen. Zudem wurden telemedizinische Termine erm?glicht.

Nina Pritszens, Gesch?ftsf?hrerin von vista Berlin - Verbund f?r integrative soziale und therapeutische Arbeit, berichtet:

"Die Corona-Krise hat gezeigt, wie es geht: Drogenhilfe und medizinische Versorgung standen vor dem Kollaps, doch wir haben uns schnell angepasst. Politik und Beh?rden haben umsichtig und unb?rokratisch reagiert. Mit den neuen M?glichkeiten bei der Substitution haben wir gute Erfahrungen gemacht: Nach unserer Einsch?tzung werden jetzt mehr Menschen behandelt als vor der Pandemie. Diesen Weg m?ssen wir konsequent fortsetzen."

Verbieten verbietet sich

Erfolge der Schadensminimierung werden zugleich konterkariert von Sch?den durch die Kriminalisierung Drogen konsumierender Menschen. Substanzen vom Schwarzmarkt und Haftstrafen ziehen enorme Gesundheitsrisiken nach sich. Viele Menschen verlieren aufgrund von Haft, Obdachlosigkeit, Infektionen und Ausgrenzung ihre Lebensgrundlage oder sogar ihr Leben.

Eine staatlich regulierte Abgabe, je nach Substanz zum Beispiel ?ber Fachgesch?fte oder das Medizinsystem, w?rde hingegen Qualit?tskontrollen erm?glichen. Polizei und Justiz k?nnten enorme Ressourcen sparen - insbesondere bei der massenhaften, aber v?llig nutzlosen Strafverfolgung von Cannabis-Konsument_innen. 2019 wurden 186.000 Delikte im Zusammenhang mit dem Konsum verfolgt.

Dazu sagt Dr. Bernd Werse Vorstandsmitglied der European Society for Social Drug Research sowie Centre for Drug Research an der Goethe-Universit?t Frankfurt:

"Millionen Menschen, darunter viele junge, konsumieren Cannabis, nicht wenige machen auch Erfahrungen mit anderen Drogen. Die meisten entwickeln keine nennenswerten Probleme. Es ist vor allem das Strafrecht, das oft Leben oder Karrieren zerst?rt. Verfolgung durch eine regulierte Abgabe der Substanzen zu ersetzen, w?rde den Konsumierenden Produktsicherheit bieten und Milliarden Euro f?r sinnvolle Pr?ventions- und Behandlungsangebote freisetzen."

Fachliche Kompetenz einbinden

Eine zentrale Forderung der Fachwelt ist, Kompetenz aus Wissenschaft, Praxis und Selbsthilfe auf offiziellem Wege in die Drogenpolitik einbringen zu k?nnen: in einem interministeriellen Fachbeirat. Frankreich und die Schweiz verf?gen bereits ?ber solche Gremien.

"Unser Ziel ist, Fortschritte in Kooperation mit politisch Verantwortlichen zu entwickeln und zu realisieren. Ein Fachbeirat k?nnte die Drogenbeauftragte gerade bei schwierigen politischen Vorhaben unterst?tzen", betont Prof. Dr. Heino St?ver.

Der Alternative Drogen- und Suchtbericht erscheint seit 2014. Er versteht sich als konstruktiv-kritische Erg?nzung zum Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung. Zu den Autor_innen z?hlen Wissenschaftler_innen ebenso wie Praktiker_innen aus der Drogenhilfe und Selbsthilfevertreter_innen.

Mehr Informationen:

Webseite des Alternativen Drogen- und Suchtberichts (https://alternativer-drogenbericht.de/)

Der Bericht als PDF (https://www.aidshilfe.de/sites/default/files/documents/alte rnativer_drogen-_und_suchtbericht_2020.pdf)

Der Alternative Drogen- und Suchtbericht ist bei Papst Science Publishers (https ://www.pabst-publishers.com/neuerscheinungen/detailansicht.html?tt_products%5Bba ckPID%5D=460&tt_products%5Bproduct%5D=1774&tt_products%5Bcat%5D=84&cHash=94aa463 989354009f4f66b51e6d03592) gedruckt (ISBN 978-3-95853-636-4) und als eBook (ISBN 978-3-95853-637-1) erh?ltlich.

Pressekontakt:

Deutsche Aidshilfe Holger Wicht - Pressesprecher Tel. (030) 69 00 87 - 16 mailto:presse@dah.aidshilfe.de http://www.aidshilfe.de

Weiteres Material: http://presseportal.de/pm/14407/4727181 Deutsche AIDS-Hilfe

@ presseportal.de