Finanzen, Weltwirtschaft

Auf Bali trifft sich die weltweite Finanzelite - und diskutiert vor allem ein Thema: Den Handelskrieg zwischen China und den USA.

12.10.2018 - 10:32:06

Analyse - Bangen in Bali und Chinas Angriff. Peking entfaltet über Kreditvergaben immer mehr Macht - der Westen kann nur reagieren. Und parallel wachsen die Sorgen vor einem großen Crash.

Nusa Dua - Betten haben gewackelt, und so manchem Minister ist der Schreck in die Glieder gefahren. Nach dem Erdbeben mit wohl mehr als 2000 Toten in der indonesischen Provinz Sulawesi hat es nun auch - wesentlich weniger schwerwiegend - die Ferieninsel Bali getroffen.

Ausgerechnet als dort die Finanzelite der Welt tagt. Und man wird den Eindruck nicht ganz los, dass die Natur den Vorboten spielen könnte, für die Beben, die der Weltwirtschaft bald erst noch bevorstehen.

An der Börse sind viele Kurse im Sinkflug, die Crash-Angst wächst und die Mischung aus steigenden Zinsen in den USA, dem Handelskrieg von US-Präsident Donald Trump mit China, Italiens Schuldenberg und einer sich eintrübenden Konjunktur lassen Analysten nervös werden. Das ganze Gefüge der Weltwirtschaft ist stark unter Druck geraten.

Entsprechend intensiv wird am Indischen Ozean bei der Jahrestagung von Internationbalem Währungsfonds (IWF) und Welzbank in den weitläufigen Hotelanlagen diskutiert. Der deutsche Finanzminister Olaf Scholz (SPD) neigt nicht zur Kassandra, er ist 14 Stunden mit der «Konrad Adenauer» nach Bali gereist - auch als Zeichen der Solidarität mit dem katastrophengeplagten Indonesien. Dort ist eine für seine Partei nahende politische Katastrophe bei der Landtagswahl am Sonntag in Bayern ersdtmal weit weg. Der SPD droht Platz vier, auf Bundesebene ist die SPD in Umfragen gerade auf 15 Prozent abgestürzt.

Für den Hanseaten könnte als Chef über die Staatsfinanzen bald eine echte Bewährungsprobe kommen - ein Ende der Schönwetterperiode naht. «Es ist was los in der Welt», sagt er auf seine trockene Art. Auch der Euro-Zone könnten neue Schocks drohen, wegen der Ausgabenpläne der populistischen Regierung in Italien mit Mehrausgaben von 36,7 Milliarden Euro. Aber Scholz war vor Panik und Belehrungen, gerade die stärkere Unzterstützung von Langzeitarbeitslosen kann er auch nachvollziehen, sein Rat: «Seid vorsichtig, mit dem was ihr macht.» Die Stimmung ist in Zeiten einer erstarkenden AfD auch in Deutschland zudem nicht mehr so, dass Rettungspakete einfach zu schnüren wären.

Die Bundesregierung hat soeben ihre Wachstumsprognose von 2,3 Prozent auf 1,8 Prozent gesenkt, der IWF nahm sogar 0,6 Punkte zurück, auf 1,9 Prozent. Scholz verweist darauf, dass sein Bundeshaushalt konservativ gerechnet sei, dass also auch bei einem Einbruch und weltweiten Turbulenzen genug Puffer zum Gegensteuern vorhanden ist. Gemeinsam mit Bundesbankpräsident Jens Weidmann betont er, ja, es gibt Risiken - vor allem wenn der US-Handelskonflikt eskaliert. Die heftigen Kursverluste an den Börsen nennt Weidmann eine «Korrektur». Die Botschaft des Duos: Keine Panik, noch wachse die Wirtschaft ja.

Aber die dunklen Wolken mehren sich - und vielen Staaten fehlt die Feuerkraft, um bei Turbulenzen mit Konjunkturpaketen dagegenzuhalten. Bei Anwendung der bisher eingeführten und angekündigten Maßnahmen - inklusive Autozölle - würden die USA nach IWF-Berechnung 0,9 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung einbüßen; China 0,6 Prozent. Bei einem vollen Handelskrieg würde laut WTO das internationale Handelsvolumen um bis zu 17,5 Prozent sinken - mit durchschlagender Wirkung auf die Weltwirtschaft. Millionen Arbeitsplätze könnten in Gefahr geraten.

Gewichte verschieben sich - in Bali wird deutlich, wie sehr China bereits als Wirtschafts- und Finanzmacht in aller Welt verflochten ist. Auch deshalb gibt es ja die Attacken von US-Präsident Donald Trump. Interessant: Trotz des Handelskrieges sind die chinesischen Exporte im September unerwartet stark gestiegen. So legten dem chinesischen Holl zufolge die chinesischen Ausfuhren in US-Dollar berechnet um 14,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat zu.

Die Hegemonie des Westens - unter Führung der USA - scheint ins Wanken zu geraten. In einer Finanz- und Wirtschaftswelt, die künftig in die drei großen Blöcke USA, China und Europa aufgeteilt sein wird, befürchten die USA - wie der gesamte Westen - hinter dem Reich der Mitte zurückzubleiben. Trumps Handelskrieg mit Strafzöllen, der in Bali beinahe jede Diskussion beherrscht, ist somit auch ein Versuch, Peking in die Schranken zu weisen - oder zumindest Zeit zu gewinnen.

Auch Scholz verweist in Bali zudem auf einen Punkt, der vielen Sorge bereitet: die Überschuldung vieler Entwicklungs- und Schwellenländer bei China. US-Politiker sprechen von einem «aggressiven Geldverleih» der Chinesen, der es zum Ziel habe, politischen Einfluss zu gewinnen und «Kommunismus zu exportieren.» Bisher sind alle Bemühungen gescheitert, China zum Beitritt in den «Pariser Club» zu bewegen.

Die 22 Mitglieder, darunter Deutschland, die USA, Japan, Frankreich, Großbritannien und Russland, haben vergleichbare Kreditregeln und verhandeln immer wieder miteinander größere Schuldennachlässe für Staaten. Scholz würde China gerne mit im Boot sehen, um es hier einzuhegen. Es brauche gemeinsame Regeln, wie man mit den Schulden anderer Staaten umngehe, sagt Scholz. «Die nächsten Krisen können auch kommen von denjenigen Krediten, die gewissermaßen ungeregelt vergeben worden sind oder über die man keinen großen Überblick hat».

IWF-Direktor Tobias Adrian betont: «Schwellenländer und Entwicklungsländer haben ihre Schulden bei anderen Ländern erhöht.» China nennt er nicht - muss er auch nicht. Es ist längst bekannt, dass Peking mit seiner Seidenstraßen-Initiative die Infrastruktur afrikanischer und asiatischer Länder verbessern - und den eigenen Einfluss in diesen Regionen erhöhen will. Wie sehr Peking die USA - selbst ebenfalls ein großer Schuldner Chinas - vor sich hertreibt, zeigt das Beispiel Pakistans. Die Atommacht steht in Peking massiv in der Kreide - und braucht jetzt die Hilfe des IWF, um sich über Wasser zu halten. Die Hilfsgelder werden damit zu großen Teilen von den USA bereitgestellt. Washington ist mit Abstand größter Teilhaber des IWF.

Auch in Deutschland hat China viele Milliarden Euro investiert, die Bundesregierung will in sensiblen Bereichen wie Telekommunikation, IT-Sicherheit, Kraftwerke, Stromnetze, Trinkwasserversorgung und Zahlungsverkehr nun die Hürden für Übernahmen deutlich erhöhen: Wenn ein Investor aus einem Nicht-EU-Staat Anteile erwerben will, soll es ab einem geplanten 15-Prozent-Anteil eine Investitionsprüfung geben.

Scholz fordert zudem in Bali, «den Urheberschutz für unsere Produkte und Leistungen in China zu erhöhen». Mit Blick auf Donald Trump, der China mit Strafzöllen überzieht, betont er, dass man gerade solche Konferenzen brauche, auch wenn der Fortschritt oft eine Schnecke ist. «Als Europäer setzen wir nicht auf Konflikt, sondern auf Gespräche», meint der Verhandlungsprofi. Und sagt Richtung Trump: Die Hoffnung sei, «dass das irgendwann wieder ein Vorbild werden kann für alle.»

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